Dem Andenken eines Engels

Die Wundererzählungen der Evangelien gehen immer gut aus. Im Wissen darum hören wir sie meistens schon unter dem positiven Vorzeichen: „Es wird schon nicht so schlimm kommen“. Dabei schildert gerade das heutige Evangelium (5,21-24;35b-43) eine bewegte Szene voller Dramatik. Ein Mädchen liegt im Sterben. In seiner Verzweiflung und erfüllt von der drängenden Notwendigkeit, jetzt schnell etwas zu tun, wendet sich der Vater Jairus an Jesus, der sich gerade in der Nähe aufhält. Jairus kämpft sich durch die Menschenmenge. Er erreicht Jesus und fleht ihn um Hilfe an. Wenn es noch einen gibt, der dem Mädchen helfen kann, dann vielleicht dieser Wunderheiler und Prediger: „Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt.“ Tatsächlich lässt Jesus die Menge allein und geht mit ihm. Der Weg zum Haus ist erfüllt von zitternder Sorge und banger Hoffnung. Da erreicht sie die Nachricht, dass es zu spät ist. Das Mädchen ist gestorben. Die Leute aus dem Haus der Familie haben aufgegeben. „Du brauchst den Meister nicht länger zu bemühen“. Jesus allerdings geht mit dem Vater weiter. „Sei ohne Furcht, glaube nur“. Was mag der Vater denken? Aus dem Haus hört er bereits das Wehklagen der Menschen, die Trauer und Verzweiflung dringt durch die Fenster. Und neben ihm der, der helfen könnte aber zu spät kam. Was wird das? Ein Gang in die Katastrophe? Ein Zugehen auf den Abgrund der traurigsten Gewissheit, die der Tod geschaffen hat oder doch noch etwas anderes? Es ist der Moment zwischen den Welten, an dem Jesus das Kind erreicht. Im Schweben zwischen Tod und Leben, zwischen Zeit und Ewigkeit fasst er das Mädchen an der Hand.

Im Jahr 1935 erreichte den Komponisten Alban Berg in Wien eine traurige Nachricht. Am 22. April war Manon, die Tochter von Alma Mahler an Kinderlähmung gestorben. Sie war erst 18 Jahre alt. Berg, der der Familie freundschaftlich verbunden war, empfand die Trauer der Eltern mit. Er ließ die eigenen Empfindungen der Verzweiflung, der Klage und der Erschütterung in sich wirken und beschloss, der jung Verstorbenen ein musikalisches Denkmal zu setzen. Sein Violinkonzert[1], dass er aus dieser Situation heraus komponierte sollte an Manon erinnern. Es trägt den Untertitel „Dem Andenken eines Engels“. Im ersten Satz versuchte der Komponist ein Charakterbild des Mädchens zu zeichnen, das eine fröhliche Person und leidenschaftliche Schauspielerin gewesen war. Er verarbeitet eine Volksweise aus der österreichischen Heimat und bedient sich einer expressionistischen aber im Grundton heiter-bewegten Stimmung. Der zweite Satz beginnt mit erschütternden Klängen des ganzen Orchesters. Die Wirklichkeit der Krankheit und des drohenden Todes entlädt sich in tiefen Akkorden und Schlägen. Verzweifelt klagende Läufe münden in einer immer tiefer absinkenden Melodielinie. Danach ist Stille. An der Schwelle vom Leben zum Tod liegt eine tiefe Ungewissheit. Die Welt hat uns verlassen. Doch dann beginnt ein leichtes, schwebendes Singen. In einer stetig steigenden Linie schwingt sich die Violinenstimme langsam empor. Am Ende steht ein langer, sehr hoher Ton, der in einem Moment der Ewigkeit verschwebt. „Talita kum“, Mädchen, steh auf – uns nicht mehr zugänglich, gegangen und doch eingegangen in eine tröstende, hoffende Schönheit des Lichtes.

Alban Berg zitiert eine Melodie von Johann Sebastian Bach aus der Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“.[2] Der Text des Eingangsstücks lautet:

„O Ewigkeit, du Donnerwort, / o Schwert, das durch die Seele bohrt, /o Anfang sonder Ende! / O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit, / ich weiß vor großer Traurigkeit / nicht, wo ich mich hinwende; / Mein ganz erschrock’nes Herze bebt / dass mir die Zung am Gaumen klebt. Herr, ich warte auf dein Heil.“

Die Ewigkeit ist hier beides. Sie erschreckt den Menschen, weil er sie nicht fassen kann. Der Eingang in die Ewigkeit bedeutet das Ende des greifbaren, irdischen Lebens. Zugleich ist sie eine Verheißung und ein Trost. „Herr, ich warte auf dein Heil“ – sagt die letzte Zeile. Ich wende mich an dich, so wie der Vater im Evangelium. Und wenn mir dieses Heil vor Traurigkeit auch nicht sichtbar erscheinen mag, so sehe ich es doch hinter den Tränen. Das leichte, schwebende Aufsteigen klingt in die Melodie der Klage hinein. Du stehst auf, wenn auch nicht sichtbar für uns. Du wirst weiter gehen.

Die Wundererzählung des Evangeliums geht gut aus: Jesus, der seine Hand auf das Mädchen legt, das Kind, das wieder aufsteht und geheilt ist. Die Fassungslosigkeit der Menschen. Die Erzählung illustriert die rettende Macht eines Gottes, der auch die Toten nicht verloren gibt. Und sie will eine Ermutigung zum Glauben und zur Hoffnung sein.


[1] https://www.youtube.com/watch?v=gd0dMs0MTg8

[2] https://www.youtube.com/watch?v=qUHSfl4rkww; Berg verwendete die Melodie aus dem Schlusschoral: „Es ist genug“.

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