Empfänglich werden [4. Advent]

Am 16. Dezember schlossen die Geschäfte. Kurz vorher wurde mir bewusst, dass ich noch gar keine Geschenke besorgt hatte. Das ist nicht weiter dramatisch – ich konnte mich schnell mit meiner Familie auf ein weitgehend geschenkfreies Weihnachtsfest verständigen. Aber trotzdem war es irgendwie schade. Es war nicht schade um das hektische Suchen in überfüllten Einkaufszentren. Aber es war schade um das Schenken als solches. Das Schenken transportiert ja eine Botschaft. Es heißt erstmal: „Ich habe an Dich gedacht“ oder auch „Du bist mit wichtig“. Schenken ist eine Form der Kommunikation in Gaben. Und wie beim Sprechen kommt es auch hier auf beide an, auf den der etwas von sich gibt und auf den Empfänger. Eine Botschaft muss nicht nur ausgesendet werden, sondern sie muss auch ankommen, sie muss angenommen werden.

Das klappt nicht immer. Damit mich etwas erreichen kann, muss empfangsbereit sein, oder mit einem alten Wort „empfänglich“. Sie kennen das wahrscheinlich auch. Manchmal lese ich ein Buch und der Inhalt lässt mich völlig kalt, er geht einfach an mir vorüber. Manchmal sprechen mich Menschen an und möchten mir etwas für sie Wichtiges erzählen, aber ich bin gerade mit ganz anderen Dingen oder Gedanken beschäftigt. Dann höre ich zwar die Worte, bin aber innerlich nicht bereit, mich auf sie einzulassen. Empfänglichkeit hat etwas mit Ruhe zu tun, mit Aufmerksamkeit, mit Erwartung, mit Zugewandtheit und mit Vorbereitung. Es ist so etwas, wie auf einen lieben Gast zu warten. Ich mache mir schon Tage vorher Gedanken, mache das Haus schön, bereite etwas zu Essen vor, mache mir Gedanken darüber, wie wir die Zeit verbringen werden, sortiere schon einmal vor, worüber ich mit dem Gast auf jeden Fall sprechen möchte. Und wenn er dann kommt, ist Freude, Offenheit und Herzlichkeit da.

Die Szene von der Verkündigung (Lk 1, 26-38) ist zugleich eine Szene von der großen Empfänglichkeit. Der Engel, der Maria besucht, bringt zwei Dinge mit: eine Botschaft und ein Geschenk. Das verkündete Wort von der erwarteten Geburt des Gottessohnes wird zugleich zum realen Geschenk der Mutterschaft. Mich ärgert etwas, dass die neue Bibelübersetzung gerade bei diesem Satz den Wortlaut geändert hat. Früher hieß es: „Du wirst ein Kind empfangen.“[1] Denn darum geht es: Maria ist hier gezeigt als empfänglich. Sie nimmt das Wort und ihren Auftrag an, sie erwartet mit Freude das Geschenk, Mutter zu werden. Die Empfängnis, ein schönes altes Wort, ist mehr als ein biologischer Akt. Sie ist ein Zustimmen, ein freudiges Begrüßen ein Umarmen des neuen Lebens. Maria hat scheinbar auf dieses Geschenk gewartet. Sie formuliert ihre Freude wenig später im großen Lobgesang auf Gottes Zuwendung, auf das große Geschenk ihres Lebens.

„Wie soll ich dich empfangen?“ fragte der Dichter Paul Gerhard in einem bekannten Liedtext.

„Wie soll ich dich empfangen / und wie begegn’ ich dir,

o aller Welt Verlangen, / o meiner Seelen Zier?

O Jesu, Jesu, setze / mir selbst die Fackel bei,

damit, was dich ergötze, / mir kund und wissend sei.“

Die Sprache ist etwas altertümlich, der Inhalt nicht. Paul Gerhard sieht sich und damit jeden, der das Lied singt als Empfangende. Wenn Jesus zu mir kommt, der von allen erwartete Gast, wie soll ich mich auf ihn einstellen? Wie sieht meine Vorbereitung auf die Begegnung mit ihm aus? Ich möchte dich empfangen, ich möchte, dass du bei mir bist. Aber mein Wissen und mein Vermögen ist eigentlich zu schwach, um mich angemessen vorzubereiten. Daher schenke mir selbst deine Weisheit, dein Licht, damit ich weiß, was dir gefällt, damit ich weiß, wie mein Haus gastlich für dich wird, wie meine Seele empfänglich ist für deine Gegenwart. Ich möchte vorbereitet sein, damit dein Kommen, die Erfahrung deiner Nähe ein Fest wird.

Vielleicht ist dieser stille Advent ganz dazu gut. Es gibt vielleicht weniger was mich ablenkt, weniger, was ich an äußeren Dingen tun muss, weniger Beschäftigung mit allem Möglichen. Das kann hilfreich sein, um empfänglich zu werden mit Ruhe, mit Gelassenheit mit Vorfreude auf das Fest, aber auch mit Vorfreude auf jede Gelegenheit, wenn Gott als Gast zu mir kommen will. Und dann wird Freude sein, Zufriedenheit und Erfüllung.


[1] Die neue Einheitsübersetzung übersetzt mit „Du wirst schwanger werden“, das ist sachlich sicher einfacher zu verstehen, als das etwas altertümlich Empfangen. Wörtlich steht bei Lukas: „Du wirst empfangen in deinem Bauch“.

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