Sittenverfall und Untergang [zu Mariä Himmelfahrt]

„Ja, die Sitten verfallen.“ Diese Klage ist offenbar zu allen Zeiten zu hören. Sie mischt sich in die alltäglichen Gespräche über die aktuelle Gesellschaft: „Früher war mehr Anstand, mehr Höflichkeit, mehr Gemeinsinn.“ Immer wieder einmal verhandelt die Politik die Fragen nach dem gesellschaftlichen Umgang. Die BILD-Zeitung veröffentlichte 2023 ein Manifest mit 50 verbindlichen Regeln für ein gutes Zusammenleben in Deutschland. Diese Sorge um die Moral im Inneren ist nicht unbegründet – sie ist aber auch nicht neu. Kann eine Gemeinschaft tatsächlich auf Dauer bestehen, wenn sie keinen gemeinsamen ethischen Kompass hat? Der Zusammenhang von sittlichem Verfall und äußerlichem Verfall einer Zivilisation wird in der Geschichte immer wieder bemüht. Offensichtlich wird ersterer als Vorbote des zweiten gewertet. Daher ist das Anprangern der schlechten Sitten und der moralischen Instabilität Wasser auf den Mühlen derjenigen, die „Deutschland am Abgrund“ sehen möchten. Das Thema ist hoch aktuell.

Ich möchte der Geschichte des Sittenverfalls ein wenig nachgehen. Anlass dafür bietet das Fest „Mariä Himmelfahrt“. Auf den ersten Blick haben beide Dinge nichts miteinander zu tun. Aber es gibt in der marianischen Tradition eine durchaus bemerkenswerte Verbindung, allerdings eine, die weder auf Seiten der „Sittenwächter“, noch auf der Seite der marianischen Deutungsgeschichte unproblematisch ist.

Alles beginnt biblisch mit der Vernichtung der sprichwörtlich gewordenen Städte Sodom und Gomorra. Dort hatte sich Lot, der Neffe Abrahams mit seiner Sippe niedergelassen. Schon früh wird gewarnt, dass die Einwohner der Städte „böse und sündig“ waren (Gen 13,13). Gott beschließt, die Städte zu vernichten. Abraham aber setzt sich bei Gott, der ihn durch die die drei Engel besucht, für die Leute von Sodom ein und verhindert das Gericht zunächst (Gen 18). Dann jedoch kommt es zu einem folgenschweren Vorfall. Die drei Männer (Engel Gottes) besuchen Lot in Sodom. Da versammelt sich vor dem Haus ein Mob und fordert ihre Herausgabe, mit dem Ziel, die Männer zu vergewaltigen. Dass Lot den Leuten vor Haus an ihrer Stelle einige Frauen aus seiner Familie zum Tausch anbietet, macht die Sache moralisch nicht besser. Lot, der Familie und seinen Gästen gelingt es schließlich, aus der Stadt zu fliehen. Der Rest ist Geschichte. Wegen der moralischen Verderbtheit werden die Städte durch Schwefel und Feuer vernichtet (Gen 19).

Diese Urszene bleibt wirksam. In den Ruinen der im Jahr 79 durch einen Vulkanausbruch vernichteten Stadt Pompeji fand man ein Grafitto mit der Inschrift „Sodom und Gomorra“. Offensichtlich wurde von einigen auch hier der Untergang der Stadt mit den schlechten Sitten in Verbindung gebracht.[1] Zumindest ist Pompeji noch heute wegen seiner Bordelle und den in ihnen gefundenen erotischen Wandmalereien bekannt. Im alten Rom taucht der Zusammenhang von Sittenverfall und Vernichtung allerdings auch ohne biblischen Bezug häufiger auf. Er diente zum einen, die Eroberung und Zerstörung von Städten moralisch zu rechtfertigen, zum anderen dazu, die eigene Bevölkerung zu einem gesitteten Miteinander zu animieren.

148 vor Christus eroberten und zerstörten die Römer das griechische Korinth. In den Jahrzehnten danach wurde die Stadt bei den römischen Dichtern zunehmend zu einem Ort der Ausschweifung und Unmoral umgedeutet, wohl auch, um die Zerstörung zu rechtfertigen.[2] Ganz ähnlich wurde die Eroberung Karthagos ein Jahr zuvor gedeutet.[3] Cicero verwies auf die Grausamkeit, Gier und Hinterhältigkeit der Karthager. Zugleich entstand für den innerrömischen Diskurs auch die These, dass mit dem endgültigen Untergang Karthagos nun auch die Sittenlosigkeit in der römischen Oberschicht Einzug gehalten hatte.

Biblisch ist das Motiv der Zerstörung wegen der schlechten Sitten des Volkes etwa aus dem Buch Jona bekannt, wo der Prophet nach Ninive geschickt wird, um der Stadt wegen ihrer schlechten Taten das Strafgericht anzudrohen – das schließlich aufgrund der Buße und Bekehrung der Bevölkerung nicht vollstreckt wird. Die Prophetenbücher sind voll von der Klage über die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier. Besonders eindrucksvoll ist hier das Buch der Klagelieder, das zugleich mit der Trauer über die Verwüstung der Stadt ein Aufruf zu Reue und Buße ist. Die Deutung: Die Zerstörung Jerusalems war eine Strafe Gottes für die Sünden des Volkes.

Im Jahr 410 wurde Rom von gotischen Truppen überfallen, erobert und zerstört. Das scheinbar unbesiegbare Rom war gefallen. Als Reaktion auf dieses traumatische Ereignis schreibt Augustinus seine große christliche Apologie über die göttliche Stadt („De civitate Dei“). Gegen den Vorwurf, die Christen seien am Unglück Roms Schuld, rechnet Augustinus unter Verweis auf die römischen Schriftsteller der Stadt selbst ihre Verfehlungen durch die Geschichte vor. Er berichtet von der Grausamkeit der römischen Feldzüge, der Maßlosigkeit des Luxuslebens, der Verehrung der falschen Götter und schließlich auch von der Zügellosigkeit der Theaterdarbietungen und Zirkusspiele. Mit Verweis auf Scipio schreibt Augustinus, dass dieser „nicht der Meinung war, dass der Staat glücklich sei, wenn nur die Mauern feststehen, während es mit den Sitten abwärts geht“.[4] Der Untergang Roms ist also nur eine logische Folge des inneren Verfalls der Gesellschaft. Sie hat auf die weisen Ratschläge kluger Männer und Frauen nicht hören wollen.

In der Bibel selbst wird diese Dekadenz Roms im Buch der Offenbarung des Johannes thematisiert. Diese letzte Schrift des neuen Testaments entstand vermutlich am Ende des 1. Jahrhunderts unter dem Eindruck der Christenverfolgungen durch Kaiser Domitian. Rom erscheint in Offb 17 in der Gestalt der „großen Hure Babylon“. Diese wird wie folgt beschrieben (Offb 17,4-6): „Die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlach und übergoldet mit Gold und Edelsteinen und Perlen, und sie hatte einen goldenen Becher in ihrer Hand, voller Greuel und Unreinheit ihrer Unzucht […]  Und ich sah die Frau trunken vom Blut der Heiligen und vom Blut der Zeugen Jesu.“ Die Frau sitzt auf einem siebenköpfigen Ungeheuer – ein Bild für die sieben Hügel Roms (Offb 17,9). Die Stadt wird in Offb 18 unter großem Wehklagen aller, die von ihr abhängig waren wegen ihrer Schlechtigkeit vernichtet. An ihre Stelle tritt nun die Herrschaft Christi (des Lammes) (Offb 19,6-10) und schließlich nach langem Kampf das neue Jerusalem, die Stadt Gottes (Offb 21). Die Offenbarung beschreibt hier also einen Übergang vom Reich der Sünde zu einem göttlichen Reich.

In der Geschichte ist dieser Übergang immer einmal wieder auf die jeweils gegenwärtige Zeit bezogen worden. Während Augustinus klar sah, dass die Erwählung zum Gottesreich und zum ewigen Leben allein durch Gottes freie Wahl erfolgt, unternahmen andere den Versuch, das Gottesreich durch ein besonders tugendhaftes Leben selbst schaffen zu wollen. Dies ging selten gut, wie die Beispiele der Tugenddiktaturen der Katharer in Frankreich oder Johannes Calvins im Genf des 16. Jahrhunderts zeigen.

Doch nun zu Maria. Die Offenbarung des Johannes kennt neben Babylon schließlich noch eine weitere große Frauengestalt. In Offb 12, 1-2 heißt es: „Und ein großes Zeichen erschien am Himmel. Eine Frau, bekleidet mit der Sonne und der Mond war unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen. Und sie ist schwanger und schreit in Geburtswehen und in Schmerzen soll sie gebären.“ Die Frau wird während und nach der Geburt ihres Kindes, eines Sohnes vom gleichen Untier bedroht, auf dem später die „Hure Babylon“ reiten wird. Die Frau bringt sich mit Hilfe der Engel und der Erde in die Wüste in Sicherheit. Der Drache zieht daraufhin aus, um mit „den übrigen ihrer Nachkommenschaft, welche die Gebote Gottes halten und das Zeugnis Jesu haben“ Krieg zu führen (Offb 12,17).

Für wen steht diese Frau? Im Unterschied zur Person „Babylon“ ist sie nicht mit irdischem sondern mit himmlischem Schmuck der Gestirne umgeben. Da das „Untier“ mit den sieben Köpfen in Offb 13 mit Rom identifiziert wurde, könnte die Frau also für das Volk Israel stehen, aber auch für die Kirche als Gemeinschaft der Christusgläubigen. Die Zahl der zwölf Sterne verweist auf die Vollzahl der Stämme Israels, beziehungsweise des Gottesvolkes. Mit dem Kind dürfte der Messias gemeint sein. Da davon gesprochen wird, dass es weitere Nachkommen der „Frau“ gibt, die als Christgläubige identifiziert werden, spricht einiges für die Deutung der Figur als „Kirche“. Ganz geht dies aber nicht auf. Schließlich gebiert nicht die Kirche den Messias, sondern der Messias die Kirche. Der Theologe Hans Urs von Balthasar geht davon aus, dass sich für die Christen schon früh eine Deutung auf Maria nahegelegt hat, die in der frühchristlichen Literatur auch gut bezeugt ist. Maria erscheint hier allerdings nicht als eine historische Persönlichkeit, sondern als Typus, als Bild der Kirche. Sie ist umkleidet vom Glanz der Gestirne, also im Himmel bereits erwählt, gebiert auf der Erde den Messias und wird so zur symbolischen Mutter der Gläubigen. Ihre Heimkehr zu Gott, eben „Mariä Himmelfahrt“ ist dann letzte Konsequenz ihrer immerwährenden Erwählung.[5]

Tatsächlich etabliert sich in der christlichen Kunst das Bild der Muttergottes als „himmlische Frau“, auf der Mondsichel stehend und von einem Kranz aus zwölf Sternen umgeben. Diese Darstellung ist besonders im Barock und im 19. Jahrhundert beliebt. Es war wohl das Mittelalter, dass diese typologische Deutung Mariens besonders gefördert hat. In der Theologie und der Volksfrömmigkeit werden die heilsgeschichtlichen Aussagen der Evangelien weitergedacht und ergänzt. Neben die Jungfrau und Gottesmutter, die Mitleidende am Kreuz (Dolorosa) und die Gefährtin der Apostel beim Pfingstfest tritt nun in besonderer Weise die Heilige, die „mächtige Fürsprecherin“. Maria wird zu einem Inbild des durch die Gnade Gottes gestalteten Menschen, zu einem Symbol der Tugend und Reinheit. Sie ist die Schöpfung Gottes im Kleinen. In der Mystik des hohen Mittelalters geht man so weit, Maria als „Mikrokosmos“ (Kleine Schöpfung) zu bezeichnen, „zu deren Erschaffung Gott mehr Sorgfalt aufwandte als zur Erschaffung der Welt.“[6]

Das barocke Marienlied „Sagt an, wer ist doch diese“ (Gotteslob Nr. 531) besingt eindrücklich die mit „Mond und Sternen“ geschmückte himmlische Frau. In der dritten Strophe heißt es: „Sie strahlt im Tugendkleide, kein Engel gleichet ihr. Die Reinheit ihr Geschmeide, die Demut ihre Zier.“

Maria wird also zum Gegenbild der verworfenen sündigen Stadt, im Bild der Offenbarung der „Hure Babylon“, die der Vernichtung zustrebt. Als vorab in den Himmel Erhobene ist sie Vorausbotin des himmlischen Jerusalems und Inbild des ganz von der Gnade erfasst und durchstrahlten erlösten Menschen. An die Stelle der Verworfenheit tritt die Erwählung und damit die Hoffnung der Menschen, ebenfalls an der Vollendung teilhaben zu können. Das II. Vatikanische Konzil hat genau diese Deutung vorgeschlagen. Dort heißt es:

„Während die Kirche in der seligsten Jungfrau schon zur Vollkommenheit gelangt ist, […], bemühen sich die Christgläubigen noch, die Sünde zu besiegen und in der Heiligkeit zu wachsen. Daher richten sie ihre Augen auf Maria, die der ganzen Gemeinschaft der Auserwählten als Urbild der Tugenden voranleuchtet. […] Die Kirche aber wird, um die Ehre Christi bemüht, ihrem erhabenen Typus ähnlicher durch dauerndes Wachstum in Glaube, Hoffnung und Lieb und durch das Suchen und Befolgen des Willens Gottes in allem.“[7]

Die Parallele ist klar: So wie aus der Sittenlosigkeit, dem inneren Verfall ein äußerer folgen kann, so aus dem inneren Aufbau im Guten auch der Aufbau einer guten Gesellschaft, die das Reich Gottes bereits widerspiegelt. Dieser kleine Ausflug in die mariologische Deutungsgeschichte und das Festgeheimnis von Mariä Himmelfahrt hat zum Schluss noch eine kleine, sicher schon bekannte Pointe. Als man 1955 in einem Wettbewerb eine Flagge für Europa suchte, gewann der Entwurf des Franzosen Arséne Heitz. Er zeichnete 12 goldene Sterne auf einem blauen Untergrund. In einem späten Interview erklärte er, sich von der Sternenkranzmadonna inspiriert haben zu lassen. Die Europaflagge wäre demnach auch ein marianisches Symbol. Es gibt einige Deutungen, die dieser Version der Geschichte widersprechen. Man habe bei der Zahl 12 einfach an eine Vollzahl gedacht (etwa die Zahl der Monate oder Sternkreiszeichen). Wie dem auch sei. Marianisch lässt sich das Projekt Europa angesichts des vorher Ausgeführten sicher gut deuten: Auf dem Weg zu einer gelingenden Gesellschaft, die sich der Tugend und der Hoffnung verpflichtet weiß. Den Rest können wir dann den tagespolitischen Deutungen überlassen.  

Beitragsbild: Gnadenbild in der Kirche von Kloster Andechs – Maria mit Kind auf der Mondsichel   


[1] Pompeii: Echoes of Sodom and Gomorrah | ArmstrongInstitute.org

[2] S. hierzu: Martin Zimmermann, Versunkene Welten, München 2026, 380f.

[3] Zimmermann, 396f.

[4] Augustinus, De civitate Dei I,33.

[5] S. hierzu, Hans Urs von Balthasar, Theodramatik II,2, Einsiedeln 1978, 307ff.

[6] Zitat bei Stefano de Fiores, Maria – sintesi di valori, Mailand 2005, 21. Für die Mariologie des Mittelalters Ebd, 20-24.

[7] II. Vaticanum, Dogmatische Konstitution „Lumen gentium“, Nr. 65.

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