Gutmenschen [zum Caritassonntag]

Es ist schon erstaunlich, dass der Begriff „Gutmensch“ in den letzten Jahren zu einem Unwort geworden ist. Er wird meist abwertend gebraucht. Als „Gutmensch“ wird ein Idealist bezeichnet, also jemand, der daran glaubt, dass die Übel der Welt, Armut, Krankheit, Krieg, Spaltung, Streit oder soziale Not überwunden werden können. Dem Gutmenschen wird nachgesagt, naiv zu sein, sich die Welt zu einfach zu machen. In seinem Bemühen um das Gute verliert er andere Dinge aus dem Blick. Der Gutmensch steht im Gegensatz zum Realisten, der weiß, dass die Übel der Welt nur sehr begrenzt zu bekämpfen sind und dass es richtig ist, zunächst die eigenen Bedürfnisse und Interessen zu vertreten, um von anderen Interessen nicht überrollt zu werden. Dem Gutmenschen wird eine Warnung auf den Weg gegeben: Wenn du deine Arme zu weit öffnest, darfst du dich nicht beschweren, wenn deine Güte ausgenutzt wird. Ein Mensch mit geöffneten Armen ist wehrlos.

Die Caritas hat für ihre Jahreskampagne den Begriff „Gutmensch“ wieder ausgepackt. „Sei gut, Mensch“ steht auf den Plakaten zum Caritassonntag geschrieben. Die Botschaft ist: Du musst dich nicht schämen, zu anderen Menschen gut zu sein. Im Gegenteil: Wenn du anderen etwas Gutes tust, liegst du genau richtig. Die Caritas erinnert damit an die vielen Menschen, die freiwillig und unentgeltlich für das Anliegen der Nächstenliebe tätig sind, indem sie alte Menschen pflegen, Kranke besuchen, Kindern helfen, die es in der Schule schwer haben, Notleidende finanziell unterstützen, Flüchtlingen beim Einleben in unsere Gesellschaft helfen. Es ist gut, ein Gutmensch zu sein.

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten. Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar. Da begannen sie, über den Gutsherrn zu murren, und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebensoviel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin? So werden die Letzten die Ersten sein (Mt 20, 1-16).

Haben wir es im Gleichnis des Evangeliums eigentlich mit einem Gutmenschen zu tun? Der Gutsbesitzer handelt schließlich zwiespältig. Auf der einen Seite sorgt er dafür, dass viele der auf dem Markt stehenden Taglöhner Arbeit haben. Auf der anderen Seite handelt er scheinbar gar nicht gut, indem er einige seiner Arbeiter bevorzugt, andere benachteiligt. Die, die nur eine Stunde gearbeitet haben würden sagen: „Der Gutsbesitzer ist ein guter Mensch. Er hat uns eine Chance gegeben.“ Die anderen, die bereits seit dem Morgen schuften sagen: „Er ist kein guter Mensch, er hätte uns für unsere Arbeit mehr zahlen müssen.“ Als Realist müsste man den Gutsbesitzer warnen: „Indem du so handelst, machst du den Markt kaputt. Wer wird sich schließlich noch um die dritte Stunde von dir anwerben lassen, wenn er auch bei Anwerbung in der elften Stunde seinen vollen Tageslohn erhalten kann? Ein gesichertes Grundeinkommen legt auf Dauer die Wirtschaft lahm.“

Jetzt geht es im Gleichnis natürlich nicht um eine wirtschaftliche Logik, sondern um ein religiöses Anliegen. Wie in vielen anderen Gleichnissen auch erklärt Jesus hier im Beispiel seine zentrale Botschaft: Das Kommen des Gottesreiches und die Bekehrung der Sünder. Angesichts der nahen Herrschaft Gottes ergeht jetzt, zur elften Stunde noch einmal die Chance, sich Gott zuzuwenden. Der Sünder, der sich hier „auf dem letzten Meter“ bekehrt bekommt die gleiche Chance wie diejenigen, die sich ihr ganzes Leben schon um ein Leben nach den Geboten bemüht haben. Es gibt nur einen Lohn, nämlich vor Gott Gnade zu finden, von ihm angenommen zu werden, das Leben in Fülle. Und dieser Lohn wird denen gezahlt, die sich ihm zuwenden und von ihm Hilfe erhoffen. In der Logik des Gleichnisses gibt es keinen nächsten Tag, an dem wieder geerntet wird. Der Tag des Gutsbesitzers ist der letzte Tag.

In diesem Sinn ist der Gutsbesitzer ein Mensch der Caritas. Er möchte den Übriggebliebenen, Chancenlosen, die auf dem Markt stehen, helfen. Ohne Arbeit und ohne Tageslohn würde ihre Familien heute hungrig ins Bett gehen. Er kann an den Verlorenen offenbar nicht vorbeigehen. Stellen wir uns den Gutsbesitzer also als einen mitleidigen und barmherzigen Menschen vor. Was er tut ist in diesem Moment für ihn notwendig und gut. So ist es kein Wunder, dass er die Vorwürfe gegen ihn anschließend barsch kontert. Der Gutsbesitzer sieht sich im Recht. Er ist ein guter Mensch, aber er ist nicht naiv. Man muss ihm nicht sagen, dass sein Handeln nach den Gesetzen des Marktes widersinnig ist. Er kann zu diesem Handeln überzeugt stehen. „Was ist besser: Ein Leben zu retten, oder es zu verlieren?“.

Wer heute ein guter Mensch sein möchte, wird möglicherweise ganz ähnlich handeln. Es geht um ein Handeln, dass in der Logik des Marktes nicht zu erfassen ist, spontan, unentgeltlich, zeitraubend. Es geht um ein Handeln, dass aus dem Erkennen einer Not entspringt, aus Zuwendung und Barmherzigkeit. Ein solches Handeln braucht nicht naiv zu sein. Es soll auch gar nicht naiv sein. Das ist ein wichtiger Punkt bei der Unterstützung und Schulung von Freiwilligen. Ihr Dienst soll so sein, dass er für alle hilfreich ist und zugleich getragen wird von vielen die im Hintergrund wiederum den Freiwilligen den Rücken stärken. Das ist vielleicht heute wichtiges als sonst. Es muss Menschen geben, die die Hilfreichen und Einsatzfreudigen verteidigen und ermutigen. Im letzten erzählen sie nämlich von einer Güte, die unser Gutsein bei weitem übersteigt, von der Güte Gottes, vor dem jedes Leben seine Chance erhält und sich wenden kann. „Sei gut, Mensch“ ist im Kern ein religiöser Apell, so zu handeln wie der Gutsbesitzer, wie der barmherzige Vater, wie der Samariter, wie der gute Hirte und wie viele andere Personen der Gleichnisse, aber vor allem des wirklichen Lebens. Danke, dass es davon so viele gibt.

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