Vergiss nicht [zu Fronleichnam]

Letzten Monat bekam ich Besuch vom Chef meines Umzugsunternehmens. Er war gekommen, um meine Möbel in Augenschein zu nehmen und abzuschätzen, mit wie viel Ladung er für meinen Umzug kalkulieren muss. Als wir auf dem Dachboden waren, wurde mir bewusst, dass da doch so einiges über die Jahre abgelegt war, einschließlich der Umzugskisten, die ich seit meinem Einzug nie geöffnet habe. Ich versprach ihm, vor meinem Weggang noch einmal ordentlich auszusortieren. „Da kommen Sie sowieso nicht dazu“, sagte er mir, „wir nehmen das einfach alles mit.“

Damit hat er meinen Ehrgeiz geweckt. Ich bin also vor zwei Tagen das erste Mal auf den Dachboden gegangen und habe mit dem Aussortieren, Umpacken und Wegwerfen begonnen. Dabei stieß ich auf einen großen und schon ziemlich ramponierten Karton. Staunend schaute ich mir den Inhalt an: Da waren plötzlich alte Kinderzeichnungen von mir, Umschläge mit alten Fotos, meine alten Notenhefte, in denen ich meine ersten selbstkomponierten Stücke festgehalten hatte, Erinnerungen aus der Schulzeit, Glückwunschkarten, die mich zu meiner Firmung erreicht hatten, unser Abi-Buch und einige Relikte aus der Studienzeit. Ich habe viel Zeit mit dieser Erinnerungs-Box verbracht – das meiste werde ich natürlich mitnehmen. Die Dinge helfen mir, dabei, nicht zu vergessen, meine eigene Geschichte zu bewahren.

Das ist für uns Menschen wichtig. Das Buch Deuteronomium, aus dem am Fronleichnamsfest dieses Jahr gelesen wird (Dtn 8, 2-3; 14-16) enthält dazu sogar eine eindringliche Warnung. Da heißt es:

„Nimm dich in acht, dass dein Herz nicht hochmütig wird und dass du den Herrn, deinen Gott nicht vergisst, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, geführt hat, der dich durch die große und furchterregende Wüste geführt hat.“

Diese Mahnung richtet sich an das Volk Israel. „Vergiss deine Ursprünge nicht. Vergiss deinen Gott nicht.“ Die Gefahr war offensichtlich gegeben: Nachdem Israel im Gelobten Land sesshaft geworden war, nachdem es in Kontakt kam mit allerlei anderen Religionen und Völkern, ging es darum, den eigenen Ursprung und die eigene Geschichte zu bewahren. Die Frage „Wie treu ist Israel seinem Gott geblieben?“, hat die Generationen immer wieder neu beschäftigt. Die Propheten haben diese Frage immer neu gestellt.

Das Volk Israel hat seine Erinnerungen, seine heiligen Zeichen aus der Wüstenzeit in eine Box gepackt. Die Bundeslade wurde als Ort der Präsenz Gottes auf der Wanderung mitgetragen, bis sie schließlich im Jerusalemer Tempel aufbewahrt wurde. Die Bundeslade enthielt nach Hebr 9,4 vier Dinge: Die Steintafeln des Gesetzes, das Gott seinem Volk auf dem Sinai gegeben hatte. Sie enthielt die goldene Räucherpfanne für den Weihrauch im Allerheiligsten des Tempels. Sie enthielt den Stab Aarons, der auf wunderbare Weise Knospen und Blätter getrieben hatte, um Aarons Familie als rechtmäßige Priester für Israel auszuzeichnen (Num 17). Schließlich enthielt die Bundeslade ein goldenes Gefäß mit Manna, das die Israeliten in der Wüste ernährt hatte.

Israel sollte also nicht vergessen: Gott ist es, der sein Volk leitet durch sein Wort, er ist es, der das Volk heiligt und er ist es, der sein Volk nährt, auf den also das Wohlergehen des Volkes zurückzuführen ist. Die Bundeslade war dabei mehr als eine bloße Erinnerung. Sie war kein Archiv der Heiligen Dinge. Sie bedeutete: So wie Gott damals für uns gewesen ist, so ist er es noch heute. So wurde die Bundeslade als Ort der göttlichen Präsenz auf der Wüstenwanderung mitgeführt. An den Raststationen des Volkes wurde ihr ein Zelt gebaut, in dem sie aufbewahrt wurde.

Es ist kein Zufall, dass der Hebräerbrief im Neuen Testament an die Bundeslade erinnert. Die Lade war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr da. Bis heute weiß keiner, wo sie geblieben ist. Aber der Hebräerbrief knüpft an der jüdischen Tradition an. Der Text versucht, mit Blick auf die Geschichte Israels zu erklären, wer Jesus Christus ist. Dieser übernimmt die Funktionen des alten Israel. Er tritt an die Stelle des Mose, indem er mit Vollmacht das Wort Gottes verkündet und auslegt, indem er das Volk führt und zugleich der von Gott eingesetzte Richter ist. Er tritt an die Stelle Aarons, indem er als Hohepriester Mittler zwischen Gott und dem Volk ist und den Dienst der Heiligung des Volkes vollzieht.

An die Stelle der Heiligtümer Israels tritt nun das eine Zeichen der göttlichen Präsenz, die Eucharistie, das Brot, in dem Jesus mit seinem ganzen Wesen, seiner Hingabe und seinem Erlösungswerk gegenwärtig bleibt. Diesem Zeichen baut man an den Rastplätzen des Volkes Gottes ein Zelt, das „tabernaculum“ (eine römische Bezeichnung für die Zelte im Feldlager). Und am Fronleichnamsfest machen wir uns mit diesem Heiligtum wieder auf den Weg, führen es wie Israel auf seiner Wanderung in unserer Mitte mit sich.

„Vergesst nicht“ – die Aufforderung aus dem Buch Deuteronomium gilt auch uns. „Vergesst euren Gott nicht, vergesst seine Geschichte mit uns Menschen nicht.“ Das heutige Fest gehört also in unsere Erinnerungskultur. Christus ist in unserer Mitte, auf ihn beziehen wir uns. An Fronleichnam zeigen wir das im öffentlichen Raum, in der Wanderung durch die manchmal „so große und furchterregende Wüste“ unserer Zeit. Für uns ist es eine Erinnerung, diese Mitte des Glaubens zu bewahren, auch dann, wenn sie nicht sichtbar ist. Als Volk Gottes, als Zeugen und Träger seines Wortes, als Träger und Zeugen der göttlichen Liebe und Wahrheit sind wir in dieser Welt unterwegs.  

Beitragsbild: Die Bundeslade, Relief im Dom von Brandenburg (Havel)    

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