Woran denken Sie beim Wort „Barock“? Ich vermute, einigen wird als erstes die sogenannte Barockmusik in den Sinn kommen, Kantaten von Johann Sebastian Bach, Opern von Georg Friedrich Händel oder Konzerte von Antonio Vivaldi. Andere werden an prächtig ausgestattete Kirchen mit Heiligenbildern, Stuck und Putten denken. Oder Sie haben schon einmal ein barockes Schloss besucht, Versailles etwa, Dresden oder die Würzburger Residenz. Sie werden sich an die überbordende Ausstattung erinnert, an prachtvolle Kunstwerke, Schmuck, Perücken und opulente Kleidung. Vielleicht haben Sie im Deutschunterricht ja auch einmal den „Simplicissimus“ gelesen oder Gedichte von Andreas Gryphius. Die barocke Sprache ist verschachtelt, kompliziert und prätentiös. Wahrscheinlich kennen Sie das eine oder andere barocke Kirchenlied: „Geh aus mein Herz und suche Freud“ etwa, „O Haupt voll Blut und Wunden“ oder „Maria, breit den Mantel aus“. Gerade im süddeutschen Raum, in Österreich, Italien, Spanien und Portugal ist die Barockzeit besonders stilprägend für die Kunst und die Kirche geworden. Die Epoche ist durchaus präsent, gerade in der Kirchenmusik, zugleich ist sie aber vielen fremd und verschlossen. Besucht man mit deutschen Reisegruppen Rom, äußern immer einige, dass sie sich vom Gold und der Pracht der Kirchen erschlagen fühlen, freuen sich aber sonst am barocken Gepräge, am Trevibrunnen, am Petersplatz oder den großartigen Kunstwerken eines Caravaggio oder Bernini.
In den sozialen Netzwerken begegnet einem in der Welt der Reise-Influencer allerhand Barockes. Das ist nicht erstaunlich. Der Barock hat sehr viel Schauwerk. Durch die optischen Filter der Kameras noch einmal verschönert, erstrahlt die Münchner Asamkirche, der Palazzo Colonna in Rom oder der Spiegelsaal von Versailles in besonders schöner Pracht. „Das muss man gesehen haben“ – so die Botschaft. Ein Ort zum Staunen und für Selfies – aber auch ein Ort, den man verstehen kann?
Genau um dieses Verstehen soll es in diesem Text gehen. Gerade aus meiner Erfahrung mit Reisegruppen habe ich mit der Zeit gelernt, dass die Epoche des Barock heute ein gewisses Maß an Erläuterung braucht. So möchte ich mich an einer kleinen Einführung in den Barock versuchen, in aller Bescheidenheit und hoffentlich einigermaßen verständlich. Ich möchte Sie mitnehmen auf eine kleine Tour in die Gedankenwelt einer Epoche, die ungewöhnlich und fremd ist. Dieses Vorhaben schien mir auch deshalb nützlich, weil es im Vergleich zu anderen Epochen relativ wenig an allgemein verfügbarer Literatur zu geben scheint. Wenn Sie etwas über die Antike, das Hohe Mittelalter, die Renaissance, die Aufklärung oder die Romantik wissen möchten, werden sie in den Buchhandlungen (sofern sie solche noch nutzen) wesentlich besser bedient. Der Barock liegt uns fern – und das hat Gründe, wie Sie sehen werden.
Was ist „Barock“?
Mit Epochenbezeichnungen ist das so eine Sache. Fragt man die Historiker, bekommt man keine eindeutige Antwort. Epochen haben ihre Vorläufer und Nachzügler. Sie lassen sich weniger gut eingrenzen, als man auf den ersten Blick glauben sollte. In die Diskussion, wann nun eigentlich die Barockzeit begann und endete, will ich mich nicht zu sehr einmischen. Es gibt auch Forscher, die den Barock gar nicht als eigene Epoche gelten lassen wollen, sondern in ihm lediglich eine Fortsetzung der Renaissance erkennen wollen.[1] Grob gesagt befinden wir uns beim Barock im 17. Jahrhundert. Da ich mich vor allem auf den Bereich der katholischen Frömmigkeit, Theologie und Kunst beziehen werde, würde ich als Ausgangspunkt das Trienter Konzil nehmen, das 1563 endete. Tatsächlich setzte mit Trient eine Umgestaltung von Kirchenräumen und Liturgie ein, die nachhaltige Wirkung hatte. Als erstes Meisterwerk dieser neuen Baukunst wird allgemein die Jesuitenkirche „Il Gesú“ in Rom genannt, die zwischen 1568 und 1584 entstand. Über die enge Verbindung des Jesuitenordens und der Barockkunst und -frömmigkeit wird noch zu sprechen sein. Die barocke Baukunst wurde in Süddeutschland in ihrer Spätform des „Rokoko“ aber noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts weitergeführt, als an anderen Stellen bereits der „neue“ klassizistische Stil aufkam.
Politisch ist es die Zeit des „Absolutismus“, also der ungebremsten Herrschaft der Fürsten.[2] Die heutigen großen Nationalstaaten, vor allem Deutschland, Italien oder Spanien bestanden aus vielen kleinen Königs- und Fürstentümern, die mit Abstand betrachtet, vor allem mit drei Dingen besonders beschäftigt waren: Mit dynastischen Fragen, also dem Heiratsmarkt, der zusätzliches Territorium und Einkünfte versprach, mit Kriegsführung (zu den gleichen Zwecken) und mit dem Ausbau ihrer repräsentativen Höfe. Dazu gehörte, dass man sich die Dienste berühmter Künstler und Baumeister sicherte und bei Hof Maler, Bildhauer, Architekten, Musiker und Hofschneider beschäftigte, zuweilen auch Gelehrte aller Art, Wissenschaftler und Philosophen. Glanz und Ruhm eines Hofes repräsentierte Glanz und Ruhm eines Landes und zugleich Glanz und Ruhm der Fürstenfamilie. So sind die Namen vieler Regionalfürsten auch deshalb heute noch bekannt, weil sie es sich leisteten, einen Michelangelo, Rubens, Tiepolo, Neumann oder die Brüder Asam bei sich zu beschäftigen. Bauen und Kunst kosten Geld. Auch wenn einige Staaten im 17. Jahrhundert bis zu 90% ihrer Einkommen für die Kriegswirtschaft ausgaben[3], fiel für die Kunst immer noch etwas ab. Ein Großmeister wie Gian Lorenzo Bernini (1598-1680), der Übervater des römischen Barock war sein Leben lang auf Päpste und römische Adelsfamilien angewiesen, die bereit waren, sich für ihre Bau-, Kunst- und Sammelleidenschaft hoffnungslos zu verschulden. Berninis Karriere erlebte einen tiefen Einbruch, als mit Gregor XV. zwischenzeitlich ein Papst an die Macht kam, der den ernsthaften Versuch unternahm, die Finanzen des Kirchenstaats in Ordnung zu bringen und alle teuren Bauvorhaben auf Eis legte.[4]
Auf Bernini werden wir noch wiederholt zu sprechen kommen, ebenso wie auf die große Bedeutung der „Repräsentation“, die nicht nur für die Fürstenhöfe zur Darstellung ihrer Herrschaft wichtig war, sondern als Schlüsselbegriff für die gesamte Epoche des Barock gelten kann – auch in theologischer und geistlicher Hinsicht. Die Kirche hat in dieser Zeit ähnliche Kunstanstrengungen getätigt und sich ähnlich finanziell verausgabt. Dies hat zum Teil mit der Verquickung von weltlicher und geistlicher Macht zu tun (noch gab es ja die Fürstbischöfe und auch der Papst war weltlicher Herrscher des Kirchenstaats), zum anderen ging es zugleich um einen geistlichen Aufbruch, gerade in Konkurrenz zum stärker werdenden Protestantismus in der Ländern Mittel- und Nordeuropas.
Der durchschnittliche Mensch der Barockzeit wird von all dem, was wir heute als Relikte der Barockzeit bewundern nur Ausschnitte mitbekommen haben. Er wird aber zumindest an der Kirchenkunst und Kirchenmusik teilgehabt haben können. An der höfischen Kultur der Perücken und Seidenstrümpfe, der Jagdvergnügen und Tanzgesellschaften, der prächtigen Concerti und Theateraufführungen hatte der Durchschnittsmensch des Barock keinen Anteil. Er lebte zumeist von der Landwirtschaft oder als Handwerker. Prägend für das Alltagleben waren eher die ständigen Kriege mit ihren verheerenden Nebenwirkungen von Plünderungen und Verwüstungen, etwa der 30jährige Krieg, die Pestwellen, die hohe Kindersterblichkeit oder auch die grassierenden Hexenverfolgungen, alles Dinge, die heute fälschlicherweise gerne dem Mittelalter in die Schuhe geschoben werden. Allerdings war auch der einfache Bürger in die heftigen Religionsauseinandersetzungen mit einbezogen und erfuhr durch die kirchlichen Verkündigungs- und Frömmigkeitsoffensiven Prägungen seines persönlichen geistlichen Lebens. Einige Ausschnitte davon werden wir betrachten.
Der Ausgangspunkt
Die kleine gesellschaftliche Skizze hat bereits gezeigt, dass wir es im Barock mit einer Zeit tiefer Gegensätze zu tun haben. Das ist nicht ganz neu. Die gesellschaftlichen Gegensätze bestanden natürlich auch schon in den vorherigen Epochen. Nun aber werden sie mit einem Mal in ihrer äußeren Darstellung gesteigert. Die scheinbare Prunksucht des Barock erregt heute eher Zweifel und Abscheu. Sie wird mit einem überwundenen Gesellschaftssystem in Verbindung gebracht. Daher wird gerade diese Epoche mit überzogenen Ansprüchen weltlicher und geistlicher Macht verbunden. Aber man muss genauer hinschauen. Die Epoche ist mit diesem Aspekt noch nicht abgehandelt. Vielmehr lohnt sich die Betrachtung der zugrunde liegenden Ideenwelt, die so wundersam, wie auch begeisternd sein kann. Um sie soll es im Schwerpunkt gehen.
Bevor wir mit der Tiefenerkundung beginnen, sei noch einmal an den Ausgangspunkt erinnert, von dem die barocke Erneuerung startet. Man könnte beim Betreten einer Barockkirche oder eines Fürstenpalastes dieser Zeit meinen, Kirche und Staat stünden hier auf dem Höhepunkt ihrer Macht und ihrer finanziellen Möglichkeiten. Aber das ist (auch typisch „Barock“) mehr Schein als Sein. In Wirklichkeit hatte sich die Welt im 15. Jahrhundert bereits stark verändert.
Die alte Ordnung des Mittelalters war längst ins Schwanken geraten. Zum einen hatte sich die Welt geografisch enorm erweitert. Die sogenannte Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 und der auf sie folgende Kolonialismus verschob nicht nur den Horizont auf den Weltkarten, er führte den globalen Handel ein und er brachte auch das europäische Machtgefüge ins Wanken. Dank der neuen Handelsbeziehungen und der Ausschlachtung der Reichtümer der Neuen Welt traten in Europa neue finanzielle Supermächte auf den Plan, namentlich Spanien, die Niederlande und Portugal, später auch England, die den etablierten Großmächten Konkurrenz machten. Für Frankreich aber auch das Deutsche Reich und die italienischen Staaten galt es, mitzuhalten, in militärischer aber auch repräsentativer Hinsicht. Profiteure waren unter anderem die Bankhäuser und Handelsgesellschaften, in denen das Geld bewegt wurde. Es entstand eine neue Form des Mäzenatentums. Auf einmal waren neureiche Privatleute und Familien als Finanziers ganzer Staaten wichtig geworden.[5] Das Kapital verteilte sich neu. Es ist daher ein Wunder, dass es nicht das ehrwürdige Paris oder Rom war, sondern die Finanzmetropole Florenz, in der sich die Renaissance entwickelte. Dort und an anderen neuen Zentren sammelten sich bei guter Bezahlung die führenden Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller und Philosophen. Mit der Neuerforschung der Antike beschritt man neue Wege, ob in der Medizin, der Astronomie, in der Malerei und Bildhauerkunst, in der Literatur und Philosophie.
Die Päpste in Rom fühlten sich genötigt, nachzuziehen. An weltlicher Macht war ihnen nicht viel geblieben. Schon seit einigen Jahrhunderten verdankten sie ihre Sicherheit und auch Teile ihres Wohlstands dem Wohlwollen der Herrscherhäuser der politischen Großmächte. Rom selbst war ziemlich auf den Hund gekommen. Die Stadt hatte um 1500 gerade einmal 50 000 Einwohner. Rom wurde nun im Geist der neuen Zeit grundlegend renoviert. Dazu war man auch auf das Geld der reichen Familien angewiesen, die zunehmend Einfluss auf das Papsttum nahmen. Wichtige Päpste der Renaissance und des Barock stammten aus diesem Milieu, etwa aus der aus Norditalien stammenden und in Urbino zu Geld gekommenen Familie della Rovere (u.a. Julius II., der den neuen Petersdom in Auftrag gab), aus der Familie Medici (Bänker und Händler aus Florenz), aus der Familie Borghese (Landadlige und Unternehmer aus Siena) oder Chigi (Bankiers aus Siena). Der Ausbau Roms war ein Akt der symbolischen Aufwertung des Papsttums, eine Machtbehauptung, die den eigentlich sinkenden Stern der weltlichen Papstherrschaft kaschierte. Das neue Rom der prächtigen Kirchen, Paläste, Brunnen und Plätze war also machttechnisch gesehen mehr Schein als Sein. Geistlich war nicht viel los. So schien es mindestens den Zeitgenossen. Rom verwandelt sich in eine Stadt der Musen mit den Bildern heidnischer Götter in den Residenzen der Kardinäle, mit ausgelassenen Partys und Venusgrotten in den neugestalteten Parks der Landsitze.
So kam es zumindest in den Weiten Europas an. Die Proteste Martin Luthers richteten sich gegen nicht zuletzt gegen diese aus seiner Sicht verweltlichte Kirche, die sich vor allem durch ein ausgefeiltes Fundraising für den neuen Petersdom durch den Verkauf von Bischofsämtern und den in diesem Zusammenhang neu erfundenen Ablasserwerb durch Geldzahlungen bemerkbar machte. Der Papst, so Luthers Vorwurf, missbrauche seine geistlichen Befugnisse für weltliche Anliegen. Die Kirche verkomme so zu einem großen Geschäft.
Luther legte, wie andere seiner Zeitgenossen auch, die Finger in die Wunde. Die Kirche war in eine große innere Krise geraten. Die Renaissance offenbarte eine gewisse geistliche und theologische Leere. Dabei ging es doch um das Seelenheil der Menschen, um einen festen Glauben und eine innerliche Frömmigkeit, um den Auftrag des Evangeliums zur Verkündigung, Heiligung und zur Nächstenliebe. Die Konsequenz Luthers und der anderen Reformatoren war es, diesem Auftrag zur Not eben auch ohne die Mittel der institutionellen Kirche gerecht zu werden, durch eine radikale, also auf die Grundlagen des Glaubens zurückführende Volksmission. Das einsetzende innere Zerbrechen der einen Kirche war eine der zentralen Herausforderungen des 16. Jahrhunderts. Andere kamen hinzu. Wie etwa sollte man im Zuge der Welterweiterung mit den vielen Menschen umgehen, die vom christlichen Glauben bislang noch nicht berührt worden waren? Wie sollte eine geeignete Mission in Amerika oder Asien aussehen? Und zugleich war das 16. Jahrhundert bereits die Zeit, in der das christliche Abendland durch die Ausdehnung des Osmanischen Reiches (Türkenkriege) bedrängt wurde und die sarazenische Piraterie mit Plünderungen und Verschleppungen von Christen in islamische Länder für Angst und Schrecken sorgte. Die Katholische Kirche sah sich also in der Bedrängnis durch Andersgläubige (Muslime) und Anderskirchliche (Protestanten), durch nichtchristliche Denkweisen (Philosophie, Wissenschaft) sowie vor der Herausforderung angesichts der großen Zahl von Nichtchristen in der Weltweite des Westens und Ostens.
Auf diese multiplen Krisen des 16. Jahrhunderts musste eine Antwort gefunden werden. Es galt, die Kirche innerlich zu reformieren, neu an Stärke zu gewinnen. Mitte des Jahrhunderts nahmen diese Bestrebungen deutlich zu und zeigten erste Erfolge. Und hier beginnt im Grunde aus katholischer Sicht die Barockzeit. Sie ist im Kern eine Zeit der kirchlichen Erneuerung.
Beitragsbild: Innenraum der Asamkirche in München
[1] S. hierzu Marian Füssel, Barock im Plural – Kulturgeschichtliche Perspektiven auf das lange 17. Jahrhundert, in: Brabant / Liebermann (Hg.), Barock, Würzburg 2017, 21-39.
[2] Henning Ottmann, Politisches Denken im Zeitalter des Barock, in: Barock 2017 (a.A.o.), 41-53, 42f.
[3] Diese Angabe fand ich bei Geoffrey Parker, Der Soldat, in: Villari (Hg.), Der Mensch des Barock, Frankfurt 1997, 47-81, 70.
[4] S. Arne Karsten, Bernini – Der Schöpfer des barocken Rom, München 2006, 36ff.
[5] S. Daniel Dessert, Der Finanzier, in: Barock (a.A.o.), 82-113, 91ff.; 96f.
Ich vermisse Sie. Wir fahren demnächst 3 Tage nach Schwerin – wie seltsam es sich anfühlt, dann ohne Propst… Ihnen gutes Ankommen an neuem Platz! Herzlich Susanne Petermann
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