König ohne Kleider

Zu den besonderen Schätzen der Wiener Hofburg gehört der Krönungsmantel der deutschen Kaiser. Er wurde 1133 in Sizilien geschaffen und gehört zu den prunkvollsten Stücken mittelalterlicher Handwerkskunst. Der Mantel besteht aus roter Seide und ist kunstvoll mit Goldfäden und 100.000 Perlen und Emailleplättchen bestickt. Bei der Einführung in sein Amt wurde dem Kaiser dieser Mantel umgelegt. Er stellte den neuen Herrscher als Repräsentanten von großer Macht und Stärke vor. Er ist ein symbolisches Kleidungsstück. Sein Träger verkörpert den Reichtum und die Bedeutung des ganzen Landes. Der Kaiser repräsentiert durch seine Kleidung, seinen Schmuck, durch seinen Palast das Volk. Je prächtiger die Ausstattung, desto bedeutender ihr Besitzer.

Ziemlich genau 700 Jahre nach der Herstellung des Mantels schrieb Hans Christian Andersen sein berühmtes Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Das Märchen ist eigentlich eine Satire auf die Mächtigen. Am Hofe eines mächtigen und offenbar sehr eitlen Kaisers melden sich zwei Betrüger. Sie geben vor, Weber zu sein, die eine neue Kunst beherrschen. Sie seien in den Lage, die herrlichsten Kleider zu weben, die die Welt je gesehen hat. Allerdings hätten ihre Kleider eine Besonderheit: Dumme Leute und solche, die ihres Amtes nicht würdig sind, könnten sie nicht sehen. Die Weber beginnen mit ihrer Arbeit und schneidern aus unsichtbaren Fäden ein neues Prunkgewand für den Kaiser. Dieser ist begeistert von den Probestücken, die ihm vorgeführt werden. Da weder er noch sein Hofstaat nicht als dumm oder ihres Amtes nicht würdig gelten möchten, geben sie nicht zu, dass sie von den Stoffen nichts sehen. Am Tag des großen Festzuges lässt sich der Kaiser mit den neuen Stücken bekleiden. Die Weber kassieren das Geld und machen sich aus dem Staub. So zieht ein unbekleideter Kaiser durch die Hauptstadt. Die Leute loben, da auch sie nicht als dumm gelten wollen, die prachtvolle Erscheinung. Nur ein Kind, dass von all diesen Dingen nichts versteht ruft plötzlich in die Menge: „Der Kaiser hat ja gar nichts an“. Da fliegt der Schwindel auf und die Leute machen sich über den Monarchen lustig. Der Kaiser ist blamiert.

Das Märchen spielt auf unterschiedlichen Ebenen. Es beleuchtet zum einen die Eitelkeit und Dummheit des Kaisers und der Leute. Zum anderen aber entkleidet es im wörtlichen und im übertragenen Sinn den Monarchen. Der Kaiser repräsentiert ja durch seine prächtige Kleidung das Land. Aber was repräsentiert der nackte Kaiser? Er repräsentiert gar nichts mehr. Er ist auf einmal ein Mensch wie jeder andere. Ohne Kleider hat er seinen Nimbus und seine Würde verloren. Der Kaiser ohne Kleider ist nicht mehr mächtig, sondern machtlos.

Wenn Sie so wollen, ist das Motiv uralt. Die Verspottung des Königs ist eines der Themen der Passion Jesu. Er ist angeklagt worden, sich selbst zum König der Juden ausgerufen zu haben. Nach seiner Verurteilung wird Jesus verhöhnt. Die Soldaten verkleiden ihn als König, mit einer Krone aus Dornen und einem purpurroten Mantel: „Seht her, was für ein Betrüger – ein falscher König“, so machen sie sich über ihn lustig. Die Tafel über dem Kreuz ist ebenfalls bösartig gemeint: Hier stirbt Jesus von Nazareth, der König der Juden. Was soll das für ein König sein? Man hat ihn gedemütigt und verhöhnt. Man hat ihn gefoltert. Man hat ihm seine Kleider weggenommen. Was ist das für ein König ohne Kleider?

Hier geschieht allerdings etwas anderes als im Märchen. Dort wurden aus der Herrlichkeit des Herrschers Spott und Gelächter. Hier wird aus dem Spott und dem Gelächter die Herrlichkeit die Herrlichkeit des Herrschers. Es ist nicht ein kleines Kind, sondern ein unbedeutender römischer Wachsoldat der unter dem Kreuz die Wahrheit ausspricht: „Wahrhaftig, dieser hier war Gottes Sohn“. Jesus hatte vor Pilatus darauf hingewiesen: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Es ist eine unsichtbare Wirklichkeit, die nun sichtbar wird. Was repräsentiert der nackte König am Kreuz? Nicht Macht und Stärke, nicht den Reichtum und den Ruhm eines Landes. Er ist nichts anderes, als das, was Pilatus unwissend über ihn gesagt hatte, als er ihn nach draußen vor die Menge führte: „Ecce homo“ – Seht, der Mensch. Der König auf dem Kreuzesthron repräsentiert den Menschen, den einfachen, schlichten Menschen, sein Dasein und seine Schwäche. Er repräsentiert die Sünde, die Gewalt, das Opfer, die Knechtschaft, die Krankheit, den Tod. Er repräsentiert alles, wovon der Mensch erlöst werden möchte. Der Christus-König ersteht zum neuen Leben. Hinter dem Leiden und dem Tod steht die rettende Macht Gottes, die Verheißung, die er seinem Volk durch alle Täler seines Daseins gegeben hat. Die Erlösung und das Leben – das ist mehr als der mächtigste König der Welt geben könnte. Deshalb zeigt der heutige Christkönigssonntag beides, den König am Kreuz und den König der Herrlichkeit. Beide sind eine Person, A und O, Anfang und Ende. Mit diesem Blick schließt das Kirchenjahr und beginnt dann wieder von neuem, indem es die Verheißungen des Lebens und der Rettung aus alter Zeit erzählen wird.     

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