Böse Geschenke

Geschenke sind etwas Schönes. Sie sind auch etwas Interessantes. Geschenke sind nicht nur eine Sache, ein Tauschgut, ein bestimmtes Objekt. Es gibt bei ihnen immer eine zweite Ebene. Geschenke sind Ausdruck eines Beziehungsgeschehens. Ein Geschenk sagt etwas über die Beziehung des Schenkenden zum Beschenkten. Dabei spielt das Geschenk, also die Sache selber, häufig nur eine untergeordnete Rolle. Ein kleines Kind freut sich über eine Tafel Schokolade zum Geburtstag mehr als über einen Bausparvertrag. Eine Blume am Hochzeitstag ist besser als ein ganzer Strauß Blumen, der mit einer Woche Verspätung überreicht wird. Geschenke bestätigen und vertiefen eine Beziehung, oder können sie im umgekehrten Fall manchmal sogar schädigen oder belasten. Wer schon einmal erlebt hat, was passiert, wenn einem Kind aus Versehen die Federtasche in blau statt im gewünschten rosa geschenkt wird, kann diesen Gedanken leicht verstehen.

Der Gedanke des Geschenkes lässt sich auch für falsche Zwecke verwenden. Ich erinnere mich an eine Begebenheit aus meiner Jugend. Ich war vielleicht 14 Jahre alt, als mich in der Fußgängerzone ein junger Mann ansprach und mich fragte, ob ich elektronische Musik möge. Er arbeite für ein unabhängiges Musiklabel, das derzeit seine Platten bekannt machen wolle. Deshalb würde er hier CDs verschenken – ob ich ein habe wolle. Verblüfft über soviel Freigiebigkeit (CDs waren zu dieser Zeit ein teures Gut) griff ich dankend zu. In dem Moment, als ich die CD in der Hand hielt, forderte mich der großzügige Geber auf, ihm nun seinerseits etwas zu schenken. Es gehe nicht um eine Bezahlung, sondern darum, zu zeigen, dass mit das Geschenk auch etwas wert wäre. Er fragte mich, was ich bereit wäre zu geben. Ich war völlig überrumpelt und bot ihm 10 Mark an. Das sei etwas zu wenig, sagte er, schließlich handele es sich um eine ausgezeichnete CD und ich wolle doch sicher auch die Künstler unterstützen. Am Ende des Gespräches hatte ich ihm 25 Mark gegeben, eine Summe die ich sonst nur in Ausnahmefällen für eine CD ausgegeben hätte, die ich unbedingt haben wollte. So hatte ich völlig überteuert eine CD erworben, die ich später nie gehört habe. Zudem fühlte ich mich schlecht. Das perfide Spiel des scheinbaren Schenkens hatte mich moralisch unter Druck gesetzt. Bei einem Verkauf wäre die Sache klar gewesen. Der Verkäufer hätte seinen Preis genannt und ich hätte ablehnen können.

Mit ähnlichen Tricks arbeitet unseriöse Werbung immer schon. Man schenkt mir eine Kaffeefahrt, damit ich anschließend dort irgendwelche Produkte kaufe. Man schenkt mir ein Probeabo eines Streamingportals in der Hoffnung, dass ich vergesse, es zu kündigen. Man schenkt mir eine Prämie, wenn ich es vorher schaffe, meinen Umsatz im betreffenden Supermarkt zu steigern. Das Schenken dient hier dazu, das Geschäft zu verschleiern und die freie Wahl zu schwächen. Das Schenken verstrickt mich in eine moralische Abhängigkeit. Ich fühle mich in ein Beziehungsgeschehen eingebunden, das ich so gar nicht gewollt habe. Das anfängliche Schenken hat das Potential, mich langfristig zu binden, oder sogar, mich abhängig zu machen.

Sekten arbeiten so. Sie schenken potentiellen Mitgliedern einen Kurs, ein Einstiegsseminar, eine positive Erfahrung. Sie sind bereit, dich immer mehr zu unterstützen, bis zu dem Punkt, an dem du ihre Angebote, ihre Gottesdienste, ihre Gemeinschaft, ihre Lehre, ihre Mediationsform nicht mehr entbehren kannst. In diesem Augenblick beginnen sie zu fordern, deine Zeit, dein Geld, deinen totalen Einsatz für ihre Gemeinschaft, den Abbruch deiner Beziehungen zur „normalen Welt“. Mit der Zeit haben sie über das Schenken und ihre Großzügigkeit eine Abhängigkeit geschaffen, die die persönliche Freiheit ausschaltet.

Hier sind wir im Kern des Evangeliums am ersten Fastensonntag:

In jener Zeit wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.

Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.

Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.

Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.

Darauf ließ der Teufel von ihm ab, und es kamen Engel und dienten ihm.(Mt 4,1-11)

Betrachten wir die dritte Versuchung: Der Teufel ist bereit, Jesus alle Reiche der Welt zu geben. Lassen wir für einen Augenblick die bedenkliche Aussage beiseite, dass sich alle Reiche der Welt, also alle Herrschaften offenbar in der Hand des Teufels befinden (wenn die Aussage des Versuchers stimmt). Das Angebot ist verlockend, weil es vordergründig der Aufgabe Jesu entgegenkommt. Wenn die Ausbreitung des Reiches Gottes und damit die Verdrängung des Dunkels das über der Welt liegt (Jes 60) durch das göttliche Licht gefordert ist, dann wäre die Eroberung der Herrschaft über die Reiche der Welt ein effektives Instrument. Dieses „Geschenk“ der Herrschaft muss nur mit einem vergelichsweise kleinen Geschenk erwidert werden. Einmal soll Jesus sich niederwerfen und den Teufel anbeten. Das ist eigentlich nicht viel. Man könnte sagen – ich nehme diese Geste in Kauf, ich muss sie ja gar nicht ehrlich meinen, ein kurzer Moment der Selbstverleugnung und dann steht mir die Welt offen. Mit ausreichend pragmatischer Einstellung könnte Jesus dieses Experiment wagen. Es ist übrigens eine treffende Metapher die bis heute bedenkenswert ist: Um an die Macht zu gelangen, musst du dich nur einmal vor dem Teufel verbeugen. Jesus weist die Möglichkeit schroff zurück. Das scheinbar kurze Verbeugen ist keine Geste der Höflichkeit, sondern eine Geste der Anerkennung. Es wird nicht bei dieser einen Verbeugung bleiben. Wer vom Teufel etwas annimmt, begibt sich in eine Abhängigkeit zu ihm. Er kommt dort nicht mehr heraus. Deshalb weist Jesus jedes Wort des Teufels zurück. Wer auf der Seite Gottes bleiben möchte, darf dem Teufel keinen Raum geben. Es ist leicht für das Böse, sich einzunisten, es ist schwer, es wieder loszuwerden. Die Abhängigkeit zeigt sich immer an der Anhänglichkeit an Dinge, die mir zwar schaden, die aber angenehm sind. Abhängigkeit ist eine Abhängigkeit von Geschenken, die ich empfange. Das ist der Kern der Versuchung: Etwas Angenehmes oder Begehrenswertes bekommen zu wollen, um den Preis, dem Bösen bewusst Zugeständnisse zu machen. Jesus erinnert daher in seiner Zurückweisung an die Einzigkeit Gottes. Erlaubt und möglich ist nur das, was vom Guten kommt und zu ihm führt.

Ignatius von Loyola beschreibt in seinem Exerzitienbuch das Wesen der Versuchung, indem er die Taktik „des Feindes“ offenlegt.[1] Der „Feind“ (also derjenige, der uns zum Bösen führen möchte), so sagt er, möchte gerne stark erscheinen, er ist aber in Wirklichkeit schwach. Wenn man ihm entschieden entgegentritt, flieht er. Wenn er allerdings merkt, dass ich mutlos, furchtsam und wankend werde, dann „gibt es auf der ganzen Welt keine so wilde Bestie wie den Feind der menschlichen Natur“.

Wie auch immer man zu Äußerungen wie diesen stehen mag (die ja schon ein paar hundert Jahre alt sind), so scheint es doch angebracht, kritisch auf die eigenen Versuchungen zu schauen. Ähnlich wie bei den Geschenken niemand durch ein „falsches Geschenk“ getäuscht werden möchte, so sollte ich achtsam sein, für welche Ziele ich bereit bin, was zu tun. Der Maßstab ist dabei das Gute. Entscheidungen über bestimmte Ziele und Möglichkeiten, die sich mir anbieten, erfordern daher Zeit, Nüchternheit und Standfestigkeit. Entscheidungen dürfen keine falschen Abhängigkeiten erzeugen. Sie müssen frei sein.


[1] Ignatius von Loyola, Exerzitienbuch, Nr. 325.

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