Wachstum im Glauben

Am Ende des Johannesevangeliums (Joh 21,15-19) steht eine entscheidende Frage. Dreimal wird Petrus vom Auferstandenen gefragt, ob er ihn liebt. Mit dieser Frage nach der Liebe, die im Sinne der Freundschaft als auch der Treue verstanden werden kann, entlässt der Evangelist seine Leser gewissermaßen in das Leben hinein. Denn natürlich wird diese Frage nicht nur Petrus gestellt sondern mit ihm jedem und jeder, der oder die das Evangelium studiert hat.

Das Johannesevangelium beginnt mit dem großen Prolog, in dem Jesus als „logos“, also Wort oder auch Weisheit Gottes vorgestellt wird. Im weiteren Text wird nun geschildert, wie die Menschen Stück für Stück zur Erkenntnis dieser Wahrheit kommen, durch die Wunder und Reden Jesu, später durch den Tod und die Auferstehung. Aber erst mit dem Empfang des Geistes, so macht es Johannes immer wieder deutlich, erst mit ihm lässt sich die volle Wahrheit begreifen. Der Glaube der Jünger und damit der Glaube der Leser muss im Laufe der Zeit wachsen. Von einer schlichten Ahnung soll er zur Gewissheit werden. Das Johannesevangelium versteht sich somit als Einführung in den Glauben. Erst am Schluss wird dem erwachsen gewordenen Gläubigen dann sein Auftrag gegeben. Das Wort von der Nachfolge steht ganz am Ende Textes. Auf Petrus gewendet: Wenn du, Petrus jetzt verstanden hast, wer Jesus Christus wirklich ist und wenn du durch den Geist zum vollen Glauben gekommen bist, dann erweise deine Liebe Jesus gegenüber, indem du deinen Auftrag in der Welt ausfüllst, auch wenn diese Aufgabe für dich keineswegs nur angenehm sein wird. Den Geist empfangen bedeutet also, im Glauben erwachsen zu werden.

In den letzten Tagen hatte ich Kontakt mit unseren jugendlichen Firmbewerbern. Ihnen soll im Sakrament ja der Empfang des Geistes zugesagt werden. Sie werden nicht nur als junge Leute langsam erwachsen, sondern auch ihr Glaube soll eine erwachsene und verständige Ausprägung erhalten. Wir kamen über einige Fragen des Glaubens ins Gespräch. Und tatsächlich beschäftigte einige der Jugendlichen genau das Thema des Erwachsenwerdens im Glauben. Sie sagten es in ihren eigenen Worten so: „Ich habe Schwierigkeiten, zu Gott in Kontakt zu kommen. Ich habe den Eindruck, er hört mich nicht. Ich kann ihn nicht spüren. Früher als Kind war das einfacher. Ich habe wirklich geglaubt, dass Gott da ist und das ich mit ihm sprechen kann. Jetzt ist das ganz anders. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch glaube.“

Solche Aussagen können erst einmal verwirren. Wie kann es sein, dass hier jemand einfach so den Glauben verliert? Ich glaube, dass wir es mit einem ganz normalen und gesunden Prozess zu tun haben. Was die Jugendlichen meinen, ist, dass sich ihr kindlicher Glaube und ihre kindliche Sicherheit auflösen. Es ist nicht mehr wie vorher. Das erleben sie nicht nur in Fragen des Glaubens, sondern in ihrem Alter auch in allen anderen Fragen des Lebens. Auch das Verhältnis zu den Eltern verändert sich in dieser Zeit. Es ist nicht mehr das Verhältnis eines kleinen Kindes, das sich immer wieder einfach den Eltern anvertraut und von ihnen alles entgegennimmt. Es ist vielmehr ein Verhältnis in zunehmender Distanz und mit zunehmendem Widerstand. Die Jugendlichen hinterfragen, was die Eltern ihnen sagen, sie lehnen sich teilweise dagegen auf. Sie möchten ihr eigenes Leben finden, sich in anderen Bezügen ausprobieren. Das Verhältnis der Jugendlichen zur Schule verändert sich, das Verhältnis zu ihren Freunden, auch das zur Gesellschaft. Überall brechen die alten Sicherheiten weg und öffnen zunächst einen Raum der Unsicherheit, der kreativ und verlockend, genauso aber auch gefährlich oder grausam sein kann. Das ist der Weg, wie wir erwachsen werden.

Auch das Gottesverhältnis muss in gewisser Weise erwachsen werden. Im besten Fall verändert und vertieft es sich ein Leben lang. Die großen Gotteskenner wie etwa Teresa von Avila wussten das noch ganz genau. Teresa beschrieb den Weg der Mystik, also den Weg der Gotteserkenntnis als Weg durch eine innere Burg. Am Anfang, noch vor den ersten Mauern ist er ganz einfach. Wir lernen Gott kennen als den Gott der Bibel, mit bestimmten Riten und Regeln. Vor allem erfahren wir Gott als jemanden, bei dem wir gut aufgehoben sind, der uns Schutz gibt und Sicherheit. Es ist im Grunde wie bei einem kleinen Kind. Es findet seine Sicherheit auf dem Arm der Mutter oder des Vaters. Dort, so denkt es, kann ihm nichts passieren. Wer dieses Gefühl der Sicherheit in der Beziehung zu Gott kennt, der leidet darunter, wenn er es verliert. Wenigstens in Notsituationen, so denkt er, müsste sich doch dieses „Auf dem Arm-Gefühl“ wieder einstellen. Aber dieses Gefühl ist im Lebenslauf für die kleinen Kinder bestimmt. Ich kann es nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt wiederholen. Irgendwann bin ich zu groß geworden. Dann muss ich selber laufen. So wenig, wie Eltern gut daran tun, ihre Kinder in dieser Hinsicht „klein“ zu halten, sowenig tut dies Gott. Nach einer Zeit im Glauben stellt sich notwendigerweise das Gefühl ein: Er ist nicht mehr da, beziehungsweise: er ist nicht mehr so da wie früher. Ich muss ihn neu finden. Und dieses neue Finden nimmt dann, wie bei Petrus im Evangelium den Charakter der Nachfolge an. Wohin soll ich gehen, um Gott wiederzufinden? Was könnte sein Auftrag für mich sein? Welche Form nimmt meine Berufung an, wenn ich ihm so wie Petrus die Liebe und Treue, die Freundschaft versprochen habe? Die Kunst ist nur, Gott nicht zu verlassen, bloß weil er nicht mehr so spürbar ist wie früher. Er wird sich wiederfinden lassen. Jede Gotteskrise kann eine neue Stufe der Reifung im Glauben vorbereiten.

In Teresas innerer Burg nimmt die Beziehung von Schritt zu Schritt an Intensität zu, aber nicht so, dass sich die ursprüngliche Erfahrung immer wieder wiederholt, sondern so, dass sich neue Erfahrung einstellen. Und nicht jede Erfahrung ist einfach erst einmal eine reine Freude, sondern sie kann auch im ersten Moment verstörend und irritierend sein.

Wir machen, so glaube ich, in der Verkündigung den Fehler, dass wir meinen, wir müssten immer wieder das ursprüngliche Kindergefühl heraufbeschwören. Wir vermitteln Gott gerne als „Liebenden“. Das ist natürlich richtig und gut. Allerdings reicht es für das gläubige Wachstum nicht aus nur auf „Gott liebt uns“ hinzusteuern und die Frage Jesu „Liebst du mich“ mit all ihren Konsequenzen nicht mehr zu stellen. Insofern entlässt das Evangelium auch die kirchliche Gemeinschaft als solche mit einer großen Herausforderung. Das Evangelium endet an dieser Stelle und entlässt uns in den Alltag. Wie stehen wir in ihm: Verlassen oder erfüllt?   

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