In Bewegung [zum Pfingstfest]

Versuchen Sie einmal für einen Moment ganz still zu sitzen. Verharren Sie einen Augenblick in Regungslosigkeit. Wie lange wird Ihnen das gelingen?

Still zu sitzen ist nicht bloß eine Schwierigkeit für Kinder: Schon nach kurzer Zeit werden Sie den Drang spüren, etwas an ihrer Körperposition zu verändern: Sie werden mit den Zehen wippen, die Schultern kurz anspannen, die Beinposition verändern, das Bedürfnis haben, sich am Kopf zu kratzen, oder mit Ihren Augen im Raum umherstreifen. Noch schwieriger ist es, die innere Ruhe zu finden, den unablässig sprudelnden Strom der Gedanken zu beruhigen, die Geräusche und Gerüche um sich herum zu ignorieren und für einen Augenblick einmal an nichts zu denken. Und selbst, wenn Ihnen das gelingt, wird Ihnen auffallen, wie sehr Ihr Körper auch in der Ruhe weiterarbeitet. Sie spüren ihren Atem, ihren Herzschlag, das Grummeln des Magens oder das Zwinkern Ihrer Augenlider. Selbst in der größten Ruhe sind wir voll von Bewegung. Bloß gut, denn ohne diese Bewegung könnten wir nicht leben.

Unbeweglich zu sein gilt als ein Zeichen eingeschränkter Lebensqualität. Wer körperliche Leiden hat, die seine Beweglichkeit einschränken oder wer geistig unbeweglich geworden ist, nur noch auf seinen Positionen verharrt oder wer sich emotional nicht mehr bewegen lässt, dem bescheinigen wir eine beschränkte Lebensqualität.

Leben äußert sich in Bewegung, in den vielen Tausend Bewegungen des Alltags, in den Abertausenden Wörtern und Gedanken, die jeder Tag mit sich bringt, im Rhythmus der Tätigkeiten, die der Tag, der Monat oder das Jahr mit sich bringen, in den Hochs und Tiefs der Erfahrungen, den guten und schlechten Zeiten, die einander abwechseln, in den verschiedenen Phasen einer Entwicklung und den Lebensaltern. Diese Bewegungen meines Lebens sind eingebettet in die großen Bewegungen der Geschichte in die Veränderung meiner Lebenswelt, im Kommen und Gehen der Personen um mich herum und schließlich in die Bewegung der Natur, den Rhythmus der Jahreszeiten in das Werden, Wachsen und Vergehen allen Lebens auf einer sich dauernd drehenden Erdkugel, die um die Sonne kreist, die eingebunden ist in ein rotierendes Sternensystem in einem wahrscheinlich alles andere als unbewegten Universums.

Den alten Griechen war so viel Bewegung zuviel. Weil jede Bewegung ein vergängliches Moment hat, suchten sie nach einem Ende der Bewegung. In einem Punkt zumindest soll alles feststehen. Von einem Punkt aus soll alles andere überschaubar und erfassbar sein. Diesen Punkt nannten Sie Gott und gaben ihm den Namen des „Unbewegten Beweger“. Gott selbst stand in sich fest, unbewegt und unbeeinflusst von allem anderen. Er garantierte die Ordnung bei aller Bewegung und sorgte dafür, dass bei allem freien Spiel der Kräfte das Ganze nicht zusammenbrach.

Denken Sie kurz an unser Gedankenspiel vom Anfang zurück: Wir hatten festgestellt, dass das Bewegung Ausdruck des Lebens ist.

Ein Gott, der sich nicht bewegt ist tot.

Die Erfahrung von Pfingsten ist eine andere: Die Jünger die dort ängstlich verzagt, gefühlslahm in einem Haus verschanzt sind; und dann das Bild des Sturmes, der sich entleert über dieser jämmerlichen Trutzburg der leblos Erstarrten, der hineinfährt in dieses mutlose Trüppchen, der loderndes Feuer mit sich bringt, Herzen und Köpfe in Brand setzt, die Begeisterung entflammt, das Blut in Wallung bringt und die gelähmten Zungen löst. Das Brausen, dass die Jünger auf die Straße treibt, vor der sie vorher Angst gehabt haben, dass die Traurigkeit wegfegt und in alle Richtungen wie ein Nichts zerstreut. Was hier geschieht, ist in all seinen Einzelheiten dynamisch, mitreißend voller Leben und Bewegung.

Der Heilige Geist ist nichts anderes als Gott in Bewegung. Wenn Bewegung Ausdruck des Lebens ist und Gott das Leben in Fülle sich trägt, ist er auch Ursprung, Dynamik und Ziel aller Bewegung.

Christliches Leben wäre dann also, sich in diese Bewegung Gottes hineinzustellen, die Gaben des Geistes, die Paulus nennt, Mittel, die uns in die richtige Richtung bringen.

Lassen Sie uns aus dieser Perspektive das kleine Experiment vom Anfang noch einmal aufnehmen und weiterführen. Dieses Experiment ist nämlich nicht bloß ein Predigtaufhänger, sondern im Grunde eine geistliche Übung für den Alltag, wie auch für den Moment einer Entscheidung, die ich Ihnen zur Nachahmung empfehle. Es fing damit an, dass ich versuchte, still zu werden, die Bewegung zu reduzieren, oder besser die Eigenbewegung aufzugeben. Ich versuche passiv zu werden. Wenn ich mir nun den Geist als den starken Sturm des Pfingstberichtes vorstelle, als eine treibende, beflügelnde Bewegung, die mich umgibt – ich denke mich geistumtost und stelle mir die Frage: Wohin treibt mich die Bewegung, wohin lässt sie meine Gedanken wehen, wohin lässt sie mein Herz schweifen, zu welchem nächsten Schritt möchte sie mich bringen? Ich vertraue mich dem Gott in Bewegung an, der in diesem Moment mein Leben mit dem Seinigen verbindet. So, wie es ein Gebet ausdrückt, dass dem Heiligen Augustinus zugeschrieben wird:

Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere.

Ein Kommentar zu „In Bewegung [zum Pfingstfest]

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