An der Odyssee kommt derzeit kaum jemand vorbei. Der aktuell in den Kinos gezeigte Film des Regisseurs Christopher Nolan sorgt für volle Säle und jede Menge Gesprächsstoff. Über fast drei Stunden wird die lange Heimkehr des Kriegshelden Odysseus mit ihren Abgründen und Irrfahrten gezeigt. Der Film ist ein großartiges Werk. Nolan, der auch das Drehbuch geschrieben hat, ist schon mehrfach als ein sehr tiefsinniger und vielschichtiger Regisseur aufgefallen („Batman“, „Oppenheimer“, „Inception“).
„Die Odyssee“ scheint zunächst eine recht werkgetreue Verfilmung der Vorlage, der gleichnamigen Dichtung Homers aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. zu sein. Homer verschränkte zwei Handlungsstränge ineinander. Der eine beschäftigt sich mit den Vorgängen in Odysseus Heimat Ithaka. Seine Frau Penelope wartet dort schon seit vielen Jahren auf seine Rückkehr. Die gemeinsame Königsburg wird von allerlei Interessenten aufgesucht, die sich für die Heirat mit Penelope und damit die Königswürde bewerben, weil sie vom Tod des Odysseus überzeugt sind. Ihr mittlerweile fast erwachsener Sohn Telemachos überlegt, trotz seiner Unreife selbst König zu werden. Er unternimmt eine Reise zum König Menealos nach Sparta, einem Kampfgefährten seines Vaters im Trojanischen Krieg, um von ihm Auskunft über dessen Verbleib zu erhalten. Währenddessen hält sich Odysseus bei der Nymphe Kalypso auf einer fernen Insel auf. Sieben Jahre leben die beiden dort schon zusammen. Der Held hat seine Vergangenheit und seine Familie bereits fast vergessen. Im Original wird Odysseus auf Betreiben des Gottes Hermes von Kalypso entlassen und fährt mit einem selbstgebauten Floß über das Meer. Nach einem Sturm rettet ihn eine Nymphe und führt ihn an einen fremden Königshof. Dort erzählt Odysseus von seinen Abenteuern. Mit Hilfe seiner Gastgeber kehrt der Held schließlich nach Ithaka zurück und nimmt Rache an den Freiern seiner Frau.
Die Verfilmung behält diese Struktur der ineinander verschachtelten Erzählungen bei. Der bekannteste Teil der Odyssee, die eigentlich Irrfahrt mit ihren Abenteuern, dem Kampf gegen die Zyklopen, die Riesen, die Begegnung mit der Zauberin Circe, die Sirenen oder die Fahrt zwischen Skylla und Charybdis werden in der Rückblende erzählt. Nolan strafft den Stoff ein wenig und lässt den Helden bereits in Gesprächen mit Kalypso seine Abenteuer berichten. Die Intervention des Gottes fällt weg. Vielmehr hilft Kalypso dem Odysseus aus Liebe, seine Vergangenheit wiederzufinden und gibt ihn schließlich freiwillig zur Rückfahrt frei. Nolan geht mit dem Stoff insgesamt nicht nur aus dramaturgischen Gründen zuweilen frei um. Er möchte vielmehr etwas zeigen, gibt dem griechischen Mythos einen übergreifenden Sinn und ein philosophisches Thema.
In der griechischen Mythologie ist alles Schicksal. Die Menschen, auch die Helden sind dem Willen der Götter und ihrer Führung unterworfen. Was geschieht, ist kein Zufall, sondern wird „von oben“ gelenkt. Der Film setzt sich mit dieser Rolle der Götter auseinander. Zunächst einmal tritt der göttliche Einfluss auf der Handlungsebene deutlich zurück. Lediglich Athene, die Beschützerin und Ratgeberin des Odysseus erscheint als Person. An anderen Stellen treten die Götter nicht auf. So wird der Held in der Episode mit der Zauberin Circe anders als im Original nicht von einem Gott mit einem Heilmittel gegen die Zauberkräuter versorgt. Vielmehr löst Odysseus die Situation durch ein therapeutisches Gespräch.
Die Götter bleiben in Nolans Film trotzdem präsent. Zum einen ist Poseidon, der Meergott am Werk, wenn er die Schiffe des Odysseus in Stürme, Flauten und auf falsche Wege führt. Viel mächtiger allerdings ist Göttervater Zeus. Immer wieder zitieren die Personen im Film sein „Gesetz“. Dieses enthält als zentrales Gebot die „goldene Regel“, dass man dem anderen Menschen gegenüber so handeln solle, wie man selbst behandelt werden möchte. Beim Gesetz des Zeus scheint es sich um eine Art Kodex des guten Zusammenlebens zu handeln. Zu ihm zählen die Gast- und Fremdenfreundschaft, aber auch die würdige Behandlung der Toten. Zuwiderhandlungen gegen das Gesetz werden auf lange Sicht bestraft. Nolans Film verhandelt am Beispiel des Odysseus das Ringen des Menschen mit seiner Freiheit, gegen die „gute Ordnung“, das Gesetz des Zeus, verstoßen zu können. Eigentlich nämlich ist Odysseus ein „gesetzestreuer Mensch“. In seiner Burg erzählt man sich von seiner Gerechtigkeit und den guten Sitten in Ithaka zur Zeit seiner Herrschaft. Dann aber kommt der Krieg. Odysseus fährt als Gefolgsmann des Königs Agamemnon mit seinen Kriegern zum Feldzug gegen Troja. Jahrelang wird die Stadt belagert. Odysseus ersinnt eine List und schleust sich mit einigen Getreuen im trojanischen Pferd in die Stadt, lässt die Stadttore öffnen und gibt Troja der Vernichtung preis. Während man sich daheim von dieser Heldentat berichtet und landauf landab die Heldengedichte über den Mut und die Klugheit des Odysseus rezitiert, ist die Wirklichkeit eine ganz andere. Für den Odysseus des Films wird die Eroberung Trojas zum Sündenfall. Er erlebt die ganze Barbarei des Kriegs als einen einzigen Verstoß gegen die „gute Ordnung“. Der menschliche Abgrund des sinnlosen Tötens, Plündern und Vergewaltigens lässt Odysseus als einen traumatisierten Menschen zurück.
Die ganze Geschichte der langen Rückkehr des Helden nach Ithaka wird so zu einer Bewährungsprobe. Odysseus ist voll guten Willens. Er möchte sich und seine Mannschaft sicher nach Hause bringen. Doch die konkreten Abenteuer lassen dies nicht zu. Als er und seine Mannen in die Höhle des Zyklopen gelangen und dort gefangen sind (mehrere Crewmitglieder werden vom Zyklopen auch verspeist), gelingt die Freilassung nur mit einer List. Der einäugige Zyklop wird von den Griechen mit einem brennenden Holz geblendet. Der Film zeigt hier aber nicht den Sieg über ein böses Ungeheuer. Vielmehr sind die Schmerzensschreie des Zyklopen mit das Erschütterndste des ganzen Films. Hier wird eine Kreatur furchtbar gequält. Der listenreiche Odysseus des Homer ist ein gewalttätiger und schuldiger Mensch. Auch an anderer Stelle gerät er in Konflikt mit dem „Gesetz“, etwa, als er entscheidet, getötete Krieger nicht würdevoll zu begraben, was sie ihm bei seinem Abstecher in die Unterwelt als unverzeihlichen Frevel vorhalten. Als das Boot zwischen Skylla und Charybdis segelt, opfert Odysseus bewusst einen Teil seiner Mannschaft, um wenigstens einige von ihnen retten zu können.
Der Held kehrt also als Sünder und Traumatisierter nach Hause zurück. Seine Hoffnung ist, dass sein Sohn als neuer Herrscher die gute Herrschaft wieder befolgen kann und dem Land eine Rückkehr zur „Gesetzestreue“ ermöglicht. Daher nimmt er es auf sich, die Freier, immerhin Gäste in seinem Haus, selbst zu töten, was nach dem Gesetz verboten ist. Telemachos schärft er ein, sich daran nicht zu beteiligen und damit im Sinne des Gesetzes unbeschadet zu bleiben. Was Odysseus nicht weiß, ist, dass auch Telemachos während des Kampfes einen Mann tötet und damit seinem Vater das Leben rettet – auch seine Herrschaft wird also nie „unbefleckt“ sein können. Für Odysseus endet alles in einer Art Fegefeuer. Er verzichtet auf die Herrschaft und segelt mit seiner Frau Penelope davon, in der Hoffnung, Sühne für seine Taten leisten zu können.
Nolan stellt mit dieser Art der Erzählung einen menschlichen und religiösen Grundkonflikt in den Mittelpunkt, den von Freiheit und Gehorsam. Nicht umsonst wird der Film in einigen Kritiken auch als Kommentar zur derzeitigen Weltlage gelesen, die die „gute Ordnung“ verlässt und dank verfehlter Freiheit Unheil über die Erde bringt. Die ist aber nur eine Deutungsmöglichkeit. Die biblische Erzählung von der Schaffung des Menschen beginnt mit diesem Grundkonflikt: Der Verstoß der Freiheit gegen das Gesetz und seine Folgen. Auch die Theologie des Paulus lässt sich wiederfinden. Das Gesetz, die „gute Ordnung“ offenbart die Herrschaft der Sünde. Die Erlösung durch Christus besteht in der Neuaufrichtung der Gerechtigkeit, die Überbietung des Gesetzes. Daher kann der Glaube an die Erlösung durch Christus aus der Verstrickung in die Sünde befreien. Es gibt einen neuen Weg zur Erlösung. Man kann auch an die Philosophie Immanuel Kants denken. Kant ging von einer innerlichen Einsicht in die „gute Ordnung“ aus, von einem intuitiven Wissen um das moralische Gesetz, das den Menschen zum Gehorsam verpflichtet. Franz Kafka hat diesen Gedanken für sich anders interpretiert. Er sah im Gesetz eine erdrückende Macht, die dem Menschen im Grunde gar keine Freiheit lässt. Das Gesetz ist bei ihm eine allgegenwertige aber zugleich unergründbare Ordnung, die beständig Einfluss auf die Menschen nimmt, ohne, dass sie sich von ihm emanzipieren könnten.
Ist die Odyssee also eine Warnung an die Freiheit? Man könnte den Film durchaus so verstehen. Die Ordnung scheint auf jeden Fall das Bessere zu sein. Diese Aussage ist in der heutigen Zeit eigentlich unerhört, da sie die individuelle Freiheit als Gipfel menschlicher Entwicklung in besonderer Weise preist. Zumindest sollte bewusstwerden: Ganz ohne Gesetz geht es eben auch nicht. Oder formulieren wir anders: Es wäre doch gut, wenn es die „gute Ordnung“ wirklich gäbe.