Ich kann über’s Wasser gehen

Auf einer Innovationsmesse in Österreich präsentierte ein Erfinder Sandalen, mit denen man über das Wasser laufen kann. Die Videos mit Versuchspersonen, die leicht staksend auf einem in der Messehalle aufgebauten Pool zu gehen begannen, sorgten für ordentlich Aufmerksamkeit und Klickzahlen. Ganz überzeugend war das Experiment nicht. Die Seewandler kamen sehr leicht ins Schwanken. Wenig Gefahr also, dass wir auf unseren Gewässern bald neben den Stand-Up-Paddlern Leute beim Lake-Walking beobachten werden.

Seit biblischen Zeiten und dem Seewandel Jesu scheint der Wunsch, über Wasser gehen zu können, präsent geblieben zu sein. Er ist ein Ausdruck dafür, das scheinbar Unmögliche möglich machen zu können. Abseits von Sandalen oder sonstigen Hilfsmitteln hat der Ausdruck „Ich kann über’s Wasser gehen“ auch einen symbolischen Sinn.

Marius Müller Westernhagen verwendet den Satz in seinem Song „Es geht mir gut“ von 1994. Es ist ein heiter-ironisches Lied über ein positives Lebensgefühl – und das, obwohl man die Mitte seines Lebens erreicht hat. Es geht um eine gewisse Sorglosigkeit der Zukunft gegenüber, einen Schwung, den man sich bewahren kann, eine positive Einstellung zum Leben.

Das Evangelium vom Seewandel fängt genau diesen Moment ganz gut ein. Nachdem die Jünger Jesus auf dem See auf sich zukommen sehen, haben sie zunächst Angst. Sie glauben, ein Gespenst oder eine Erscheinung zu erkennen. Eigentlich kann ein Mensch nicht über das Wasser gehen. Nachdem Jesus sich aber als er selbst offenbart, ist es Petrus, der sich in einem Überschwang jedoch genau dies auch zutraut. Er steigt aus dem Boot und geht über das Wasser auf Jesus zu. Doch dann bekommt er Angst vor der eigenen Courage, gerät innerlich wie äußerlich ins Wanken, versinkt im Wasser und muss sich von Jesus retten lassen.

Der Kirchenvater Johannes Chrysostomus hat in seiner Auslegung die Stelle als ein Lehrstück über den Glauben gedeutet.[1] Anders als beim ersten Mal, als die Jünger mit Jesus auf den See fahren und in einen Sturm geraten, bleibt Jesus dieses Mal am Ufer. Chrysostomus sieht darin eine pädagogische Maßnahme. Die Jünger sollen sich selbst beweisen können, ihre Ängste überwinden. Ihr Glaube soll sich langsam festigen und eigenständiger, verlässlicher werden. Petrus gibt mit seinem Seewandel ein Zeugnis seines Glaubens. Er ist so mutig, allein den Schritt auf den See zu wagen. Doch dann versinkt er. Chrysostomus folgert daraus: An dieser Stelle sieht man, dass es allein noch wenig hilft, wenn der Herr in der Nähe ist. Es braucht den festen Glauben, um ihn auch erreichen zu können.

Damit öffnet Chrysostomus den Horizont auf die Glaubenserfahrungen jedes Einzelnen. Es lässt sich leicht sagen, dass Gott in unserer Nähe ist, dass er uns beisteht. Es ist aber ein anderes, diesem Satz auch zu vertrauen und im Glauben diese Begegnung mit Gott auch zu wollen.

„Ich kann über’s Wasser gehen“ – Der Satz kann also als eine frohe und mutmachende Botschaft gelesen werden. Er heißt soviel wie „Ich traue mir etwas zu“, „Ich überwinde meine Verzagtheit“. Manchmal ist viel mehr möglich, als man denkt. Und im Scheitern – auch das zeigt die Stelle – dürfen wir vertrauen, nicht allein zu sein. Es wird eine Hand geben, die uns vor dem Versinken rettet. Vielleicht ist das der Grund, warum genau diese Szene des Evangeliums im Atrium, also dem Vorhof des alten Petersdoms in Rom in einem großen Fresko abgebildet war (heute ist eine Kopie im Inneren des neuen Petersdoms zu sehen). Es zeigt den Moment, in dem Jesus die Hand des Petrus ergreift und ihn rettet. Es ist so gewagt, wie realistisch, den Besuchern der Papstkirche zunächst den untergehenden Petrus zu zeigen. Er ist das Symbol einer Kirche, die sich selbst nicht zu sicher werden darf, die den Mut des Glaubens genauso braucht, wie ein festes Vertrauen, im Untergang nicht allein zu sein. Es ist ein Petrus, der sich nicht selbst rettet, sondern gerettet wird – und eben darin keine tragische Figur, die sich selbst überschätzt hat, sondern eine, deren Glauben ihm Schwung gibt und Selbstvertrauen. Besser losgehen, das Unmöglich wagen und sich im Zweifelsfall retten lassen, als im Boot sitzen zu bleiben.


[1] Johannes Chrysostomus, Matthäus-Kommentar, 50. Homilie.

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