Getsemani

Es war ein Bild aus dem Nachlass meiner Urgroßeltern, das mir meine Großtante zur Priesterweihe schenkte. Sie sagte: „Vor diesem Bild hat dein Urgroßvater gebetet, wenn es ihm schlecht ging.“ Das Bild ist recht klein, eine Holzplatte mit flüchtigem Pinselstrich bemalt. Und es ist dunkel – so dunkel, dass man bei schlechtem Licht kaum etwas erkennen kann. Aus dem Dunkel zeichnet sich eine Gestalt ab. Ein kniender Mensch, die Hände ringend, die Augen weit geöffnet, den Mund wie zum Schrei geformt schaut er nach oben. In der Mitte des Bildes eine unkenntliche hellgekleidete Gestalt. Ein Tuch bedeckt ihren Kopf. Bei genauem Hinsehen erkennt man Flügel, ausgespannt über Felsen. In der Hand trägt sie etwas Undefinierbares, die Andeutung eines Gefäßes. Dargestellt ist der Moment, auf den der Gründonnerstag zuläuft. Es ist ein Moment voller Angst. Die wärmende Vertrautheit des Abendmahlsaales ist Vergangenheit, das Beisein der vertrauten Jünger, das Mahl, die Worte. Sie weichen der kalten Nacht draußen im Garten. Die Jünger zerstreut, die letzten schlafen. Schon der Saal war voller Beklemmung gewesen, der Abend zwischen Hoffnung und Schmerz. Nun bleibt nur noch die Nacht – und die Angst.

Wer kennt diese Nacht, in der die äußere Dunkelheit zur inneren wird? Die Nacht in der sich das Herz zuschnürt? Die Nacht in der die aufgerissenen Augen nichts mehr finden? Ich bin allein, ich und das Dunkel. Das Schwarz frisst sich durch meine Gedanken. Es verschleiert die Augen. Ich sehe und doch sehe ich nichts. Keiner da außer mir. Angst ist Einsamkeit. Und wenn ich nicht mehr da bin? Ist dann nur noch Schwarz? Ist dann nur noch Dunkel?

Der Engel auf dem Bild ist nicht der, der Trost spendet. Er bringt den Kelch. Im Kelch wurde das Blut der Opfertiere gesammelt. Es wurde beim Opfer an den Altar gesprengt. Der Kelch zeigt ein Zweifaches: Den Tod und das Heil, das Leid und die Versöhnung. „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut“ – Das Leben kommt aus dem, was vollbracht werden soll. Der Engel präsentiert den Kelch. Die Stunde des Todes ist da. Jesus, der Mann auf dem Bild sieht den Kelch. „Lass ihn an mir vorübergehen“. Hier ist nur einer, ein Mensch. Aber hier ist ein Mensch vor Gott. Er empfängt einen Auftrag. Die Stunde der Angst ist die Stunde der Entscheidung. Botho Strauss sagt es einmal so: „Gegenüber der Allmacht bleibt dem Menschen nur die Wahl zwischen zwei Verhaltensweisen: gehorchen oder vergessen. Alle übrigen Bemühungen seines Geistes sind zum Scheitern verurteilt.“[1] Jesus wird nicht scheitern. Also: gehorchen oder vergessen? Den Kelch annehmen oder vor Gott fliehen? Wer kann eine solche Entscheidung treffen? Doch nur, wer weiß, dass Gott ihn liebt, dass Gott ihn unendlich liebt und dass Gott nur das fordern wird, was zum Heil führt. Die Angst ist mächtig, aber sie ist nicht allmächtig. Hinter dem Dunkel liegt etwas, das man nicht sehen kann. Man muss wissen, dass es da ist. Das Dunkel geht vorüber. Es strebt zum Licht. Die Stunde geht vorüber, der Zweifel geht vorüber. „Nicht mein Wille, sondern dein Wille soll geschehen.“ Jesus wählt den Gehorsam.

Uns zieht es mit Jesus in die Nacht. Wir sehen die Zeichen des Abendmahlssaales, das Waschen der Füße, das Erheben des Kelches, das Brechen des Brotes, Worte und Zeichen. Und dann wird es leer. Die Gemeinschaft zerstreut sich. Es geht in den Garten. „Wacht und betet“. Ich vor Gott. Mit meinem Leben, mit meinen Bitten, mit meinen Ängsten. Ich lege sie in den Kelch, Zeichen der Verbundenheit, Zeichen des Lebens. Zeichen dafür, dass die Angst besiegt wird. Ich bin nicht allein. Aus dem Dunkel soll wieder Licht werden. 


[1] Botho Strauss, Beginnlosigkeit, München 1992, 46.

Ein Kommentar zu „Getsemani

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