Desiderate [Ansprache zum Volkstrauertag]

Was ist die Trauer eigentlich? Die Bezeichnung des heutigen Tages legt nahe, dass ein ganzes Volk trauern soll. Denken Sie an die persönliche Trauer, die Sie schon einmal empfunden haben. Sie ist eine Leere, ein Schauen in das Dunkel, in dem nichts zu finden ist; sie ist die Frage auf die ich keine Antwort bekomme; sie ist die Beklemmung eines Herzens, das eingeschnürt in sich keine Befreiung findet; sie ist ein tränengefülltes Auge, das keinen klaren Blick mehr hat. Die Trauer ist Sehnsucht nach einem geliebten Menschen, den ich nicht mehr erreiche. Im Lateinischen heißt Sehnsucht „desiderium“. Dass was sich an der Sehnsucht nicht mehr erfüllen kann, ist ein „Desiderat“. Desiderate sind Dinge, die erhofft waren und sich nicht erfüllten, Pläne, die nicht verwirklicht, Ziele, die nicht erreicht wurden. Der Trauernde streift in seiner Sehnsucht über ein leeres Feld und findet nur Desiderate. Was hätte aus dem verlorenen Menschen noch werden können? Der Trauernde nimmt die Desiderate in seine Hand. Er sieht den Enthusiasmus einer Kindheit, die Ideale einer Jugend, die großen Lebenspläne der erwachsen Werdenden, die Hoffnungen auf ein glückliches Leben in Sicherheit, die letzten Wünsche des Alters. Es ist zu viel, das liegengeblieben ist. Ein Leben geht nie auf. Es reibt sich in der Wirklichkeit auf, erlebt seine Begrenzungen, wird durch die Umstände der Zeit und durch andere Menschen an der Entfaltung gehindert, verliert sich im Vielerlei des Alltags. Die Trauer ist Traurigkeit über das Unerfüllte, das Unverwirklichte, das Unvollendete, das Unerlöste eines Lebens.

Die Grausamkeit des Krieges ist die schiere Menge der Desiderate. Es sind nicht so sehr die Zahlen der Verheerung, die zur Trauer aufrufen, sondern die Zerstörung der einzelnen Leben. Die bohrende Trauer der Hinterbliebenen sind die Fragen nach den Desideraten. Welches Leben hätte mein Bruder gelebt, der mit 20 auf dem Schlachtfeld erschossen wurde, welches Leben hätte die Großmutter gehabt, die in einem Arbeitslager gedemütigt wurde und verhungerte, welches Leben mein kleiner Sohn, die als Baby auf der Flucht erfror, welches Leben die Mutter, die im Bombenhagel umkam? Wir lesen die Geschichte mit den Augen der Überlebenden. Das ist unsere einzige Möglichkeit, aber sie ist nie vollständig. Es fehlt uns die Perspektive der Toten. Die Friedhöfe nennen die Namen auf ihren Grabsteinen, ihre Geburts- oder Sterbedaten. Das ist ein Mindestmaß an Erinnerung – allerdings auch nicht mehr. Wir wissen nicht, was die Toten uns heute berichten würden, wie sie auf das Leben unserer Zeit schauen. Uns fehlen ihre Lebensweisheit, ihre Erfahrung und ihr Zeugnis. Die Welt würde heute anders sein, wenn sie erzählen könnten.

Am Ende der Bibel steht das Bild der neuen Stadt Jerusalem. Es ist der Ort, an dem die Grenzen zwischen Tod und Leben, aber auch zwischen Gott und den Menschen aufgehoben sind. Es ist ein Ort, an dem kein Schmerz sein wird, keine Trauer und kein Leiden. Die himmlische Stadt steht für das große Desiderium, die große Sehnsucht der Menschen. Der Tod, die ewige Trennung, ist aufgehoben. Für uns Lebende ist diese Stadt ein Ort, den wir nur glaubend erhoffen können, nicht mehr. Er lebt aus dem Widerständigen, unserer Erfahrung mit dem Tod. Die Welt darf nicht einfach so bleiben, wie sie ist, sondern sie muss sich verändern. Unseren Verstorbenen wünschen wir die Ruhe und den Frieden dieses Ortes. Aber ehrlich gesagt: Es wäre besser, wenn wir sie immer noch unter uns hätten.  

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