Sein

Am 20. Januar dieses Jahres starb Marvin Lee Aday. Er stammte aus Texas. Seine Biografen erzählen, dass er als Kind unter einem gewalttätigen und alkoholabhängigen Vater zu leiden hatte. Aday war schon als Kind übergewichtig und wurde von seinen Schulkameraden „Meat Loaf“ genannt, was übersetzt „Fleischklops“ oder auch „Hackbraten“ bedeutet. Es gehört zu den erstaunlichen Aufstiegsgeschichten im Showgeschäft, dass sich gerade ein solcher in vieler Hinsicht benachteiligter Mensch dank seines Talents und einiger glücklicher Zufälle zu einem großen Star entwickeln konnte. Seinen Spottnamen „Meat Loaf“ machte er zu einer Marke, die bis heute die Rockfans auf der ganzen Welt fasziniert und begeistert. 1977 wurde er mit einem Musikalbum berühmt, das sich über 40 Millionen Mal verkaufte. Es folgten Welttourneen, Ruhm und Reichtum. Doch dann, und auch das ist typisch für Musikerbiografien, folgte der Absturz. Streitigkeiten mit dem Management, Verlust der Stimme, Verlust des Vermögens, Nervenzusammenbruch, Alkoholexzesse. Fortan ein ständiger Kampf um die eigene Existenz, ein erfolgreiches Comeback, Herzoperationen, Scheidung, ein ständiges Auf und Ab. Als ich anlässlich seines Todes von dieser Vita las, war ich bedrückt. Statt Bewunderung empfand ich mit einem Mal Mitleid. Ist das in Ordnung? Ob Aday ein glücklicher Mensch war, weiß ich nicht. Wie er selbst auf sein Leben zurückblickte kann ich nicht sagen. Ein Leben in solchen Extremen allerdings stellte mir die Frage, was ich mir eigentlich unter einem gelingenden Leben vorstellen soll.

Man darf es sich mit einer Antwort nicht zu einfach machen. Am heutigen Sonntag werden drei Texte gelesen, die die Frage nach dem gelingenden Leben suchend umkreisen, der Abschnitt aus dem Buch Jeremia (Jer 17, 5-6), der Psalm 1 und die Seligpreisungen in der Version des Lukasevangeliums (Lk 6, 20-26). Die biblischen Worte „selig“, „gesegnet“, „glücklich“ umschreiben einen Zustand des Gleichgewichts, in dem das physische, soziale und das geistige Leben ein „Gelingen“ erfahren. Man könnte sagen: in diesem Zustand sind die Beziehungen zu mir selbst, zu den Mitmenschen und zu Gott in Ordnung. Jeremia spricht zunächst Warnungen aus: Verflucht der Mensch, der sich auf andere Menschen stützt, also sich von anderen abhängig macht, sich dem reinen Menschenwerk verpflichtet weiß. Verflucht der Mensch, der sich auf schwaches Fleisch stützt, also der sein Leben auf seine eigenen Fähigkeiten gründet. Verflucht, dessen Herz sich vom Herrn abwendet, sich also von Gott löst und den Grund seines Lebens aus dem Blick verliert. Ein solcher Mensch ist wie ein kahler Strauch in der Steppe, der unfruchtbar und unbeständig bleibt. Selig dagegen, wer sich auf Gott gegründet hat. Er ist wie ein fruchtbarer Baum mit festen Wurzeln.

Das klingt radikal. Es klingt, als sei die Religion das einzig Wichtige und der Rest des Lebens egal. Ich glaube, so dürfen wir den Text nicht lesen. Auch die Bibel sagt es so nicht. Im Gegenteil. Im Psalm 1 heißt es ja, dass derjenige, der seine feste Verwurzelung in Gott hat, auch ein gutes Leben im ganz weltlichen Sinn führen kann. Das weltliche und das geistliche Glück gehören eng zusammen. Joseph Ratzinger hat einmal versucht, diesen Zusammenhang zu erklären.[1] Er schrieb über den Glauben und sagte: Der Glaube bedeutet eigentlich ein Stehen in der Welt. Von diesem Standpunkt schauen wir auf die Dinge. In dieser Weise braucht jeder Mensch einen Glauben, auch wenn es in dieser allgemeinen Bestimmung noch gar nicht ausdrücklich der christliche Glaube ist. Es wäre falsch, so Ratzinger, sich im Leben auf das Machbare, das Leistbare, das Materielle zu verlassen. Alles das verlockt uns zu einer unsteten Existenz. Es zieht uns einmal in die eine und in die andere Richtung. Erst vom Glauben her, vom festen Ort sind wir in der Lage, die Dinge zu ordnen und zu beurteilen und dann gute Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen. Der Glaube bildet die Wurzeln aus, die den Selbststand und die Fruchtbarkeit ermöglichen. Deswegen entscheidet sich die Frage nach dem gelingenden Leben dort, am Standort, und nicht in den Bewegungen, Leistungen und Erfolgen des Lebens.  

Ich habe mich an eine Begegnung vor einigen Jahren erinnert. Damals kamen drei Schwestern ins Pfarrhaus, um mit mir die Beerdigung ihrer Mutter zu besprechen. Diese hatte ein bewegtes Leben gehabt. Sie war mit 10 Geschwistern in Schlesien aufgewachsen, hatte eine dramatische Flucht erlebt und musste sich mühsam ein neues Leben aus dem Nichts aufbauen. Sie gründete eine eigene Familie und führte ein eher zurückgezogenes, unscheinbares Leben. Als die Kräfte nachließen und ihr Mann starb, nahm eine der Töchter sie zu sich. Die drei Schwestern erzählten nun von dieser Zeit, von diesen letzten Jahren. Sie sagten: Eigentlich war es eigenartig. Je mehr die Kräfte unserer Mutter nachließen, desto mehr wurde sie der Mittelpunkt der Familie. Wenn wir in das Haus kamen, gingen wir als erstes zu unserer Mutter und bei den Schwiegerkindern und Enkeln war es genauso. Mutter konnte kaum noch aus ihrem Zimmer heraus. Sie konnte nichts mehr unternehmen. Sie hat sich mit der Zeit immer weniger an Dinge erinnert und am Ende auch immer weniger gesprochen. Sie war eigentlich nur noch da. Aber sie war so da, dass es uns immer wieder zu ihr zog. Wir haben immer ihre Gegenwart gesucht. Und auch jetzt, wo sie gestorben ist, gehen wir immer noch in ihr Zimmer, so als ob wir sie weiter aufsuchen würden.

Die Schwestern haben mit viel Wärme und Bewegung von diesem Zustand erzählt. Ich habe ihnen geglaubt. Mich erstaunte diese Schilderung eines Menschen, der nur noch reines Dasein ist, der aller Möglichkeiten entkleidet wurde und nichts anderes mehr darstellte als den Ort, zu dem ich kommen darf. Ein Mensch, der offenbar wie ein Baum an Wasserbächen gepflanzt ist.

Auch eine solche Geschichte darf ich sicher nicht überhöhen. Niemand wünscht sich den Zustand des Altwerdens, des Vergessens, der Krankheit. Aber er verdeutlicht ein wenig den Geist, der auch aus den Seligpreisungen spricht. Denn Jesus nennt den seiner Möglichkeiten entkleideten Mensch selig. Es heißt ja gerade nicht: Selig, der Großes erreicht hat, selig, der andere führt und leitet, selig, der ein politisches Ziel verwirklicht. Es heißt noch nicht einmal: Selig, der anderen Gutes tut. Es ist nicht so, als ob alles das nichts wert sei, ganz im Gegenteil. Aber die Seligkeit, das Ansehen vor Gott, liegt eben nicht zuerst in deinem Tun, sondern in deinem Sein. In seiner ganz reduzierten Form, unter den Bedingungen des Leidens, der Armut, der Trauer tritt dieses Sein in besonderer Form hervor. Es kann sich nicht mehr hinter der äußeren Leistung verbergen. Jeder Anschein ist ihm genommen. Nicht das Leiden ist gut, nicht die Armut, nicht die Trauer, sondern der Mensch, der all das erfährt. Auch das größte Unglück kann ihn nicht aus der Liebe Gottes herauslösen, ihm seinen Standort nicht nehmen, nicht seine Würde, nicht seine Gotteskindschaft.

Das alles ist nur eine Vermutung, ein Weg, diese durchaus rätselhaften Texte der Heiligen Schrift zu verstehen. Die „Seligkeit“ bleibt hinter allen Worten ein unaussprechbarer Zustand. Das letzte Wort über unser Leben werden wir nie selber sprechen.


[1] Ich beziehe mich auf: Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, Einführung Kapitel I,4.

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