Die verweigerte Pacht

In diesem Jahr fallen der Gedenktag des Hl. Franziskus (4. Oktober) und das Erntedankfest an vielen Orten zusammen. Von dankbarer Ernteseligkeit ist in den Texten des Sonntags nichts zu spüren. Das Gleichnis des Evangeliums spielt zwar in einem landwirtschaftlichen Kontext, schildert aber einen handfesten, blutigen Konflikt:

„In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes: Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen. Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, einen dritten steinigten sie. Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso. Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben. Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um. Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun? Sie sagten zu ihm: Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist. Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder? Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt“ (Mt 21,33-43).

Lässt man den ursprünglichen Sinn des Gleichnisses, in dem Jesus die Heilsgeschichte anhand der Propheten und seines eigenen Schicksals beschreibt für einen Moment beiseite, lässt es sich als eine Parabel auf ein drängendes Problem unserer Zeit lesen.

Mit großer Dringlichkeit ist das Problem der Schöpfung als „ökologische Krise“ wieder in das Bewusstsein der Gesellschaft gerückt. Setzt man für den Weinberg den Begriff „Schöpfung“, liest sich das Evangelium als dringende Mahnung. Die Schöpfung wird dem Menschen zu Beginn der Bibel als Gut anvertraut, um sie zu verwalten (Gen 2,15). In dem Maße, wie der Mensch die Schöpfung allerdings als sein Eigentum betrachtet und vergisst, dass er bloß „Pächter“ von etwas ist, was ihm nicht gehört, wachsen auch die Probleme. Israel hatte daher einen „Erinnerungsritus“ eingeführt.

Die Israeliten waren aufgefordert, die „Erstlingsgaben“, also die ersten Früchte der Ernte im Tempel als Opfer darzubringen. Einer der ältesten Texte der Bibel, Dtn 26 erinnert daran. Die Erstlingsgaben waren ein Ausdruck der Dankbarkeit für das geschenkte (gelobte) Land, in dem Israel heimisch werden durfte. Die Ernte war nichts Selbstverständliches, sondern immer ein Geschenk, an dem Gott Anteil hatte. Mit den Erstlingsgaben erstattete man ihm sozusagen die Pacht zurück. Mit Blick auf die heutige Schöpfung würden viele heute sagen, dass dieses ursprüngliche Verhältnis zu Gottes Werk verlorengegangen ist. Die Pacht wird nicht mehr bezahlt. Stattdessen wird der Weinberg im Gleichnis als Eigentum verteidigt. Diejenigen, die an die eigentlichen Besitzverhältnisse erinnern werden verprügelt und hinausgeworfen. Das Bewusstsein für das Geschenk ist nicht mehr da. Die Pächter meinen, mit dem Weinberg machen zu dürfen, was sie wollen. Sie fürchten sich im Grunde nicht vor einer Strafe. Die Pächter halten sich für stark genug, ihr gestohlenes Vorrecht gegenüber dem rechtmäßigen Besitzer verteidigen zu können.

Diese Mischung aus Überheblichkeit und Gottvergessenheit ist offenbar nicht neu. Es passt daher ganz gut, in diesem Zusammenhang an den Heiligen Franziskus zu erinnern, der für ein alternatives Modell im Umgang mit dem Weinberg, der Schöpfung stehen kann. Das Bild des Franziskus als einem fröhlich-freigeistigen Wanderbruder ist falsch. Franz von Assisi ist zunächst ein Asket, er ist ein Seelenführer, ein geistlicher Vater für viele. Er ist trotz seiner Lebensweise ein Mann der Kirche und bleibt Zeit seines Lebens ein körperlicher schwer leidender Mensch. Franz ist fest in seiner Zeit verwurzelt, d.h. er ist ein mittelalterlicher Mensch. Und das ist wichtig: Als Mensch des Mittelalters sieht er sich eingebunden in die von Gott kommende wunderbare Ordnung der Welt. Alle Dinge und Lebewesen der Welt haben in dieser Ordnung ihren festen Platz, auch der Mensch. Er steht zwar an der Spitze der geschaffenen Welt, aber nicht außerhalb ihrer. Er kann sich die Welt nicht verfügbar machen, sie nicht zu seinem Material machen über das er selbstbestimmt herrscht, sondern er weiß sich abhängig und eingebunden in Kreislauf der Dinge, in das Werden und Vergehen, in das Säen und Ernten, in den Rhythmus der Jahreszeiten.

Im Sonnengesang Ausdruck dieser Weltsicht: Vertrautheit zu den Dingen, weil sie aus Gottes Plan stammen (auch zum Tod). Alles empfängt sich aus Gott und schenkt sich weiter. Die Gottergebenheit des Franziskus weist dabei einige für uns seltsame Züge auf. Von Franziskus wird berichtet, dass er gegen Ende seines Lebens schwer krank war. In dieser Situation kehrt zum Ursprung seiner Bewegung zurück und kümmert sich fortwährend um die Kranken. Als ein jüngerer Bruder aus seiner Bewegung zu ihm kommt und ihn bittet, sich doch etwas mehr zu schonen, weist er ihn scharf zurück: „Warum wagst du es, Gottes Verhalten mir gegenüber zu kritisieren?“[1] Franziskus nennt seine Krankheiten nicht „Strafen“, sondern „Schwestern“. Dieses Verhalten ist extrem und mit Sicherheit kein geistlicher Rat, den man heute einfach so weitergeben kann. Hinter diesem Verhalten steckt allerdings das tiefe Bewusstsein, aus sich selbst nichts zu sein, sondern alles zu empfangen. Das Leben, die Welt mit all ihren Verzweigungen, die anderen Menschen, alles ist Geschenk.

Franziskus seinerseits möchte auch schenken. Der großen Reichtum, den er zu Beginn seines Wirkens entdeckt, ist das Evangelium, alles andere verschenkt er. Und so geht er und verkündet das Evangelium an jeden der es höre und nicht hören möchte. Dass er dabei auch zu den Tieren spricht, ist eine ganz schlichte Übersetzung seiner Einstellung der Welt gegenüber, Ausdruck des Weiterschenkens des eigenen Reichtums. Dass er seine Kraft zur Pflege der Kranken einsetzt und die Nächstenliebe als „sprechendes Evangelium“ verstehen kann, gehört ebenfalls dazu. Genau darin ist Franziskus radikal und genau darin unterscheidet er sich von den untreuen Verwaltern. Er gibt, von sich aus, er verschenkt und ahmt darin Gott nach, der sich in seinem Sohn für die Menschen verschenkt hat.

Wenn es neben all den schönen Erntealtären in den Kirchen einen Sinn für das Erntedankfest gibt, dann wahrscheinlich hier: Das Bewusstsein für das Geschenk des Lebens und der Schöpfung neu in Erinnerung zu rufen und mich selbst zu fragen, wo und wie ich dieses Geschenk einsetzen möchte, um anderen zu schenken.[2]


[1] Bonaventura, Vita di San Francesco d’Assisi, Edizioni Porziuncula, Assisi 2006, 192f.

[2] Ausführlicher habe ich diese Gedanken entfalltet im Essay „Die Schöpfung angesichts der ökologischen Frage“, hier auf diesem Blog.

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