High auf dem Tabor

Jetzt ist wieder Zeit für „Tabormomente“. Das Evangelium am zweiten Fastensonntag ist das der Verklärung Jesu.  Jesus führt drei seiner Jünger auf den Berg Tabor und wird vor ihren Augen verwandelt. Die Jünger sehen Jesus im weißen Gewand, neben ihm Moses und Elija und hören eine Stimme aus dem Himmel, die ihnen Jesus als „geliebten Sohn“ vorstellt. Nach gängigem Predigtmuster zu diesem Evangelium wird wieder von „Tabormomenten“ gesprochen werden. Gemeint sind dabei, je nach Prediger, Augenblicke der Erfüllung, der Erkenntnis, manchmal auch nur der Entspannung, die dazu geneigt sind, uns den Alltag zu verbessern. Ja, so schön ist der Moment, dass man in ihm verweilen möchte. Petrus’ Wunsch, drei Hütten zu bauen spiegele diesen Wunsch wieder. Aber leider, so die Standartpredigt weiter, müsse man ja wieder in den Alltag zurück. Der schöne Augenblick sei nur eine Momentaufnahme gewesen. Zuweilen haben Tabormoment-Predigten die Neigung zur Kalenderblattweisheit. Wer wünscht sich nicht Momente der Entspannung, der Erholung oder des Glücks? Wer möchte nicht hin und wieder seinem Alltag entkommen und etwas Schönes erfahren? Ich gönne das jedem von Herzen. Allerdings ist die Darstellung des Verklärungsgeschehens als „schöner Moment“ der Freude oder Entspannung eine doch ziemliche Verniedlichung des Evangeliums. Gehen wir einmal davon aus, dass die Evangelisten noch nichts von der Not gestresster Städter wussten, die sich öfter mal entspannen müssen. Gehen wir zudem davon aus, dass sie in der Regel Dinge von Bedeutung für die Gläubigen ihrer Zeit aufgeschrieben haben. Die Tabor-Erzählung hat größere Kraft und „existenzielle Schwere“, als man ihr gemeinhin zutrauen möchte.

Die Erzählungen der Evangelisten sind so gestaltet, dass wir das Verklärungserlebnis mit den Jüngern miterleben. Sie berichten, was „vor den Augen“ der Jünger geschieht, was sie sehen und hören und wie sie sich fürchten. Der Tabormoment der Jünger ist erst einmal kein schöner Moment, sondern ein verstörender. Er greift auf Muster aus dem Alten Testament zurück. Es handelt sich um eine Gotteserscheinung. Wenn Menschen solche Erscheinungen haben, geraten sie vor der Größe Gottes in Furcht. Sie werfen sich zu Boden, versuchen sich zu bedecken oder vor Gott zu fliehen. Die Jünger sind schließlich in das Innere der Wolke geraten. Die Wolke verdeckte im Buch Exodus die Herrlichkeit Gottes. Im Inneren der Wolke also ist die Herrlichkeit Gottes zu sehen. Moses hatte die göttliche Wolke betreten, als ihm das Gesetz gegeben wurde. Elija war am Gottesberg Horeb in die Gottesbegegnung geführt worden und später auf einem Streitwagen in die Wolken aufgefahren. Die Jünger werden also wie diese Zeugen in die göttliche Weisheit eingeführt. Dies geschieht im Alten Testament mit einigen der Propheten. Der Prophet Jesaja darf den göttlichen Thron und den Hofstaat Gottes sehen. Ezechiel sieht den göttlichen Streitwagen, der von geheimnisvollen Wesen umgeben ist. Die Jünger sehen nichts dergleichen. Sie sehen den leuchtenden Jesus. Das Leuchten zeigt die Herrlichkeit Gottes an. In Jesus ist Gotte Herrlichkeit zu finden und offenbart sich. Die spätere Aussage „Dies ist mein geliebter Sohn“ bekräftigt dies. Vorher allerdings wissen die Jünger noch nicht genau, wie sie das Gesehene deuten sollen. Petrus hat noch nicht alles verstanden, wenn er davon spricht, drei Hütten bauen zu wollen, eine für Jesus, eine für Elija und eine für Mose. Wer so spricht, ordnet Jesus in eine Linie mit den beiden großen Propheten des Alten Testaments ein. Jesus ist aber mehr als die Propheten. Die göttliche Stimme muss dies anschließend klarstellen. Die Jünger haben also eine Vision. Sie erkennen und verstehen in diesem Augenblick die Bedeutung Jesu. Die Leser, die mit ihnen auf den Berg geführt werden, bekommen durch das literarische Miterleben Anteil an diesem Geschehen. Wie die Jünger können auch sie erfahren und verstehen, wer Jesus ist. Er ist mehr als einer der Propheten sondern Gottes Sohn. Die Vision ist also nicht eine private Offenbarung, sondern eine gemeinsam geteilte. Wer mit auf dem Tabor war, hat Gottes Herrlichkeit in Jesus Christus gesehen.

Also ist das Taborerlebnis ein Moment der religiösen Erkenntnis und Überwältigung? Auch diese Deutung liegt nahe. Schließlich lebt der Glaube auch davon, dass es Momente der Berührung mit Gott gibt. Wer schon einmal ein echte Gnadenerfahrung gemacht weiß, wie besonders und berührend eine Gottesbegegnung sein kann. Dieses mystische Erlebnis ist für einen Glaubensweg prägend. Große Glaubensevents und -festivals, aber auch so mancher charismatische oder evangelikale Gottesdienst kann als ein Taxiservice zum Tabor verstanden werden (den es übrigens auch im wirklichen Leben gibt; auf den Berg Tabor in Israel kann man heutzutage nur mit Taxis gelangen). Menschen werden mitgenommen und in eine Glaubensatmosphäre geführt, die ein mystisches Erleben leichter macht. Musik, Gebete, die Begeisterung der Menge, charismatische Redner üben oft auch auf religiös Unmusikalische einen solche Anziehung aus, dass sie bereit sind, ihre Skepsis zu verlassen und sich dem reinen Lobpreis oder Glauben hinzugeben. Wer auf diesem mystischen Weg in den Glauben eingeführt wird, möchte in der Regel mehr davon erfahren. Es gibt Gläubige, die meinen, ihren Glauben nur an einem bestimmten Ort, bei einem bestimmten Pastor oder auf einem bestimmten Festival leben zu können. Der Glaube ist für sie verbunden mit einem Erlebnis. Man kann auch vom Glauben „high“ werden.

Der Glaube als Überwältigung ist unreif. Und er hat nichts mit dem Tabor zu tun. Erstaunlich ist doch, dass gerade die Taborerzählung in der Mitte der Evangelien offenbar keine größeren Folgen hat. Die Erzählungen vor „Tabor“ sind nicht anders als die nach „Tabor“. Man sollte meinen, die Jünger würden nach diesem Erlebnis der Verklärung tanzend vom Berg herunterschreiten. Stattdessen müssen sie sich von Jesus über dessen Leiden belehren lassen. Die Jünger landen sofort wieder auf dem Boden der Realität. Dass sie gesehen und erkannt haben, wer Jesus ist, nämlich der Sohn Gottes, heißt erst einmal noch gar nichts. Sie werden diese Erkenntnis schnell wieder vergessen, wenn sie vor dem Leiden Christi flüchten. Der Glaube ist durch das einmalige Erlebnis noch lange nicht gefestigt. Er hat sich noch nicht durch das Leben hindurchgearbeitet. Das Erleben und Erfahren ist noch nicht das Verstehen. Das Verstehen ist noch nicht das „Übersetzen“ in eine Praxis des Glaubens. Das „Übersetzen“ ist noch nicht ein tieferes Leben aus dem Glauben. Der Weg der Jünger ist also immer noch lang. Auf diesen Weg hin zu einem reifen, festen und erwachsenen Glauben werden auch die Leser des Textes mitgenommen. Tabor ist ein Auftakt. Aber der Auftakt setzt ein Musikstück erst in Gang. Bis zum fertigen Werk dauert es noch lange.            

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