Papst Franziskus – Rückblick auf sein Pontifikat

Im November 2013 besuchte ich mit einer kleinen Delegation unserer Hamburger Diözese das Partnerbistum Puerto Iguazú im Norden Argentiniens. Ich war erstaunt, als ich in der Pfarrkirche von Capioví ein Wandgemälde entdeckte, dass Papst Franziskus zeigte. Bereits ein halbes Jahr nach seiner Wahl zum Pontifex zeigten die Argentinier so ihren Stolz auf den Landsmann, der als erster Nicht-Europäer zum Oberhaupt der katholischen Kirche geworden war. Nicht-Europäer trifft es allerdings nicht ganz. Zwar hatte sich Franziskus in seiner Ansprache nach dem Konklave als jemand „vom anderen Ende der Welt“ vorgestellt. Seine Wurzeln allerdings lagen in Italien, von wo seine Großeltern den weiten Weg nach Amerika auf sich genommen hatten. Italienisch war seine zweite Sprache und sein Umfeld in Buenos Aires war von den eingewanderten Europäern, Christen wie Juden geprägt. Jedoch hatte die europäische Kultur in Lateinamerika eine andere Entwicklung genommen. Südamerika war ein Schmelztiegel der Kulturen. Europäische Einwanderer trafen seit dem 15. Jahrhundert auf die indigenen Traditionen und Glaubenswelten. Zudem war Lateinamerika in viel stärkerer Form ein Kontinent der sozialen Unterschiede. Großer Reichtum und bittere Armut liegen bis heute direkt nebeneinander.

Diese Gegensätze haben Franziskus geprägt. Seine Eltern waren Peronisten und gehörten damit dieser für Europäer schwer verständlichen politischen Richtung an, die einen ausgeprägten Nationalismus mit einem katholischen Sozialismus verband. Jorge Mario Bergoglio trat nach einer Lehre zum Chemielaboranten 1958 in den Jesuitenorden ein. Er wurde 1969 zum Priester geweiht. In diese Zeit fiel der kirchliche Umbruch des II. Vatikanischen Konzil (1962-1966). Das Konzil ermutigte die Südamerikaner zu einem eigenständigen theologischen Aufbruch, der unter dem Titel „Theologie der Befreiung“ bekannt wurde. Im Grunde handelte es sich um eine Emanzipationsbewegung, ein kontextualisierte Theologie, die sich aus der Dominanz des jahrhundertalten theologischen Denkens Europas lösen wollte. Man wird Franziskus nicht ohne seine theologischen Grundlagen verstehen können.[1] Die „Theologie der Befreiung“ hatte unter Lucio Gera in Argentinien eine ganz eigene Prägung erhalten. Ihr Leitgedanke war weniger der des Befreiungskampfes, sondern der des kulturellen Lernens. Aus der eigenen Wurzel der indigen-europäischen Mischkultur sollte theologische und geistliche Einsicht entstehen. Die argentinische Befreiungstheologie knüpfte an der Vorstellung der Romantik an, nach der jedes Volk so etwas wie einen eigenen „Volksgeist“ hat, eine Art und Weise die Welt zu verstehen, zu deuten und in ihr zu handeln. Der so gelebte Glaube war eine Erkenntnisquelle für die kirchliche Verkündigung und Lehre: Auf Glaube und Praxis des „Volkes“, der einfachen Leute schauen, diese im Licht des Glaubens reflektieren, daraus die Lehre formulieren und durch die eigene kirchliche Praxis das „normale“ Leben wieder prägen – so könnte man die Methode, die Franziskus in seiner argentinischen Zeit gelernt hat, beschreiben. Deshalb tauchen in seinen späteren päpstlichen Schriften zuweilen Beispiele aus dem „wahren Leben“ auf, Erzählungen von Begebenheiten und Lebensweisheiten einfacher Leute, die dem Papst ebenso als Erkenntnisquelle dienten, wie seinen Vorgängern die Konzilientexte oder die Abhandlungen der bedeutenden alten Theologen.

Franziskus hat sich in dieser Weise als „Mann des Volkes“ verstanden. Er sah sich als Papst weniger als Leiter der Kirche, sondern vielmehr als Repräsentant der Gläubigen, denen er soviel beibringen wollte, wie er auch von ihnen lernen konnte. Nach dem Konklave fand dieses Selbstverständnis darin Ausdruck, dass Franziskus sich zunächst vom Volk segnen ließ, bevor er selbst den päpstlichen Segen erteilte.

Die Anfangszeit des neuen Papstes, der bewusst den „poverello“, den Volksheiligen Franz von Assisi zu seinem Namensgeber wählte, ließ die Welt staunen. Bewusst wollte der Papst alles vermeiden, was ihn in seiner Sonderstellung heraushob. Die päpstlichen Liturgien wurden gerade im Gegensatz zu seinem Vorgänger Benedikt XVI. wieder schlichter, die Begegnungen mit den Pilgern in Rom dafür wieder ausführlicher. Der Papst trug sein Kassen-Brillengestell weiter und seine orthopädischen Schuhe. Er zog nicht in das päpstliche Appartement, sondern nahm sein Zimmer im Gästehaus des Vatikan. In gewisser Weise führte er seinen einfachen Lebensstil, den er als Ordensmann und als Bischof von Buenos Aires geführt hatte, einfach fort. Täglich feierte er einige Jahre lang die Heilige Messe nicht in der päpstlichen Privatkapelle, sondern in einer an den Vatikan grenzenden Pfarrkirche, einem schmucklosen Betonbau. Er überraschte ganz normale Menschen durch seine persönlichen Anrufe und Briefe und schien sein ganzes Pontifikat lang unter der durch das Amt bedingten Distanzierung von der „normalen Welt“ zu leiden. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er zum Besuch der römischen Pfarreien wohl lieber die Metro als die Limousine genommen, auch wenn diese mit der Zeit auf die Größe eines Mittelklasse-Fiats eingeschrumpft wurde. Dies alles stellte die gut geölte Maschine des vatikanischen Betriebs vor große Herausforderungen. Die Kardinäle, die Chefs der Dikasterien („Ministerien“) mussten sich daran gewöhnen, eine weniger bedeutende Rolle zu spielen. Große Aufmerksamkeit widmete Franziskus der „weltlichen“ Seite des Vatikans und bemühte sich um Reformen der vatikanischen Verwaltung und der Vatikanbank, die immer einmal wieder durch zweifelhafte Geldanlagen auffällig geworden war.

Sein päpstliches Programm hatte Franziskus in seinem ersten Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ dargelegt. Es ging ihm um eine Reform der Kirche, die sich in allem ihrem Auftrag der Evangelisierung unterzuordnen hatte. Die Gestalt der Kirche sollte sich mit Blick auf diese Aufgabe reformieren und streitbarer, sensibler, zugänglicher und ärmer werden. Ostentativ wandte er sich immer wieder an die Kleriker und schärfte ihnen ein, diesen Weg zu verfolgen. Er warnte sie vor allem, was ihre Sonderstellung unter den Gläubigen betonen würde. Sein Leitbild war sicher der „gute Hirte mit dem Geruch der Schafe“, also der Priester oder Bischof, der volksnah, seelsorglich und pragmatisch ist und handelt. Unter „Kirche“ verstand der südamerikanische Papst immer die weltweite Kirche. Seiner Überzeugung nach konnte diese Kirche nicht zentralistisch gedacht werden. Franziskus sprach von einer „polyedrischen Wahrheit“ und meinte damit eine kultursensible Pastoral, die mit Blick auf die jeweilige Situation, in die sie gestellt ist, in je angemessener Weise reagieren sollte.[2] Um den Zentralismus aufzubrechen, etablierte Franziskus ein neues Gremium, den Kardinalsrat, von dem er sich Beratung durch ausgewählte Bischöfe aus der ganzen Welt erhoffte. Zudem stärkte er die Institution der Bischofssynode und versuchte, relevante Beratungsinhalte auf breiter weltkirchlicher Ebene zu erörtern. Diese Methode, die Franziskus aus der argentinischen Tradition übernommen hatte, brachte nicht nur Vorteile. Zum einen weigerte sich Franziskus als Papst lehrverbindliche Entscheidungen für die ganze Kirche zu treffen und argumentierte auf Lehrfragen stets mit der Notwendigkeit der pastoralen Anwendung kirchlicher Normen und Gesetze. Zum anderen war der Anspruch an das Papstamt, die Einheit der Kirche zu garantieren schwer umsetzbar. Mehr als einmal haben sich die Gläubigen und Bischöfe (vor allem in Europa) nach dem Lesen päpstlicher Dokumente gefragt: „Was gilt denn jetzt?“. Die Enzykliken und apostolischen Schreiben waren ausführlich und deskriptiv, wiesen in bestimmte Richtungen, ohne allerdings klare Regeln zu definieren.

Die „kultursensible“ Lesart der christlichen Tradition machte sich vor allem in zwei Feldern bemerkbar: Zum einen ging es Franziskus um eine besondere Zuwendung zu den Armen, besser zu den Marginalisierten. Die Kirche müsse an die Ränder gehen, so hat er es immer betont. Franziskus hat diese Ränder durch seine Besuche und Gesten immer wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Besonders eindrücklich war sein Besuch auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa, bei der er den Europäern die fatalen Auswirkungen ihrer Migrationspolitik sichtbar vor Augen führte. Er reiste inkognito in den kriegsgebeutelten Irak oder in die zentralafrikanische Republik, die kurz vor einem Bürgerkrieg stand. Es heißt, dass sein Besuch dort ein Ausbrechen der Gewalt verhindert habe. Die Zuwendung zu den Armen und Kranken war ihm besonders wichtig. Er segnete bei den Audienzen bewusst schwerkranke Menschen, suchte die römischen Gefängnisse auf und bemühte sich um Speisung und sanitäre Versorgung von Obdachlosen am Vatikan. Eindrucksvoll und bleibend ist auch das Bild des Papstes im strömenden Regen auf dem leeren Petersplatz, auf dem er unter einem Pestkreuz für die Kranken und Verstorbenen der Corona-Pandemie betete. Hartnäckig versagte Franziskus seinen Besuch in den klassischen katholischen Ländern und fuhr statt nach Spanien oder Polen lieber in die Mongolei, nach Kasachstan oder Ost-Timor. Ein spannungsreiches Verhältnis hatte er zu den Katholiken in den USA, ein Land, das er als Urheber einer globalen Unkultur des Kapitalismus, Kulturimperialismus und Individualismus angesehen hat. Den wenig beachteten Christen an den „Rändern“ der Welt verschaffte er auch durch ungewöhnliche Kardinalsernennungen Aufmerksamkeit, so dass mit der Zeit ein äußerst buntes und vielfältiges Kardinalskollegium entstanden ist, in dem die Vormachtstellung der Europäer langsam abgelöst wurde. Die Europäer, vor allem auch die in der Vergangenheit theologisch dominanten Deutschen hat er mehrfach vor den Kopf gestoßen.[3] Sie mussten sich in die weltkirchliche Gemeinschaft einordnen. Besonders frappierend war dies, als Franziskus zum Reformationsjubiläum nicht etwa nach Wittenberg, sondern nach Schweden fuhr, oder als er die deutschen Bischöfe, die sich mitten im synodalen Weg ein Krisengespräch mit dem Papst erhofft hatten, versetzte. Stattdessen besuchte er eine alte Tante zu ihrem Geburtstag.

Das zweite „kultursensible“ Thema war für Franziskus die Erhaltung der Schöpfung. Mit der Enzyklika „Laudato sii“ führte er ein wichtiges Gegenwartsthema in den Kanon der päpstlichen Prioritäten ein. Sein Schöpfungsbild ist ein zutiefst konservatives. Für Franziskus ist, wie etwa die Amazonassynode gezeigt hat, die Natur ein Ursprungsort menschlichen Lebens und Handelns. Das natürliche Verhältnis zu Erde, Wasser und Luft ist für ihn durch den Herrschaftswillen und Egoismus des Menschen zerstört worden. Ökologisches Bewusstsein ist weniger ein Entwicklungsziel als ein „Zurück zu den Ursprüngen“, in denen die Natur aus dem Zustand der Entfremdung wieder in ihr ursprüngliches gottgegebenes Recht gesetzt wird.[4]

Es bleibt ein Pontifikat, das von vielen nicht verstanden wurde. Die Zeit von Papst Franziskus markiert einen Umbruch. Die Zeit der „europäischen“ Kirche geht zu Ende. Die Tradition weicht der Gegenwart. Die Vertreter der Tradition müssen Eingeständnisse machen. Die Kirche lebt in unterschiedlichen Kontexten und „Welten“, die ihre eigene Logik, vor allem aber auch ihre eigene Berechtigung haben. Ein Nachfolger wird von einem radikal veränderten Kollegium gewählt, das nach diesem Grundsatz zusammengestellt wurde. Zugleich hat Franziskus deutlich gemacht, dass Reform der Kirche immer in einem Aufbruch ihrer pastoralen Sendung besteht. Alles Streben ist das nach Evangelisierung, nach authentischem Ausdruck eines gelebten Glaubens. Mehrfach hat Franziskus die deutschen Katholiken dazu ermahnt. Reformen sind nicht die im politischen Streit erreichten Vereinbarungen und Regeln, sondern die langsame innerliche Veränderungen aus dem geistlichen Miteinander glaubender Menschen. Diese Botschaft hat in Deutschland nicht viel Anklang gefunden. In der Tat ist vieles im Vagen geblieben, wo sich viele Ortskirchen klare Entscheidungen gewünscht hätten, etwa bei der Weihe verheirateter Männer, einem diakonalen Amt für Frauen, bei der gemeinschaftlichen Kommunion zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Konfessionen oder der Segnung homosexueller Paare. Es gilt hier das Wort, das Franziskus einmal beim Besuch der evangelischen Gemeinde in Rom sagte. Angesprochen auf die kritischen Fragen endete er seine einigermaßen offenen Ausführungen mit „andate avanti“ – „geht weiter“. Es ist das Vertrauen, dass sich Lösungen im Gehen eines gemeinsamen Weges wohl von alleine einstellen. Der Papst ist für diesen „Schlingerkurs“ häufig kritisiert worden. Die Kritik wird ihm nichts ausgemacht haben. Schon als Jesuit und Bischof in Buenos Aires wurde ihm eine gewisse Unbeirrbarkeit nachgesagt. Papst Franziskus war in guter jesuitischer Tradition davon überzeugt, dass seine eigenen tiefen Einsichten ihm Gewissheit über seinen weiteren, oft auch angefochtenen Weg geben werden.

2023, zehn Jahre  nach einem ersten Besuch, war ich noch einmal in Capioví. Das Papstbild war noch da. Die Stimmung hatte sich gewandelt. Die Argentinier waren auf ihren prominenten Landsmann nicht mehr ganz so gut zu sprechen. Zu sehr habe er sich in den argentinischen Wahlkampf eingemischt, hieß es. Das war kurz nach der Wahl Mileis zum neuen Präsidenten. Franziskus misstraute den neuen nationalistischen Herrschern in der Welt. Er wünschte sich mehr soziale Sensibilität, mehr Gerechtigkeit, ökologisches Bewusstsein und internationale Zusammenarbeit auf der Welt. Er selbst hatte leidvoll erlebt, wie es sich in einer Diktatur lebt. So verabschiedet sich der Papst vom anderen Ende der Welt als einer, der eine andere Welt verkündet hat. Die großen Veränderungen der kommen aus einer Revolution des Geistes und der Liebe. Das hat er von seinem Namenspatron Franziskus gelernt.   


[1] Ich habe die theologischen Grundlagen, mit denen ich mich im Rahmen meiner Doktorarbeit beschäftigt habe, an anderer Stelle ausführlicher dargestellt: Papst Franziskus – theologische Grundlinien – Sensus fidei

[2] Europa als Provinz der Weltkirche – Sensus fidei

[3] Ein aufmunternder Klaps und eine schallende Ohrfeige – Papst Franziskus schreibt an die deutschen Katholiken – Sensus fidei

[4] Die „Schöpfung“ angesichts der ökologischen Frage – Teil 2 – Sensus fidei

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