Diese Arbeiter hatten wir nicht bestellt

Ich erinnere mich an ein Treffen der Kapläne mit unserem Weihbischof. Es war die Zeit, in der sich unser Bistum große Sorgen um seine finanzielle Lage machte. In einigen Bereichen gab es einen Einstellungsstopp. Einer aus der Runde stellte dem Weihbischof die folgende Frage: „Angenommen, morgen würden sich 20 junge Leute melden, die Priester in unserem Bistum werden möchten – hätten wir das Geld, die Ausbildung zu bezahlen?“ Die Frage ist trickreich. Denn natürlich war schon damals, vor etwa 20 Jahren bekannt, dass wir auf eine Situation zulaufen würden, die damals mit dem Wort „Priestermangel“ bezeichnet wurde. Der Weihbischof musste einen Augenblick überlegen und äußerte sich dann etwas ausweichend, sinngemäß „Naja, das Geld würden wir dann schon zusammenbekommen müssen“. Ich spreche bewusst in der Vergangenheitsform. Die Selbstverständlichkeit mit der man davon ausging, dass es auch in Zukunft Priester geben müsse, ist etwas geschwunden.

Im Zuge des Synodalen Weges stand die Frage nach der Notwendigkeit des priesterlichen Dienstes tatsächlich im Raum. Ich denke, dass sie von vielen der Teilnehmer an diesem Prozess sicherlich positiv beantwortet würde. Zugleich hat sich aber in einigen theologischen und auch Bistums- Kreisen durchaus eine Erzählung etabliert, die in Grundzügen heißt: „Spätestens seit der Missbrauchskrise ist das kirchliche Amt immer fragwürdiger geworden. Ist es daher richtig, die überkommene Form der Kirche wirklich fortzuschreiben, in der Geistliche eine Sonderstellung haben? Ist es wirklich richtig, dass geweihte Männer die Leitungs- und Heiligungsdienste innerhalb der Kirche übernehmen?“

Es geht um mehr, als um die Frage der Zulassungsbedingungen zur Weihe (Frauen, Verheiratete…). Es geht um das Amt selber. Könnte es nicht eine Form der Katholischen Kirche geben, die ohne das Amt auskommt? Das gilt bislang als undenkbar. Allerdings finden diese Fragen in deutschen Diözesen durchaus Widerhall. Dies hat natürlich auch mit der desaströsen Nachwuchssituation zu tun, aber nicht nur. Für das Erste scheint man sich darauf verständigt zu haben, die Priesterausbildung so zu gestalten, dass sie machtsensibel und präventiv gestaltet wird und zudem auf Reflexions- und Teamfähigkeit der Kandidaten setzt. Die neue Rahmenordnung für die Priesterausbildung, die in diesem Frühjahr vorgestellt wurde ist in diesem Geist geschrieben worden.[1] Aus meiner Sicht macht das auch Sinn. Im Zuge der sich wandelnden Kirchenlandschaft braucht es auf Zukunft Priester, die bedacht und sozialkompetent sind und ihre Rolle gut reflektieren können.

So weit so gut. Zieht man das Bild allerdings etwas weiter und sieht, was derzeit in der Kirche geschieht, erkenne ich derzeit Strömungen, die unsere Kirche zunehmend polarisieren werden.

An diesem Sonntag wird in den Gottesdiensten das Evangelium von der Aussendung der Apostel gelesen (Mt 9,36-10,8). Darin heißt es:

„In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden! Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.“

Dieser Abschnitt wird traditionell auf die Geistlichen Berufungen bezogen. Etwas weitergedacht, kann aber auch die Berufung der Christen insgesamt mitgedacht werden. Ausdrücklich hatte das II. Vatikanische Konzil vom „Apostolat der Laien“ gesprochen und damit bewusst diesen Begriff verwendet. Alle sind zu einem apostolischen Dienst berufen und sollen auf ihre Weise und an ihrem Ort Zeugen des Evangeliums sein, durch ihre Lebensweise, ihre Glaubenspraxis und durch ihr Reden und Handeln. Welche Art von „Arbeitern“ und „Arbeiterinnen“ allerdings sollen es sein, um die wir für unsere Zeit bitten?

Im letzten Sommer habe ich auf dieser Homepage einen Essay über eine mögliche „Wiederkehr des Katholizismus“ geschrieben.[2] Ausgangspunkt meiner Überlegungen war das Phänomen, dass in vielen europäischen Ländern Aufbruchsbewegungen zu spüren sind. Junge Leute fragen neu nach der Kirche und nach dem Glauben. Sie interessieren sich für die katholische Lehre und für die Liturgie. Dieser Trend hat auch Deutschland erreicht. In Gesprächen mit Pastoralen Mitarbeitern und Priestern aus anderen Pfarreien kommen wir immer häufiger darauf zu sprechen. Es kommen tatsächlich mehr junge Leute, keine Massen, aber immerhin auffällig mehr als wir es kannten.

Dass die Jugend sich wieder mehr für den Katholischen Glauben zu interessieren scheint, müsste eigentlich für Begeisterung sorgen. Aber die Stimmung ist noch eigenartig unentschieden. Ich könnte das Unbehagen bei uns etablierten Kirchenleuten vielleicht so zusammenfassen: „Schön, dass (mit den Worten des Evangeliums gesprochen) mehr Arbeiter für die Ernte gesendet werden – aber es sind nicht die, die wir bestellt hatten.“

Ich spitze jetzt zu. Natürlich gibt es nicht die eine Generation junger Leute in der katholischen Kirche. Die Generation ist vielfältig. Ich zeichne lediglich eine Trend nach, der sich in der Gruppe der „Neuankömmlinge“ überwiegend zeigt.

Das Unbehagen macht sich an Folgendem fest: Der Synodale Weg, dessen Ergebnisse sich auch die überwiegende Zahl der Bischöfe durchaus zu eigen gemacht hat, hat für die Zukunft der Kirche eher vorgesehen, theologisch einen liberalen Weg zu beschreiten, aber strukturell konservativ zu bleiben. Dies meint, dass wir mehrheitlich in den gewohnten Formen von Gemeinden, Gruppen und Verbänden denken, wie sie sich über die Jahrzehnte etabliert haben. Der Priestermangel etwa wurde immer daran festgemacht, dass man zu wenig Priester habe, um die bestehenden Gemeinden priesterlich „zu versorgen“. Die Antwort heißt zur Zeit, Dienste und Aufgaben mit Hilfe von Ehrenamtlichen anders zu organisieren und priesterliche Kompetenzen soweit es geht auf andere Träger des pastoralen Lebens zu übertragen.

Die „Neuankömmlinge“ vertreten häufig einen genau gegenteiligen Ansatz. Sie sind theologisch konservativ und strukturell liberal. Sie suchen gerade die klassischen Frömmigkeitsformen, gehen also bewusst in die Heilige Messe, fragen nach Glaubenskursen, interessieren sich für die Eucharistische Anbetung, die Beichte, die marianische Frömmigkeit oder den Rosenkranz. Ihre Spiritualität ist eher individuell oder auf eine Gemeinschaftlichkeit innerhalb ihrer „peer-group“ ausgelegt. Einige tendieren in Richtung eines traditionalistischen Katholizismus. Ich möchte nicht ausschließen, dass sich im Zuge dieser Bewegung auch wieder neue Geistliche Berufungen wachsen werden. Strukturell interessiert die „Neuankömmlinge“ das, was wir lange „Gemeindeleben“ genannt haben, eher weniger. Mein Eindruck ist, dass diese Gruppe uns nicht helfen wird, Gremien zu besetzen oder eine klassische Jugendarbeit aufzubauen.

Ich spreche natürlich im Konjunktiv, wenn sich aus den derzeitigen Bewegungen ein langfristiger Trend abzeichnen würde: Die zukünftige Gestalt der Kirche würde nicht mehr die der gewohnten Gemeinden sein. Die zukünftige Gestalt wäre eher die von kleinen Gemeinschaften mit überzeugten und „expliziten“ Christen, also eher eine Struktur, wie sie heute in Freikirchen zu finden ist.

Ungeachtet dessen, dass eine solche Entwicklung von bedeutenden Theologen wir Karl Rahner und Joseph Ratzinger schon vor vielen Jahren prophezeit wurde, ist sie natürlich eine existenzielle Bedrohung für das kirchliche „Establishment“. Der Synodale Weg und seine Ideen für die Zukunft der Kirche wären bald Schnee von gestern und von der Wirklichkeit überholt. Die Zukunft der Kirche wäre sakramentaler, frommer, moralisch strenger, politisch konservativer.

In kirchlichen Kreisen verursacht diese Perspektive schon jetzt Unruhe. Aktuell begegnet mir immer wieder die Frage, was man tun könne, um die „Neuankömmlinge“ in das bestehende System einzubinden. Es gibt auch den Versuch, sich jetzt schon von dieser Gruppe abzusetzen. Man qualifiziert die „fromme Jugend“ als „rechts“ und damit nach gesellschaftlichen Gepflogenheiten als „gefährlich“. Es gibt für diese Annahme durchaus Anhaltspunkte. Derzeit nutzen identitäre politische Bewegungen durchaus auch religiöse Aspekte für ihre gesellschaftlichen Ziele. Auch darüber habe ich in meinem Essay letztes Jahr länger geschrieben.[3] Allerdings frage ich mich, ob diejenigen, die sofort eine Verbindung in das rechte politische Spektrum ziehen, sich überhaupt einmal mit den „Neuankömmlingen“ persönlich auseinandergesetzt haben.

Mein Eindruck aus Gesprächen mit in dieser Weise interessierten jungen Menschen ist: Mir begegnen freundliche und nachdenkliche Personen, deren Interesse am Glauben meist über das Internet geweckt wurde. Die Zahl der Missionare, die sich dort aufhalten ist mittlerweile groß und äußerst bunt. Die Jugendlichen erleben den Glauben also zunächst in „Schnipseln“. Sie wollen im nächsten Schritt mit anderen darüber sprechen und die wollen den Glauben und seine Praktiken kennenlernen. Dabei spielen die klassischen Formen des katholischen Glaubens eine wichtige Rolle, weil sie „Identitätsmarker“ sind. Dass es daneben noch andere Ausdrucksweisen und Traditionen innerhalb des Katholizismus gibt, ist ihnen meist gar nicht bekannt. Glaubenskurse können helfen, aus den „Schnipseln“ eine Gesamtsicht zu formen, eine reflektierte und zuletzt auch durchbetete Form des eigenen „Apostolats“ zu entwickeln. Das braucht Zeit und es braucht gute Gesprächspartner. Es braucht eine Gemeinschaft, die die „Neuankömmlinge“ annimmt und sie nicht gleich zu vereinnahmen sucht. Die Herausforderung besteht darin, dass auch die bestehenden Gemeinden und Gruppen ihre eigene Praxis überdenken. Was bringen die „Neuen“ ein, das wir übersehen haben oder eilfertig abgeschafft haben? Ohne Verständnis und Entgegenkommen wird der katholische Eifer sonst sehr schnell entweder erlöschen, oder die „Neuen“ zum Weiterziehen veranlassen.              

Gehen wir einmal davon aus, dass die gesandten „Arbeiter“ schon die richtigen sein werden. Jede Generation rebelliert auf ihre Weise gegen die vorherigen. Sie zeigt damit in der Regel auch auf, welche Defizite sie bei der vorherigen Generation erkennt. Dabei übertreibt die junge Generation in der Regel auch ein wenig. Dies nicht zurückzuweisen und Menschen pauschal in die „rechte Ecke“ zu stellen, kann für die Etablierten heilsam sein. So erfolgreich oder beeindruckend ist (für die Katholische Kirche gesprochen) die Bilanz der letzten Jahrzehnte ja wirklich nicht. Wir können in unserem Beharren auf unsere Denkweisen weiter kleiner werden oder gemeinsam mit allen die kommen nach den Wegen für eine Zukunft der Kirche suchen, wie sie „der Geist uns zeigen will.“

Beitragsbild: Weinberg bei Dresden


[1] https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/neue-rahmenordnung-fuer-priesterausbildung

[2] Wiederkehr des Katholizismus? – Die Kirche im ideogischen Spannungsfeld der Zeit, Teil 1 – Sensus fidei

[3] Wiederkehr des Katholizismus? – Teil 3 – Sensus fidei

2 Kommentare zu „Diese Arbeiter hatten wir nicht bestellt

  1. Klasse, lieber Georg Bergner, selten so klar und doch empathisch analysiert gesehen. Bleiben Sie auf dieser Straße, sie ist sehr hilfreich . Vielen Dank für den heutigen Post! LG S. Petermann

    Wird der Blog weitergehen, wenn neue Aufgaben kommen? Das wäre echt sehr schön. Beste Grüße und Gottes Segen

    Like

  2. Angesichts der vielen Krisen in der Welt, der sich rasant ausbreitenden Schere von ganz reich und ganz arm, werden immer mehr Menschen etwas suchen was trägt. Davon bin ich überzeugt.

    Wer uns alle tragen kann ist Gott, Jesus Christus und die Heilge Kraft, die dahintersteht.

    Nur, die muss man auch wirklich erkennen und spüren!

    Als “ Sofachrist“ in der vorletzten Kirchenbank spüre ich aber nicht viel, sondern erst dann, wenn ich Jesus Christus wirklich von meinem Herzen, Verstand und Gefühlen Besitz ergreifen lasse.

    Vielleicht brauche ich dazu vertrauensvolle Gespräche, Begegnungen mit erfolgreichen Gottesfindern, die mich weiter oder sogar auf den rechten Weg bringen.

    Deshalb sind mir die rackernden Arbeiter nicht ungelegen, die nach der Wahrheit Gottes suchen, ob rechts, queer oder links des Weges.

    Hauptsache sie finden!

    Es gilt, das Evangelium wirklich zu leben um heil zu werden!

    Like

Hinterlasse einen Kommentar