Wachsen lassen

Man hätte die Fußball-WM auch abkürzen können. Sechs Wochen lang haben die 48 qualifizierten Teams in über 100 Partien gespielt. Und dann blieben doch nur die größten Favoriten übrig. Die Halbfinalisten Spanien, Frankreich, Argentinien und England standen wohl bei jedem Buchmacher ganz oben auf der Favoritenliste. Es hat sich gezeigt: Die besten Teams haben sich durchgesetzt. Was blieb also von den kleinen Fußballnationen, von den Kapverden, Curacao, Usbekistan oder Neuseeland? Nicht mehr als ein paar Daten in der Statistik, an die sich in ein paar Jahren niemand mehr erinnert. Den Ruhm und den Erfolg – den haben andere scheinbar von vornherein gepachtet. Dermaßen ungleiche Teams gegeneinander spielen zu lassen, macht aus sportlicher Sicht wenig Sinn. Und dennoch: Manchmal sind es gerade die kleinen Teams, wegen denen sich das Zuschauen lohnt. Als neutraler Zuschauer hofft man doch immer auf die Sensation. Es wäre möglich, dass sich der Underdog durchsetzt. Und auch bei dieser Weltmeisterschaft sind einige Spieler zu Stars geworden, die man vorher noch gar nicht kannte. Die Spannung lebt aus dem „Es könnte doch sein…“

Das Gleichnis vom Unkraut und Weizen (Mt 13,24-43) folgt ein wenig dieser „Es könnte doch sein“-Logik. Für einen erfahrenen Landwirt ist eigentlich klar, was dort auf seinem Acker wächst. Er weiß genau, wie die Triebe des Weizens aussehen, sobald sie die Oberfläche des Feldes erreichen. Er weiß auch, welche ungeplante Saat mit dem Weizen zusammen aufgegangen ist. Um die Ernte zu vermehren, müsste er möglichst früh das Unkraut ausreißen und Platz für mehr Weizen schaffen.

Weizen und Unkraut stehen im Gleichnis für das Gute und das Böse in der Welt, auch für die Guten und die Bösen. Es verweist auf das Endgericht, an dem eine endgültige Unterscheidung vorgenommen werden soll. Aber das Endgericht ist noch nicht da. Im Augenblick befinden wir uns in der Zeit des Wachsens. Und in dieser Zeit heißt es noch „Abwarten“.

Das Gleichnis folgt der Logik Jesu, der mit Blick auf die Sünde in der Welt immer noch mit der Möglichkeit rechnet, dass die Sünder sich bekehren können. Was eigentlich in der Beurteilung der Menschen für Gott schon verloren schien, muss es nicht unbedingt sein. Also: Nicht zu früh ausreißen, wachsen lassen, schauen, wie sich die Dinge entwickeln, Zeit geben. Man darf einen Menschen offenbar nicht zu früh aufgeben. Und das Evangelium ist voll von solchen Beispielen. Man denke an Zachäus, an den römischen Hauptmann, die Ehebrecherin oder den Räuber, der neben Jesus gekreuzigt wird. „Es kann immer noch werden“.

In meiner Zeit als Diakon arbeitete ich mehrmals in der Woche bei der Schulsozialarbeit mit. Es gab ein Förderprogramm für verhaltensauffällige oder in ihrer Leistung sehr schwache Schülerinnen und Schüler. Ihnen wurde bei den Hausaufgaben geholfen. Nebenbei allerdings wurden auch die privaten Probleme der Kinder thematisiert. Die Sozialarbeiterinnen setzten sich mit den Familien auseinander, versuchten, Beratung und Hilfe zu organisieren. Sie waren im Kontakt mit den Klassenlehrern und Mitschülern. Ziel war es, dass die Kinder sich in der Klassengemeinschaft wohlfühlen konnten. Eine der Mitarbeiterinnen hat mir damals gesagt: „Für mich ist die zentrale Botschaft des Christentums: ‚Du bekommst immer wieder eine nächste Chance‘“. Sie war überzeugt davon, dass man nie einen Schlussstrich ziehen dürfe, ein endgültiges Urteil über einen Menschen fällen könne. Sie glaubte an die Kraft der Veränderung zum Guten, auch wenn es manchmal doch sehr schwerfiel, diese Möglichkeit tatsächlich erkennen zu können. Es ist eben noch nicht die Zeit der Ernte, sondern die Zeit des Wachsens. Und in dieser Zeit hat jeder seine Chance. 

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