Monolithen [3. Advent]

1968 brach ein Film alle Kinorekorde. Das große Weltraumepos „2001 – A space odyssee“ war mehr als ein reine Science-fiction-Story über Raumschiffe und Außerirdische. Der Film beginnt vielmehr in grauer Vorzeit auf der Erde. Die erste Episode zeigt eine Gruppe von Frühmenschen. Die Gruppe lebt in einer felsigen, wüstenähnlichen Landschaft. Eines Tages macht eines der Wesen eine Entdeckung. Mitten in der Wildnis steht eine vierkantige Säule, ein Monolith. Im Laufe des Films taucht dieses Objekt immer wieder auf. So machen Astronauten auf dem Mond die erstaunliche Entdeckung eines solchen Monolithen in einem Mondkrater und am Ende des Films spielt der Monolith ebenfalls eine entscheidende Rolle. Der Monolith dient dem Film als geheimnisvoller Hinweis auf eine ferne Macht, die scheinbar vor aller Zeit schon da war. Seine Herkunft bleibt im Dunkeln. Vielleicht stecken außerirdische Kräfte dahinter, vielleicht auch ein göttliches Wesen. Der Monolith steht für das Geheimnis hinter und vor aller Existenz. Er ist ein Zeichen, das auf etwas Größeres deutet, eine Kraft in der Zeit und Raum zusammenfallen.

Die Aufregung war groß, als vor einigen Wochen in der Wüste von Arizona ein solcher Monolith aus Metall auftauchte. Niemand hatte gesehen, wie er dorthin, an einen einsamen Ort gekommen war. Auf ebenso geheimnisvolle Weise verschwand das Objekt auch wieder. Seitdem tauchen an anderen Stellen der USA, zuletzt auch in Europa, sogar in Deutschland ähnliche Gegenstände auf. Plötzlich erscheinen sie auf Bergen oder Feldern. Das Phänomen ist zum Liebling der Medien geworden. Das geheimnisvolle Objekt als weltweiter Gegenstand für Spekulationen. Wer steckt dahinter? In Utah zerstörte eine Gruppe aufgebrachter Männer die Metallsäule, weil sie meinte, dass sie von feindlichen außerirdischen Mächten errichtet worden sei. Die Wahrheit wird wahrscheinlich viel langweiliger sein. Vielleicht handelt es sich um eine Kunstaktion, vielleicht auch um eine Werbekampagne. Noch bleibt das Phänomen rätselhaft. Und geheimnisvolle Dinge regen unsere Phantasie an. War hier die Vision aus dem Film „2001“ Wirklichkeit geworden. Könnte es nicht sein, dass hinter den Monolithen eine verborgene Macht steht, ein Zeichen vom Himmel, aus dem Jenseits oder aus dem Weltall?

Wenn Sie so wollen, begegnet im Evangelium des dritten Adventssonntags ein ganz ähnliches Phänomen:

Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Dies ist das Zeugnis des Johannes: Als die Juden von Jerusalem aus Priester und Leviten zu ihm sandten mit der Frage: Wer bist du?, bekannte er und leugnete nicht; er bekannte: Ich bin nicht der Messias. Sie fragten ihn: Was bist du dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein. Da fragten sie ihn: Wer bist du? Wir müssen denen, die uns gesandt haben, Auskunft geben. Was sagst du über dich selbst? Er sagte: Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat. Unter den Abgesandten waren auch Pharisäer. Sie fragten Johannes: Warum taufst du dann, wenn du nicht der Messias bist, nicht Elija und nicht der Prophet? Er antwortete ihnen: Ich taufe mit Wasser. Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt und der nach mir kommt; ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Dies geschah in Betanien, auf der anderen Seite des Jordan, wo Johannes taufte. (Joh 1,6-8, 19-28)

Es tritt ein Mensch auf, dessen Herkunft und Bestimmung unklar sind. Johannes, der Prophet in der Wüste erstaunt, verschreckt und überrascht die Menschen mit göttlichen Botschaften, wie man sie lange nicht gehört hat. Johannes, der Monolith, ein Zeichen Gottes inmitten der Wüste? Johannes, ein Auserwählter, ein Prophet? Die Menschen fragen nach den Ursachen dieser Erscheinung. Hatte man so etwas nicht schon einmal erlebt? Sie gehen zurück in der Geschichte Israels und kommen auf andere monolithische Gestalten, Elija etwa, den großen Propheten, der scheinbar alleine gegen die Mächtigen und das Volk stand und in machtvollen Worten und Zeichen das Eingreifen Gottes in die Geschichte sichtbar machte. Ist Johannes der Prophet der Endzeit, den die alten Schriften erwarten? Johannes selbst bestreitet das. Er nennt sich die „Stimme“. Er ist der Botschafter des nahen Heils. Wie soll man mit ihm umgehen? Diese Frage spaltet die Menschen. Soll man seiner Botschaft folgen oder ist er eine Bedrohung. Ist er vielleicht ein falscher Prophet, oder eben doch ein Auserwählter Gottes, Zeichen seiner Präsenz mitten unter dem Volk Israel?

Die Menschen bis heute tun sich schwer mit einem solchen Phänomen. Wie soll man die Zeichen deuten, die man nicht richtig verstehen kann? Wie kann es sein, dass es Zeichen und Botschaften Gottes gibt, die auch mitten in unserer so rationalen und ganz irdischen Gegenwart aufleuchten? Ich frage mich das manchmal, wenn ich über Land durch Mecklenburg fahre. Was werden die Bewohner in ein paar Hundert Jahren sagen, wenn sie unsere Kirchtürme sehen? Sie sind Botschaften nicht nur einer vergangenen Zeit sondern zugleich Mahnungen an eine höhere Wirklichkeit, an die schon heute kaum einer mehr glauben mag. Der Monolith verunsichert. Er stellt mich, meine Überzeugungen, meine Weltsicht, meine Erklärungsmodelle immer wieder in Frage. Könnte es nicht sein, dass dort doch noch etwas Größeres ist, was ich nicht fassen oder verstehen kann? Könnte es sein, dass es hinter unser vermessenen, erklärten, in Daten erfassten Wirklichkeit noch etwas anderes gibt? Diese Verunsicherung ist gut. Der Advent ist im Grunde eine Suchbewegung nach den Zeichen göttlicher Gegenwart. Es werden die alten Prophezeiungen etwa des Jesajabuchs gelesen. In ihnen werden die Phänomene des göttlichen Kommens beschrieben, Krise, Gericht, Erlösung, der kommende König des Friedens. Und es gibt unter uns diese Zeichen. Sie sind Phänomene eines gelingenden Lebens, eines tiefen Vertrauens, das über die wissenschaftlich erfasste Welt hinausgeht. Gott ist gekommen und er wird wieder kommen. Er zeigt seine Gegenwart in Dingen, die im Glauben verstanden werden können. Wir kennen die sichtbaren Zeichen der Sakramente, Feiern die unverständlich bleiben, wenn man ihren Code, in dem sie zu uns sprechen nicht kennt. Das irdische Zeichen verweist auf eine himmlische Wirklichkeit. So können auch die Dinge der Welt, vor allem die menschlichen und zwischenmenschlichen Erfahrungen von Glaube, Hoffnung und Liebe unter den Menschen zu Monolithen werden, zu Verweisen auf das „ganz andere“. Und wie damals spalten diese Zeichen. Für die einen sind sie eine Täuschung oder einfach ein innerweltliches Phänomen, für andere Zeichen der Hoffnung und des Glaubens, die unsere Welt nötig hat. Sie wissen: Gott ist mit uns.

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