Vom verborgenen Leben Jesu

Die Weihnachtszeit ist vorbei. Die Taufe Jesu markiert eine Zäsur. Jesus tritt aus seinem verborgenen in das öffentliche Leben. Von nun an beginnt seine Verkündigung des Reiches Gottes. Was allerdings ist in der Vergangenheit geschehen? Wie hat dieses verborgene Leben Jesu ausgesehen?

Ich weiß nicht mehr aus welchem Anlass ich den Glückwunsch erhielt. Ich erinnere mich nur noch an die Karte, auf die er geschrieben war. Sie zeigte eine Szene aus dem Leben Jesu, allerdings eine, die ich noch gar nicht kannte. Ein akkurat ausgeführte Zeichnung gewährte mir Einblick in die Tischlerwerkstatt des Heiligen Josef. In einem geräumigen Fachwerkraum mit angrenzendem Holzlager befand sich allerlei Gerät zur Holzverarbeitung, Sägen, Hobel, Dexel, Winkel und Beitel. An einer Werkbank der Heilige Josef bei seinem Tagewerk und der kleine Jesus, vielleicht sechs Jahre alt, der ihm zur Hand geht. Ein Kind zwischen Sägespänen – ein ungestörtes Arbeiter-Idyll.

Es handelte sich um eine typische Nazarener-Zeichnung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Den sogenannten „Nazarenern“, also den Künstlern, die solche und ähnliche Bilder schufen, ging es um eine gläubige Darstellung des Lebens Jesu in all seinen Facetten. Die Tischlerwerkstatt des Heiligen Josef auf dem Bild entstammt der Phantasie des Malers, der sich allzu sehr von den Werkstätten seiner Zeit inspirieren ließ. Josef wird weniger Schreiner als eine Art Zimmermann gewesen sein, der auf Baustellen für die Holzarbeiten zuständig war. Tische und Stühle hat er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht hergestellt.

Doch ganz unabhängig von dieser historischen Ungenauigkeit: In der Heiligen Schrift hätte ich die dargestellte Szene in der Tischlerwerkstatt vergebens gesucht. Es ist doch verwunderlich, dass sich die Evangelien über die längste Zeit des Lebens Jesu ausschweigen. Bis auf die Erzählung von der Jerusalemwallfahrt der Heiligen Familie, bei der der damals Zwölfjährige verlorengeht und von seinen besorgten Eltern im Tempel wieder aufgefunden wird, ist nichts aus den Jahren in Nazareth bekannt. Fast dreißig Jahre hat Jesus im Verborgenen gelebt. Was ist in dieser Zeit geschehen? Erst weit nachdem die vier Evangelien des Neuen Testaments geschrieben wurden, tauchten in Schriften wie dem sogenannten „Jakobusevangelium“ erbauliche Legenden aus der Kindheit und Jugend Jesu auf. Realistisch betrachtet allerdings müssen wir sagen: Wir wissen aus den ersten dreißig Jahren des Lebens Jesu nichts.

Wirklich nichts? Nicht ganz. Eine kleine Spur gibt es doch. Nach der Wiederauffindung im Tempel schreibt Lukas: „Dann kehrte er mit seinen Eltern nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam“ (Lk 2,51). Das könnte soviel bedeuten wie: Jesus war von da an ein artiges Kind (etwas anderes hätten wir von ihm auch nicht erwartet). Es dürfte aber noch mehr gemeint sein. Den Eltern gehorsam zu sein, könnte zugleich bedeuten: Er ließ sich von seinen Eltern unterweisen. Und an dieser Stelle kommt der Heilige Josef wieder ins Spiel. Wahrscheinlich hat er Jesus nicht nur in seinem Beruf als Zimmermann unterwiesen. Die Bibel berichtet, Josef sei ein gerechter Mann gewesen (Mt 1,13) – ein Umschreibung für einen frommen, gesetzestreuen Juden. Wenn man etwas über das verborgene Leben Jesu in Nazaret aussagen kann, dann mit Sicherheit, dass Jesus hier in die Ausübung des Glaubens, in seinen Alltag und seine Feste, in sein Bekenntnis und seine Ethik, sowie in das traditionelle Beten seines Volkes eingeführt wurde. Die schlichte Frömmigkeit eines Handwerkers und die liebevolle Führung einer einfachen Frau, seiner jungen Mutter, haben ihn geprägt. Jesus hat das Gesetz nicht von religiösen Spezialisten oder Hochleistungsfrommen, nicht von Sektieren oder überspannten Eiferern gelernt. Er wächst auf als „marginal Jew“[1] – als gewöhnlicher Jude.

Gerade diese Gewöhnlichkeit war es, die den französischen Priester Charles de Foucauld (1858-1916) auf der Suche nach seinem Weg, Jesus nachzufolgen so faszinierte. Was bedeutet es für mein Leben, so fragte er sich, wenn Jesus die längste Zeit seines Lebens, nämlich zehn Elftel seiner Jahre in der Unscheinbarkeit des Gewöhnlichen gelebt hat? Kann man als Christ an diesen Jahren einfach vorübergehen? Charles de Foucauld verneint dies. Er unterteilt das Leben Jesu in drei Abschnitte: Das Leben im Verborgenen, das Leben in der Einsamkeit (vierzig Tage in der Wüste) und das öffentliche Leben (die drei Jahre seiner Predigt). Das „Leben in der Verborgenheit“ wurde Foucauld zu einem Lebensprogramm. Jesu Gehorsam gegenüber seinen Eltern beeindruckt ihn, ebenso die Alltäglichkeit des Daseins in Armut, Schweigen, Arbeit, Gebet oder kindlicher Liebe. Foucauld stellt sich Nazareth als einen kargen und verlassenen Ort vor, an dem das Leben sehr einfach, hart und beschwerlich ist.

Jesus nachzufolgen heißt für Charles de Foucauld, mit ihm dieses einfache verborgene Leben zu teilen. Er schreibt: „Verachten wir nicht die Armen, die Kleinen, die Handlanger; sie sind nicht nur unsere Brüder in Gott, sondern auch desjenigen, die den Herrn am vollkommensten in seinem äußeren Leben nachahmen: Sie sind für uns das vollkommene Abbild Christi, des Handlangers von Nazareth: Ahmen wir sie nach. […] Hören wir nie auf, in allem Arme zu sein, Brüder der Armen […] Lasst uns wie er die Armen lieben und in ihrer Mitte leben.“[2]  Diesen Platz unter den Armen hat Foucauld sein Leben lang gesucht. Zuletzt lebte er in einer kleinen Hütte in der Sahara, unter Menschen, die nicht nur arm waren, sondern ebenso nichts vom Evangelium gehört hatten.

Ungeachtet des extremen Lebensbeispiels, das Charles de Foucauld gegeben hat, erscheint mir sein Grundgedanke wesentlich. Wie nötig ist es zu zeigen, dass das Christentum keine Religion der Studierten und Asketen, der Charismatiker und Aktivisten sein muss. Jesus nahezukommen kann eben auch heißen, mit ihm sein verborgenes Leben zu teilen: meine Arbeit gut tun, mich um meine Familie und Angehörigen sorgen, die tägliche Routine zum Wohl meiner selbst und zum Wohl der anderen auf mich zu nehmen, mit den eigenen Grenzen leben zu können, mich um das Gebet und den Gottesdienst zu bemühen. So selbstverständlich und einfach ein Leben sein kann, so viel an Hochachtung verdient es. So haben viele Generationen ihren Glauben gelebt und sind darin Jesus vielleicht viel näher gekommen, als ihnen selber bewusst war.


[1] So der Titel eines berühmten Jesusbuches, das prägend für die moderne Bibelauslegung geworden ist: J.P. Meier: A Marginal Jew – Rethinking the historical Jesus“, 3 Bd., ab 1991.

[2] Charles de Foucauld, Der letzte Platz – Aufzeichnungen und Briefe, Einsiedeln 2000, S. 57f. Auf diese Zusammenstellung seiner Schriften beziehe ich mich für den ganzen Abschnitt über Charles de Foucauld

Der hier veröffentlichte Text beinhaltet im Kern eine Betrachtung über das Evangelium vom zwölfjährigen Jesus im Tempel, die ich 2009 für die Pfarrei St. Maria-St.Joseph in Harburg geschrieben habe.

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