Jetzt im Sommer liebe ich es, über Land zu fahren. Gemächlich läuft der meist spärliche Verkehr abseits der Küstenlinie entlang der zahlreichen Alleen, vorbei an Feldern, Obstbäumen und Wäldchen. Weizen und Mais steht in diesem Jahr besonders hoch. Der Weg geht über Kopfsteinpflaster durch Straßendörfer, vorbei an den zahlreichen Gutshäusern, die hier auf den Hinweisschildern gerne als „Schloss“ angekündigt werden. In der Mitte der Orte erheben sich die Türme der Backsteinkirchen. Über Tausend von ihnen soll es geben. Manchmal tauchen sie unvermittelt am Straßenrand auf, als ehemalige Komtureien, Klöster oder Grablegen auf den Friedhöfen.

Über den Feldern lauern die Greifvögel auf Beute. Der größte von ihnen ist der Seeadler, der auch in Schwerin häufig zu beobachten ist, der schönste der Rotmilan mit seinen eleganten gebogenen Schwingen und dem bunten Gefieder. Überhaupt: Wer gerne Tiere beobachtet, kommt voll auf seine Kosten. Auf den Wiesen stehen die Rehe und das Damwild, im Süden des Landes auch Rotwild. In den Wäldern wohnt der Wolf, an den Seen alle Arten von Vögeln: Silber- und Graureiher, Gänse, Schwäne und Enten, Blesshühner, Haubentaucher. Wer Glück hat, wird an den kleinen Flussläufen des Warnowtals auch Eisvögel sehen. Man begegnet dem Fuchs und Hasen – den sprichwörtlichen Tiere der Provinz. Dort, wo die beiden sich „Gute Nacht“ sagen, da ist das Ende der Zivilisation, da ist Mecklenburg.
Die Eiszeit hat hier eine reizvolle Landschaft geformt. Mecklenburg ist in weiten Teilen kein „Plattes Land“, sondern bietet dem Betrachter ein abwechslungsreiches, hügeliges Profil. In den Senken konnten sich so fast überall Seen bilden, deren größte die Müritz und der Schweriner See sind. Vom Aussichtspunkt auf dem Belvedere des Schweriner Schlosses lässt sich das nördliche Ufer des Sees kaum ausmachen, und dass, obwohl die Wasserfläche in der Mitte von einem Damm durchschnitten wird. Im Norden lockt die Ostsee mit ihren naturbelassenen Stränden Scharen von Urlaubern. Weitgehend hat man den Versuchungen des Massentourismus widerstanden und auf den Bau riesiger Hotelanlagen verzichtet. So haben sich an den Küstenorten meist Charme und Ruhe erhalten – und ein wenig Exklusivität. Eine große Wochenzeitung hat einmal vorgeschlagen, M-V als Bundesland aufzugeben und es stattdessen als Naturpark zu Erholungszwecken einzurichten. Aber das ist ein Irrtum.

Vielmehr ist es so, dass Mecklenburg halt immer schon wenig Bevölkerung hatte. Man erkennt es an den vielen kleinen Städten. Mancher Besucher ist von den vielen kleinen historischen Stadtkernen entzückt, die anders als in anderen Regionen selten durch Vorstädte, Wohngebiete und Industriezonen gewachsen sind. Wo sonst häufig ab dem 19. Jahrhundert ein großes Wachstum der Orte einsetzte, blieb dieses hier weitgehend aus. Trotzdem hat der Sozialismus es sich nicht nehmen lassen, in jedem Dorf einen Plattenbau zu errichten – man sollte die Eintönigkeit und Phantasielosigkeit des Arbeiterstaats überall sehen können. Das weite Land ist durch die Gutsdörfer geprägt, meist landadelige Agrarbetriebe mit erheblicher Fläche. Nach deren Enteignung nach dem Krieg wurden daraus Landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaften. Die verhältnismäßig wenigen selbstständigen Bauern mussten sich diese Selbstständigkeit hart erkämpfen oder nach der Wende neu aufbauen – eine Tatsache, auf die sie zurecht stolz sein können.
Die Mecklenburger haben aus der Provinzialität eine Tugend gemacht. Sie sind zurückhaltend und auch ein wenig gästescheu. Als ich damals nach Schwerin kam, sagte man mir, dass im Sommer schon zu viele Besucher kämen. Damals war es allerdings auch im Sommer vergleichsweise ruhig. Weiter als Wismar kamen die meisten Ostseeurlauber dann doch nicht. Mittlerweile hat sich einiges verändert. Auch wenn die Stadt gerne behauptet, es läge am kürzlich verliehenen Welterbestatus, dass der Tourismus anziehe, so glaube ich, dass mehrere Sonderfolgen „Bares für Rares“ vor der Kulisse des Schweriner Schlosses mehr für den Tourismus getan haben. Mittlerweile werden in der Saison die Hotelbetten knapp und auch die freien Tische in den Restaurants, was auch daran liegen kann, dass diese gerne bereits um 21 Uhr ihre Küche schließen und Nachtschwärmern gar keine Chance auf eine späte Mahlzeit lassen.

Die Mecklenburger sind eher ruhig. Sie mögen die Ordnung und das Land. Die Landwirtschaft ist nach wie vor der größte Wirtschaftszweig. Jagen und Angeln sind sehr verbreitete Hobbys. Folglich ist auch der Landwirtschaftsminister das wichtigste Kabinettsmitglied. Auch unter Akademikern ist die Liebe zum Landleben durchaus verbreitet. Der Garten ist wichtig, oder das eigene kleine Waldstück, die Bienenzucht und das Pilzesammeln. Jeder hat seine eigenen Vorlieben bei den Badestellen und am besten ein Grundstück am See und ein eigenes Boot. Der Segelverein ist ein wichtiger gesellschaftlicher Treffpunkt, genauso wie die Freiwillige Feuerwehr. Gegen allzu viel Großstadtgehabe entwickeln die Menschen schnell Abwehrreaktionen. Mit Ausnahme von einigen studentischen Straßenzügen in Rostock ist man bewusst eher nicht woke, hip oder modisch unterwegs. Es ist völlig ok, Auto zu fahren (was beim nicht allzu üppigen ländlichen Nahverkehr auch nötig ist), man darf Rauchen und Fleisch essen.
Aus der DDR-Zeit hat sich nicht vieles gehalten, ein paar Straßennamen, aber am ehesten noch die allgegenwärtige Soljanka und das Softeis. Und natürlich die „Platte“, hier immer noch liebevoll „Neubau“ genannt. In Rostock, Wismar oder Schwerin sind ganze Stadtviertel entstanden – für die ganz normale Bevölkerung mit guter Nahverkehrsanbindung, Grünflächen, Parkplätzen und Einkaufszentrum. Nach der Wende allerdings hatte sich doch ein offenbar natürliches und nicht bloß kapitalistisches ästhetisches Empfinden durchgesetzt. Die verfallenen Altstädte wurden aufwändig saniert und wer konnte, baute sich ein Eigenheim mit Garten. Vom Sozialismus ist noch der Lenin auf dem Dreesch in Schwerin geblieben – als beliebtes Streitobjekt der Kommunalpolitik.
Wenn ich versuche, etwas über die Mecklenburger zu sagen, dann sind dies natürlich nur meine Projektionen – ohne jeden Anspruch an die Wahrheit. Ich begegne ja nicht so häufig Mecklenburgern. Ich begegne meist Katholiken und die haben bis auf wenige Ausnahmen einen Migrationshintergrund: Die meisten sind nach dem Krieg als Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten hierhergekommen oder wanderten nach der Wende „vom Westen“ ein. Man erkennt die Katholiken daran, dass auch bei ihnen die ältere Generation meist kein Platt sprechen kann – was in der evangelischen Bevölkerung ja durchaus noch in Gebrauch ist. Wenig Gebrauch gemacht wird insgesamt vom christlichen Glauben. Hier im Nordosten haben der Sozialismus und die Säkularisierung ganze Arbeit geleistet. Kaum 20 Prozent der Bevölkerung gehören einer Kirche an – Anhänger anderer Religionen sind ebenfalls selten zu finden.

Die Katholischen Gemeinden haben sich überwiegend einen guten Zusammenhalt bewahrt. Als kleine Minderheit profitiert man immer noch von dem, was man in der bleiernen DDR aufgebaut hat. Als familiär strukturierte Gemeinschaft (viele sind ja auch miteinander verwandt), hat man sich einen angenehmen Pragmatismus bewahrt. Die Gemeinden waren nie finanziell verwöhnt. Man musste aus den knappen Möglichkeiten mit häufig großem persönlichen Einsatz das Beste machen. Dazu gehört auch, dass ein aktives Bekenntnis zum christlichen Glauben für viele schulische und berufliche Benachteiligungen mit sich gebracht hat. Die Kirche bot allerdings auch hier einige Auswege, indem sie eigene Ausbildungen und Studiengänge für geistliche und soziale Berufe anbot. Die Verbindungen der Katholiken aus den verschiedenen Gemeinden kommen aus der gemeinsamen Ausbildungszeit, von den Wallfahrten und aus den Jugendhäusern, von den katholischen Jugendfeten und Freizeiten, vom Religionsunterricht und dem katholischen Kindergarten. Man kennt sich. Bis heute besteht so ein eigener kleiner Kosmos, in dem es sich gut leben und arbeiten lässt.
Dieser kleine Kosmos ist aber nicht nur im kirchlichen Bereich zu finden. Die Landeshauptstadt selbst ist ein solcher Kosmos. Auch hier kennt man sich und trifft sich beim Einkaufen oder beim Spazierengehen am Franzosenweg. Kaum ein Restaurantbesuch, bei dem man nicht am Nebentisch jemand Bekanntes grüßt. Das Land ist weit, aber die Welt ist klein.

Nach acht Jahren als Pfarrer und Dekan, muss ich dieses schöne Land und die schöne Stadt Schwerin verlassen. Ich habe die Zeit hier sehr gemocht. Was ich persönlich an Kirche, Familie und Freunden hier vermissen werde, habe ich den Beteiligten schon gesagt. Hier nur ein paar Dinge, die ich die letzten Jahre gerne und regelmäßig getan habe:
- Bei Stress einen Gang um das Schweriner Schloss machen und auf den See schauen. Das sind bei schönem Wetter ein paar Augenblicke Italien im Alltag.
- Am Montag auf die Insel Poel fahren – einem unaufgeregten Ostseestrand – und an der Strandbude ein paar Pommes essen.
- Wenn es abends keine Termine gibt, einmal schnell zu Fuß zum Theater gehen und eine Oper oder ein Konzert hören – eine Karte gibt es eigentlich immer.
- Einen Spaziergang am Steilufer des Neumühler Sees machen – dort ist man relativ einsam.
- Meine Lieblingsstrecke über den Paulsdamm nach Sternberg fahren.
- Mit Gästen einen Ausflug nach Ludwigslust machen und dort Eistorte im Schlosscafé bestellen oder auf den Domturm steigen.
- Jede Gelegenheit wahrnehmen, um mal wieder nach Schloss Dreilützow zu fahren.
- Die evangelische Kirche in Gadebusch besuchen.
- Abends einmal schnell um den Pfaffenteich gehen.
Ich freue mich darauf, wiederzukommen, über die ruhigen Landstraßen, entlang der Felder über denen der Rotmilan kreist und dann von Süden kommend auf das Schweriner Schloss zuzufahren in die doch mittlerweile ziemlich heimatliche Fremde.