Amazing grace

Es ist für einen Europäer erstaunlich zu sehen, wie unverhohlen religiös die Einführung eines neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten gestaltet ist. In unserer sachlichen demokratischen Gesellschaft, die faktisch die Trennung von Staat und Kirche stärker beachtet als in den USA, wo sie theoretisch viel stärker ist, sind wir so viel Christentum bei einem Staatsakt nicht gewohnt. Der Dreiklang „Präsident, Nation, Gott“ würde in Europa wohl eher als Missklang aufgefasst werden. Als diese Woche der 46. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wurde, war es nicht anders. Als Joe Biden seine Inaugurationsrede gehalten hatte, betrat der Countrysänger Garth Brooks die Rednerbühne. Er ist in Amerika einer der ganz großen Stars. Nach einem kurzen Vorspiel durch die Blaskapelle intonierte er „Amazing grace“. Das Lied ist so etwas wie eine zweite, inoffizielle Nationalhymne. Es ist ein geistliches Lied. Und ähnlich, wie in Deutschland zur Zeit der Weimarer Republik bei Staatsakten der Choral „Nun danket alle Gott“ gesungen wurde, vereinigt auch „Amazing grace“ die versammelte Staatsführung mit der Masse der Besucher zum gemeinsamen Gotteslob.

„Amazing grace“: „Wunderbare Gnade“. Der Text ist:

„Wunderbare Gnade, wie süß ist dein Klang, der einen armen Kerl wie mich gerettet hat. Einst war ich verloren, aber jetzt bin ich gefunden. Ich war blind, doch jetzt sehe ich.“

Das Lied ist ein Hymnus auf die Errettung und Erwählung eines Menschen durch Gott. Es wurde von einem Kapitän geschrieben, dessen Schiff auf wunderbare Weise aus Seenot gerettet wurde. „Ich war verloren, aber jetzt lebe ich“: Der Dank eines Menschen, der nicht nur sein Leben neu gefunden hat, sondern auch den Glauben, der Gott als seinen Herrn erkennt und anerkennt.

Man kann sich fragen, was ein solcher Text bei einem Staatsakt sagen soll. Warum spricht gerade dieses Lied die Amerikaner zu einer solchen Gelegenheit an? Es ist vielleicht das Gottvertrauen, die unerschütterliche Hoffnung, jede Gefahr mit seiner Hilfe überstehen zu können. Zugleich preist es aber auch die Gnade, die bewirkt, dass Menschen unerwartet ausgewählt, berufen werden. Sollte etwa der Präsident als „Erwählter“ gepriesen werden? Diese Vorstellung erzeugt ein gewisses Unbehagen. Vielleicht ist es eher eine andere Vorstellung: Jeder Mensch ist erst einmal gewöhnlich. Er ist fehlbar, anfällig für die Schuld, trifft falsche Entscheidungen, kann sich nicht aus sich heraus retten. Zugleich aber trägt jeder Mensch eine Verheißung in sich. Aus Gnade, das heißt aus freier Zuwendung, ist er berufen, ist er würdig, ist er gerettet, angenommen, beauftragt. Aus dem einfachen Dasein des Menschen kann etwas Wunderbares werden.

Der heilige Augustinus, der große Theologe der Gnade, hatte sich genau über diese Dimension der Erwählung Gedanken gemacht. Mit Blick auf die Berufung der ersten Jünger, jener Fischer am See von Galiläa, jener einfachen Männer aus dem Volk, schreibt er:

„Hätte Gott zuerst einen Redekünstler erwählt, so würde der Redekünstler sagen: Aufgrund meiner Redekunst bin ich erwählt. Hätte er einen Senator erwählt, so würde der Senator sagen: Aufgrund meiner Würde bin ich erwählt. Gib mir, sagt er [Jesus], jenen Fischer [Petrus], gib mir jenen Ungebildeten, gib mir jenen Ungelernten, gib mir den, mit dem der Senator beim Kauf des Fisches nicht einmal reden möchte: diesen, sagt er, gib mir; und wenn ich diesen erfüllen kann, so wird klar sein, dass ich es getan habe.“[1]  

Was Augustinus meint: Die Gnade Gottes soll sichtbar werden. Die Erwählung ist nicht etwas Selbstgemachtes. Das zweite ist: Es gibt niemand, der zu unbedeutend wäre. Gerade die Armen und Schwachen hat Gott erwählt, gerade sie sind Träger seiner Verheißung.

Es ist meine eigene Fischerexistenz, die ich Gott anvertrauen kann. Diese Existenz, die dem alltäglichen Ablauf des Lebens verpflichtet ist, die Existenz des mühsamen Netzeflickens, die den Blick beständig auf die eigenen Hände richtet, die versucht, dem Zerfallen entgegenzuwirken, die das immer wieder entgleitende Leben, die Gefährdung der Beziehungen, die Mühe einer nicht einfachen Welt durch tagtägliche Arbeit wieder zu heilen und zu verbessern versucht. Diese Fischerexistenz wird zur Freude des Lebens, zur Unbeschwertheit, zur Würde berufen. „Amazing grace“ – wunderbare Gnade, wunderbare Hoffnung, wunderbare Berufung, die mich aufrichtet und stark macht. Das Lied beschreibt genau diese Zuversicht. Seine dritte und vierte Strophe lauten:

„Durch viele Gefahren, Mühen und Fallen bin ich bereits gekommen. / Es ist Gnade, die mich sicher so weit brachte und Gnade wird mich heim geleiten.

Der Herr hat mir Gutes versprochen, sein Wort macht meine Hoffnung sicher. / Er wird mein Schild und Teil sein, solange das Leben währt.“


[1] Augustinus, aus Sermon 43,6 zitiert nach: Augustinus, Das Antlitz der Kirche, übersetzt von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln 1991, 213.

3 Kommentare zu „Amazing grace

  1. Das war bei der Antrittsrede von Donald Trump auch nicht anders. (Einführungsrede des US Präsidenten Trump: https://de.usembassy.gov/de/antrittsrede-von-prasident-trump/ Einführungsrede des US-Präsidenten Biden: https://de.usembassy.gov/de/tag-amerikas/). Bei Donald Trump betrat nicht dieser Countrysänger die Bühne, sondern einer der bekanntesten Rabbiner der USA mit einer sehr guten Rede. Bleibt noch zu erwähnen, dass Donald Trump deutlich von Evangelikalen, aber auch Katholiken (Hierzu der Brief der amerikanischen Katholiken zum damaligen Amtsantritt Donald Trumps) gewählt wird, wobei die letzte Wahlanalyse zeigt, dass der durchschnittliche Trump Wähler so zu definieren ist: weiblich, schwarz und arm.

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    1. Liebe Frau Sönnichsen, Sie haben recht: Die Rituale bei der Amtseinführung der amerikanischen Präsidenten sind sich sehr ähnlich. Deshalb ging es hier auch um eine allgemeine Betrachtung des Phänomens, nicht um die Bewertung eines bestimmten Präsidenten.

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      1. Sehr geehrter Pastor Bergner,
        Danke für die Antwort. Ich möchte nicht missverstanden werden, weder für den einen, noch für den anderen Präsidenten möchte ich hier Position beziehen.

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