Sphärentrennung

Auf dem Höhepunkt des ersten Fernsehduells zwischen Donald Trump und Joe Biden kam es zu einer besonders hässlichen Passage der Auseinandersetzung. Als Biden auf seinen Sohn Beau zu sprechen kam und ihn als Beispiel für einen vorbildlichen Soldaten darstellte, unterbrach ihn der Präsident und beschuldigte Bidens anderen Sohn Hunter, wegen Kokainmissbrauchs unehrenhaft aus dem Militär entlassen worden zu sein und sich dank der Hilfe seines Vaters einen Posten ergattert zu haben, auf dem er sich illegal bereichert hätte. Biden verteidigte seinen Sohn und sagte, er stolz auf ihn, weil er es geschafft habe sein Drogenproblem in den Griff bekommen zu haben. Als Trump wieder einsetze, Hunter Biden zu beschuldigen unterbrach der Moderator und sagte: „Ich glaube, wir haben davon jetzt genug gehört. Vielleicht wäre es für die amerikanischen Wähler doch jetzt besser, mal wieder etwas Sachliches und Substantielles zu hören.“

Was war dort passiert? Es ist im Wahlkampf, besonders im amerikanischen nicht unüblich, Angriffe auf die Persönlichkeit und die Familien der Kontrahenten zu starten. Kandidaten oder auch zuletzt die Kandidatin sollen damit persönlich unglaubwürdig gemacht oder moralisch diskreditiert werden: „Einer solchen Person wollt ihr doch wohl nicht ein so hohes Amt anvertrauen?“. Darf man das eigentlich? Schließlich sollte man doch meinen, in der Politik gehe es zuerst um Sachfragen, um politische Überzeugungen und Konzepte, um Schwerpunkte und Positionen. Was hat in einem solchen Diskurs die persönliche Lebensführung verloren? Es scheint, als vermischten sich die Sphären zunehmend. Eine strikte Trennung zwischen Politik und Persönlichkeit ist schon lange nicht mehr auszumachen. Das Private ist politisch und das Politische privat. Eine im privaten Kreis geäußerte Meinung oder ein dort gemachter schlechter Witz haben schon Politikkarrieren ruiniert. Gleichzeitig nutzen Politiker private Informationen über ihre Familien, ihren Urlaub oder über das heimische Weihnachtsfest, um auf sich aufmerksam zu machen: Ein Interview in der Bunten, eine Homestory im Fernsehen, vor allem aber die Dauerbeschallung über facebook und Instagram werden zu Werbeplattformen für die eigene Person oder Partei. Nicht selten wird das private Profil dabei zum Fake, das nicht die wirkliche Person, sondern ein für die Öffentlichkeit modelliertes Bild einer Person zeigt. Image ist alles.

Dieses Verschwimmen der Sphären gilt allerdings nicht nur für die Politik. Schon längst verschwindet zunehmend eine andere Trennung, die lange Zeit bestanden hatte, die zwischen Arbeit und Freizeit. Viele sind gezwungen durch ständige Erreichbarkeit, ihre Dienstmails auf dem Handy oder durch Home-Office ihr Arbeitsleben auch nach Feierabend, sogar im Urlaub immer weiter fortzuführen, genauso wie die Freizeit etwa bei Schülerinnen und Schülern durch die langen Schulzeiten immer mehr an den „Arbeitsplatz“, hier die Schule, verlagert wird.

Mit einem klassischen Fall der Vermischung der Sphären konfrontiert das Evangelium:

„In jener Zeit kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum stellt ihr mir eine Falle? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mt 22,15-21)

Hier geht es um die beiden Sphären „Welt“ und „Religion“. Als die Pharisäer Jesus mit der Frage konfrontieren, wie es mit der Umgang mit der kaiserlichen Steuer seiner Ansicht nach sein sollte, nehmen sie ihn in einen zeitgenössischen Konflikt hinein. Geht es beim Steuerzahlen um Politik oder um Religion? Es geht um beides. Zunächst ist das Steuerzahlen natürlich eine ganz weltliche Frage. Der römische Kaiser verlangte eine Kaisersteuer, also eine Abgabe von allen Bewohnern seines Weltreiches. Darüber war in Palästina ein erbitterter Streit entstanden. Bedeutet ein Tribut an den Kaiser nicht auch eine Anerkennung seiner Herrschaft? Wurde zudem der Kaiser nicht im Römischen Reich als gottgleich verehrt? Ist also mit der Anerkennung seiner Herrschaft zugleich eine religiöse Aussage verbunden? Steht das nicht im Gegensatz zum Glauben Israels an den einen Gott? Ist das Steuerzahlen damit nicht gleichzeitig eine religiöse Frage, die es den Juden verbietet, die Steuer zu zahlen? Die Pharisäer waren wahrscheinlich davon überzeugt. Die staatstreueren Juden, zu denen wohl auch die im Evangelium genannten Anhänger des Herodes zählen, sahen das anders und waren für die Steuer. Wie würde Jesus sich entscheiden? Wäre er für die Steuer, brächte ihm dies den Vorwurf ein, kein frommer Jude zu sein. Wäre er gegen die Steuer, würde man ihn verdächtigen, ein politischer Gegner der Römer, vielleicht sogar Widerstandskämpfer zu sein.

Die Antwort Jesu ist so schlicht wie überzeugend. Er trennt die Sphären voneinander. Im Grunde macht er seinen Gegnern den Vorwurf, das Weltliche und das Religiöse an dieser Stelle ungebührlich miteinander zu verquicken. Die Frage der Steuern ist eine politische und muss als eine solche behandelt werden, die religiöse Frage nach der Verehrung des einen Gottes gehört zu einem anderen Bereich. Es ist so also möglich, die Steuern zu zahlen, ohne damit gleichzeitig seine Religion zu verraten.

Die Antwort Jesu ist in dieser Situation sehr geschickt. Sie ist aber zugleich auch nicht unproblematisch. Der Weg, die Sphären zu trennen, zwischen weltlichen und religiösen Fragen zu unterscheiden ist sinnvoll. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte ausdrücklich die Autonomie, also die Eigenständigkeit des „weltlichen“ Bereichs anerkannt. In der Praxis allerdings ist es manchmal nicht ganz einfach, zwischen weltlichen und geistlichen Fragen zu unterscheiden. Ich erinnere mich an meine Studienzeit, wo einer unser Ausbilder gerne geistliche Vorträge hielt, um uns aufgrund dessen zur weltlichen Ordnung zu ermahnen, also z.B. regelmäßiger die Vorlesungen zu besuchen, morgens nach dem Frühstück seinen Platz wieder ordentlich zu hinterlassen, oder das Zimmer besser aufzuräumen. Solche profanen Vernachlässigungen im Alltag wurden schnell zu Zeichen mangelnder Christusliebe. Das mag ein etwas merkwürdiges Beispiel sein. Aber gerade im kirchlichen Bereich gibt es solche Sphärenüberschneidungen ja häufig. Kann man ein guter Christ sein, ohne ein gemeindliches Ehrenamt? Gibt es für Christen eine bestimmte Partei, die man wählen soll? Darf eine christliche Institution Arbeitnehmer entlassen? Muss eine Streitfrage im Kirchenvorstand durch die geistliche Autorität des Pfarrers entschieden werden? Ist die Bildung neuer Pfarreien eine organisatorische oder eine geistliche Entscheidung?

Sie können sicher noch einige weitere Beispiele ergänzen. Es gibt weltliche Fragen, die nach weltlichen Maßstäben entschieden werden müssen. Es gibt religiöse Fragen, die nach religiösen Maßstäben entschieden werden müssen. Es gibt aber eine Menge Fragen, die mit der eigenen Grundhaltung zu tun haben, mit ethischen und moralischen Maßstäben. Diese Fragen sind zugleich Fragen des Glaubens und weltliche Fragen.

Insofern glaube ich, dass die Antwort, die Jesus seinen Gegnern im Gleichnis gibt nicht so neutral ist, wie sie scheint. Wenn er betont, dass Gott das gegeben werden soll, was Gott gebührt, bestimmt er ja einen festen Standpunkt. Wer auf dieser Basis handelt, wird seinen eigenen tiefen Überzeugungen, seinem Glauben, seinen durch den Glauben geprägten Vorstellungen und Maßstäben verbunden bleiben. Er oder sie darf, wird und verpflichtet sich sogar, diesem tragenden Grund des eigenen Lebens, der das Gewissen formt zu folgen. Entscheidungen sind dabei nie neutral.

Der gute Ratschlag des Evangeliums bleibt allerdings davon unbeschadet bestehen. Er ist vielleicht ganz lebenspraktisch: Trennt in wichtigen Fragen die Sphären voneinander. Schaut vor einer Entscheidung die Sachebene an und den Bereich der Meinungen, Befindlichkeiten, der privaten Aspekte. Trennt sie Aspekte voneinander und versucht, für jede Ebene die richtige Entscheidung zu treffen. Meistens ist eine Sachfrage nie bloß eine Sachfrage und eine persönliche Frage nie bloß eine persönliche Frage. Häufig liegen beide Aspekte, beide Sphären miteinander im Konflikt. Für den Konflikt aber schaut auf eure tiefen Überzeugungen und Grundsätze, auf euer Gewissen, manchmal auch auf das Bauchgefühl. Das ist der beste Weg, zu einer guten Entscheidung zu kommen. Vielleicht darf ich dieses Evangelium heute einfach so lesen, ganz praktisch, ohne daraus eine religiöse Grundsatzfrage zu machen.

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