Sport ist ein Wettkampf zwischen Menschen. Dieser Wettkampf soll möglichst fair sein. Seit Jahren hört man vom Bemühen um einen „sauberen Sport“. Gemeint ist ein Sport ohne unfaire Mittel, ein Sport ohne vorherige Absprachen, Manipulationen und ohne Doping. Der Beste soll gewinnen, nicht derjenige, der am besten betrügt.
Doch diese Zeiten sind vorbei. Dies ist zumindest die Meinung der Tech-Guys aus dem Silicon Valley. Sie haben die „Enhanced Games“ finanziert, eine Art Mini-Olympia, das vor einer Woche in Las Vegas gestartet wurde. Hier treten Athletinnen und Athleten gegeneinander an, die eben nicht „sauber“ sind. Sie verstehen sich als „enhanced“ – „erweitert, verbessert“. Es ging ihnen um eine bewusste Leistungssteigerung durch technische und medizinische Mittel.
Die „Enhanced Games“ sind nach unserer veralteten Betrachtungsweise eine Weltmeisterschaft der Gedopten. In den Visionen des Silicon Valley sind sie eine Art Leistungsschau des zukünftigen Menschen. Das Versprechen ist, dass der Mensch auf Zukunft seine körperliche Leistungsfähigkeit, seine Intelligenz und seine Lebenszeit durch den Einsatz von Technik bedeutend steigern kann. Die Zukunft liegt in medizinischen Präparaten, in Spritzen und Pillen, Therapien, in Prothesen, Mikrochips, Implantaten und einer permanenten Überwachung der Körperfunktionen, zur Optimierung und Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten ins Transhumane, in eine neue Symbiose von Mensch und Maschine. Das sind große Versprechen. Im Kern geht es um einen riesigen Markt, eine unendliche Erweiterung des heutigen Segments von Beauty, Fitness, Nahrungsergänzungsmitteln und Schönheits-OPs. Der Mensch wird immer schöner, immer stärker, immer älter und dank KI immer intelligenter, ausdauernder und polyglotter.
Die Enhanced Games wollten ein Vorausblick in diese schöne neue Welt der Supermenschen werden. Das hat nicht ganz geklappt. Die versprochenen Höchstleistungen blieben aus.[1] Aber auch das passt ins Silicon Valley, das in seinen Visionen gerne groß daherkommt und dann feststellt, dass die Wirklichkeit doch etwas komplizierter ist. Das Mind-Set der Tekkies allerdings ist eindrucksvoll.
Mit diesem Mindset hat sich Papst Leo XIV. beschäftigt. Einen Tag nach der Eröffnung der „Enhanced Games“ veröffentlichte er eine Enzyklika, die sich mit den Stärken und Schwächen der modernen Technologien im digitalen Zeitalter beschäftigt. Das ist kein pessimistisches Papier. Der Papst betont die großen Chancen der modernen Technik für unsere Menschheit. Allerdings fragt er, aus welcher Motivation wir sie einsetzen. Geht es um Macht und Reichtum oder um ein wirkliches Interesse an einer lebenswerten Zukunft für alle Menschen? Wie soll ein wirkliches „Enhancement“ der Menschen aussehen?
Ich möchte Papst Leos zentralen Gedanken mit einem kleinen Ausflug in die Geschichte belegen. Die Idee vom Supermenschen tritt ja nicht zum ersten Mal in der Geschichte auf. Auch jenseits der Avengers (der Kino-Superhelden) gibt es eine Geschichte des Mind-Sets, dem sich offenbar auch einige im Silicon Valley verschrieben haben.
Friedrich Nietzsche träumte schon vor 150 Jahren vom „Übermenschen“. Er meinte damit einen Menschen, der durch eigenes Philosophieren und Meditieren die Welt durchschaut und ihr als großer Geist entgegensteht. Auf dem Weg zum Übermenschen galt es vor allem, eines zu besiegen: Das lästige Mitgefühl. Nietzsche geißelte das Christentum als „Religion der Sklaven“ mit einer fatalen Rücksicht auf die Schwachen und Unterprivilegierten. Wer sich im Mitleid verzettelt, hat schon versagt. Er wird nie ein unabhängiger Geist werden.
Dieses Denken wurde weitergeführt in der Idee des Herrenmenschen, eines neuen Menschen, der an Körper und Geist gestählt anderen Volksgruppen unendlich überlegen ist. Zur Propaganda der damaligen Zeit gehörten Sport, gesunde Ernährung, die Enthaltsamkeit von Nikotin und Alkohol. Stattdessen entwickelte die chemische Industrie auf Staatskosten Drogen und Aufputschmittel, um die Leistungsfähigkeit zu steigern. Das hier bekannteste Produkt ist die synthetische Droge Heroin, geschaffen um Soldaten wacher und entschlossener zu machen. Es ging um die Schaffung überlegener Kämpfer. Und wieder ging es gegen das Christentum, diese schwächliche Religion, die so verrückt war, sich noch um die Schwachen kümmern zu wollen.
Soweit sind wir noch nicht. Aber ein solches Denken ist in Teilen der Tech-Welt durchaus vorhanden. Papst Leo beschreibt daher nicht nur die großartigen Möglichkeiten der modernen Techniken, sondern auch ihre Risiken. Wer wird sich diese neuen Techniken leisten können? Welche Abhängigkeiten erzeugen sie? Wie werden sie heute schon als Mittel der Kriegsführung und der Propaganda genutzt? In wessen Hände begeben wir uns? Wem vertrauen wir alle unsere Daten an? Vor allem aber: Das „Enhancement“, die Verbesserung des Menschen ist ein Projekt der Optimierung von Körper und Intellekt. Das Menschsein lässt sich aber nicht auf Körper und Intellekt reduzieren. Das Menschsein ist zugleich Gefühl, Beziehung, Lebenserfahrung, Fürsorge, Krisenbewältigung, Resilienz. Was nützt es, wenn der Körper gestählt ist, aber die Psyche verkümmert? Was nützt es, wenn das Wissen der Welt überall verfügbar ist, ohne das die Intelligenz und die Kreativität mitziehen?
Papst Leo erinnert daher an den Weg Gottes mit den Menschen. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat (Joh 3,16). Die Mission Gottes ist eine erstaunlich menschliche Mission. Sie setzt gerade nicht auf den optimierten Menschen, sondern rechnet in allem mit der menschlichen Schwäche, mit seiner Schuld und seiner Verletzlichkeit. Es ist eine Sendung aus Liebe, die den anderen gerade dann annimmt, wenn er nicht perfekt ist. Es geht darum, aufzurichten, zu vergeben und zu retten. Darin besteht das christliche „Enhancement“ – in einem Training zum Mitgefühl, zur Treue, zur Versöhnung, zur Gerechtigkeit, zum Ausgleich und in allem zur Liebe. Eine Entwicklung der Menschheit in diesen Disziplinen wäre ein echter Fortschritt.
[1] https://www.zdfheute.de/sport/enhanced-games-2026-doping-ernuechterung-sportmediziner-bloch-analyse-100.html