Es könnte alles so einfach sein [2. Advent]

Im Frühjahr bekam ich einen Anruf der Universität Paderborn. Man fragte mich an, ob ich im Rahmen eines Studientages der theologischen Fakultät einen Vortrag halten könne. Weil ein Treffen vor Ort nicht möglich sei, solle der Studientag per Videokonferenz stattfinden. Ich sagte zu. „Kein Problem“, dachte ich mir – dann setze ich mich halt an meinen PC vor die Kamera und halte den Vortrag zu Hause. Das Ziel schien mir recht einfach zu erreichen. Und dann begannen die Schwierigkeiten. Zuerst fiel mir ein, dass ich gar keine Webcam hatte. „Kein Problem“, dachte ich, dann kaufe ich halt eine. Doch in den Geschäften war alles ausverkauft. Ich erstand allerdings eine kleine Not-Kamera, die sich dann als untauglich herausstellte. Im Internet suchte ich nach Anbietern. Nach etwa einer Stunde hatte ich einen Verkäufer gefunden, der mir zusagte, die Kamera noch bis zum Stichtag zu schicken. Sie kam später als zugesagt, aber zum Glück immer noch rechtzeitig. Die Paderborner fragten mich, ob wir eine Probe machen könnten. „Kein Problem“, dachte ich. Ich brauchte nur noch die entsprechende Software und einen Zugang. Nachdem das erledigt war, stellten wir allerdings fest, dass die Übertragungsqualität zu schlecht war. Unsere Internetleitung war zu schwach. „Kein Problem“, dachte ich, dann kann ich zur Not einfach nur den Ton übertragen. Die Paderborner würden dann meine Präsentation einblenden. Doch auch das Mikrofon funktionierte nicht. Ich besorgte mir einen Kopfhörer mit Mikrofon. Nun klappte es mit dem Ton. Das Problem war weiter die Leitung. „Kein Problem“, sagten die Paderborner, vielleicht könnte ich den Vortrag aufzeichnen, so dass man zur Not auf ein Video verweisen würde. Für das Video brauchte ich eine Software, die ich installierte. Es zeigte sich aber, dass die Software nicht mit meinem Mikrofon interagierte. Das Kameramikrofon funktionierte zum Glück. Ich nahm den Vortrag auf und stellte ihn bei youtube ein. Der Upload dauerte einen halben Tag. Wieder meldete sich Paderborn. Die Audioqualität des Videos sei zu schlecht. Wir müssten es doch live versuchen. Wieder tüftelten wir gemeinsam an einer Lösung. Wir haben es doch geschafft. Am Schluss kam das Bild von meiner Handykamera, der Ton über die Festnetzleitung und die Einblendungen wurden von Paderborn gesteuert. Das Ziel war erreicht.

„Es könnte alles so einfach sein – isses aber nicht“. Ich habe das kleine Beispiel erzählt, weil ich glaube, dass es nicht nur mir so geht. Ein Ziel ins Auge zu fassen ist leicht. Ein Ziel zu erreichen oft schwer. Ich kann mir zum Beispiel im Frankreichurlaub vornehmen, im nächsten Jahr flüssig Französisch zu lernen. Und dann sitze ich vor den ersten Lektionen und merke, wie langsam das geht. Eine Sprache zu lernen ist eine sehr zähe Angelegenheit. Man braucht viel Zeit und Frustrationstoleranz. Oder ich nehme mir vor, ein bestimmtes politisches Ziel zu erreichen. „Ganz einfach“, denke ich und dann kommen die Mühlen der Überzeugungsarbeit, dann kommen Gegner, Gremien und Verfahren. Ich träume von einem perfekten Garten und merke dann, wie viel Geld ich investieren muss, was ich an Material brauche, wieviel an Wissen über Pflanzen, Erde, Lichtverhältnisse oder Düngemittel. Ich glaube, zwei Drittel meiner ehrgeizigen Ziele werden nicht verwirklicht. Ich scheitere irgendwo auf dem Weg. Ich ärgere mich über die Hindernisse, über die Mühe und Zeit, die ich aufwenden muss. Es ist schwer, die Motivation aufrechtzuerhalten. Und am Schluss begrabe ich meine Idee oder verliere sie einfach aus den Augen. „Es könnte alles so einfach sein – isses aber nicht.“

In Israel gab es viele Menschen am Rand der Gesellschaft. Sie hatten einen unehrenhaften Beruf, sie waren gesellschaftlich geächtet, weil sie mit der Besatzungsmacht kooperierten oder sie hatten Krankheiten, die sie für andere zu Unberührbaren machten. Es gab auch solche, die schwere Schuld auf sich geladen hatten und keine Akzeptanz mehr fanden. Was war ihr Ziel? Wahrscheinlich: wieder dazuzugehören, wieder ein Teil Israels zu sein, wieder in der Gemeinschaft des Gottesvolkes zu stehen, vor Gott und den Menschen gut angesehen zu werden. Das Ziel war vielleicht klar, aber der Weg schwierig. Es reichte nicht aus, seinen Lebenswandel zu ändern. Es brauchte die Akzeptanz der führenden Leute im Volk, es brauchte eine gute Kenntnis des Gesetzes, Bußübungen, Opfer im Tempel. Der Weg zur Versöhnung war lang und umständlich. Johannes der Täufer bietet einen Ausweg an: Der steinige, verschlungene, steile Weg soll eben werden. „Ich zeige euch einen Weg, der gerade und eben ist. Auf ihm soll Gott wieder neu kommen, ein Weg für das ganze Volk.“ Johannes ist dazu da, Hindernisse zu beseitigen, zu begradigen, zu motivieren. Er bringt einen einfachen Ritus mit, die Taufe zur Umkehr von den Sünden. Es ist ein Ritus, der die Last der Vergangenheit aufhebt und ermöglicht, neu anzufangen. Neu anfangen heißt nicht, wie bisher weitermachen, sondern seinem Leben eine echte Wende zu geben. Der Weg zur Versöhnung steht offen. Gott und Menschen können sich neu begegnen, unbelastet und frei.

Wie erfahre ich das in meinem Leben? Ich glaube, dass Ziel der Versöhnung kenne ich. Und ich habe den Eindruck, dass es auch für mich so schwer zu erreichen ist. Wie weit haben ich mich von Gott aber auch von anderen Menschen entfernt? Wie kann ich Vergangenes wieder begradigen? Wie gelingt mir der Weg aus den Sackgassen von schlechten Taten, schlechten Gedanken, schlechten Gefühlen? Das klingt fast wie eine Beichtvorbereitung. Es gilt aber auch für die Versöhnung mit meinen Nächsten. Die Frage: „Wie komme ich weiter?“ ist meines Erachtens falsch. Sie geht davon aus, dass ich den Weg tatsächlich einfach selber finden kann. Meine Erfahrung ist: Viele machen sich zu viele Gedanken über Auswege. Sie denken immer nur bis zur nächsten Wegkreuzung. Sie hoffen, dass, wenn ein Hindernis umgangen ist, der Weg frei wäre und finden stattdessen ein weiteres. Und über all dem Herumirren erscheint plötzlich das Ziel fraglich. Lohnt es die Mühe, die Versöhnung zu suchen? War das nicht von Anfang an unrealistisch? „Es könnte alles so einfach sein, isses aber nicht“. Ich glaube, wichtiger ist es, in einem solchen Fall an Johannes den Täufer zu erinnern. Und das in vier Punkten:

Das Ziel in den Blick nehmen. Nur ein Ziel, von dem ich überzeugt bin, lohnt die Mühe.

Das Zweite: Wenn ich mich verlaufe, dann nicht weiter nach vorne gehen, sondern zurück. Viele Hindernisse haben eine Ursache. Sie türmen sich nicht umsonst vor mir auf. Ein ganz einfaches Beispiel: Wenn ich mich dabei ertappe, dass ich häufig schlecht über andere Menschen rede, dann kann ich mir vornehmen, es in der nächsten Zeit nicht mehr zu tun. Das klappt meist nicht. Vielmehr muss ich schauen, woran es liegt, dass ich schlecht über andere rede. Ein solches Verhalten hat Ursachen, an denen ich arbeiten kann, etwa, dass ich mit mir selbst unzufrieden bin, dass ich mich nicht gehört fühle, dass ich mich anderen unterlegen fühle. Schaffe ich es, die Ursache zu finden, kann ich an dieser arbeiten. Und das Hindernis, dass ich wahrgenommen habe, mein Fehlverhalten kann so verschwinden.

Das Dritte: Einen Johannes suchen, also jemanden, der mir helfen kann, den Weg freizumachen, jemand, der zum Versöhnungswerk beitragen möchte, der das Beste für mich will.

Das Vierte: Nicht an Gott zweifeln. Die gerade Straße bleibt immer möglich. Gott will die Versöhnung, die Versöhnung mit mir und die Versöhnung der Menschen untereinander. Er möchte stärken, begradigen und aufrichten. Es braucht dazu die Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen. Es braucht das Gebet, sicher auch die Beichte. Sie ist nicht der Abschluss, sondern Zwischenstation und Umkehrpunkt auf meinem Weg, im beständigen Bemühen, dass mir die gerade Straße offen stehen kann. „Es könnte alles so einfach sein“ – und manchmal ist es das auch.

Ein Kommentar zu „Es könnte alles so einfach sein [2. Advent]

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