Letzte Woche spülte aus den Weiten des Internets ein interessanter Artikel an den Strand meines digitalen Endgeräts. Der Liturgiewissenschaftler Clemens Leonhard aus Münster setzte sich mit der Frage der Mystagogie auseinander.[1] Was ist das? Mystagogie bedeutet „Einführung in die Mysterien“. Der Begriff stammt aus der griechischen Welt der sakralen Kulte, hat aber schnell im frühen Christentum Fuß gefasst. Es geht um eine Erklärung und Erläuterung des gottesdienstlichen Ritus. Was bedeuten einzelne Handlungen, Gesten und Gebete? Wie kann man sie verstehen? Die frühen Mystagogen unterrichteten die Taufbewerber und erschlossen ihnen die Bedeutung des christlichen Gottesdienstes und damit auch die Bedeutungen des christlichen Glaubens.
Der Begriff „Mystagogie“ spielte in der Theologie und Religionspädagogik in den 90er und 2000er Jahre eine wichtige Rolle. Er wurde zu einem Modewort. Die Idee war, Kindern und Erwachsenen, durch die Erklärung und Deutung der gottesdienstlichen Vollzüge die Mitfeier zu erleichtern. In der Erstkommunionkatechese etwa entstanden die sogenannten Weggottesdienste. Das sind kleine liturgische Formate, die Kindern Stück für Stück die Elemente des Gottesdienstes, vor allem der Eucharistiefeier nahebringen. Was bedeutet es, ein Kreuzzeichen zu machen? Welche Haltung und welche Worte kann ich beim Beten verwenden? Warum lesen wir aus der Bibel? Was bedeutet die Taufe? Welche Bestandteile hat die Messe? Die mystagogische Katechese ist dabei häufig eine Mischung aus Erklärung und Handlung. Das, was wir tun, wird gedeutet und das Gedeutete wird getan.
Clemens Leonhard, der den Artikel verfasst hatte, stellte diese Praxis nun in Frage. Sollten wir lieber auf Mystagogie verzichten? Sein Hauptargument war, dass die Methode der Mystagogie zu viel Deutungshoheit auf den Liturgen, also den Vorsteher und Erklärer des Gottesdienstes verlagert. Was hier erklärt wird, beansprucht Wahrheit. So, wie es erklärt wird, sollen es die Mitfeiernden annehmen. Dabei haben unsere Riten selten ganz eindeutige Ursprünge, sind selten mit ein paar Worten zu erklären. Es gibt zu allem unterschiedliche Theorien. Warum etwa liegt über dem Ziborium, dem großen Hostiengefäß im Tabernakel, ein Tuch, ein sogenanntes „Velum“? Man kann das theologisch erklären, etwa damit, dass Gottes Gegenwart sich alttestamentlich immer verhüllt, z.B. in einer Wolke. Es gibt also so etwas wie eine heilige „Verbergung“. In der jüdischen Tradition werden die Schriftrollen mit prächtigen Tüchern verhüllt, die nur beim Lesen im Gottesdienst entfernt werden. Hier findet also eine „Apokalypse“, eine Enthüllung des göttlichen Wortes statt. Das ist eine mögliche Erklärung. Man kann aber auch ganz pragmatisch darauf hinweisen, dass kostbare Gefäße vor Verschmutzung geschützt werden sollten. In Zeiten, in denen die Silberpolitur noch nicht erfunden war, fasste man die goldenen und silbernen Gerätschaften mit Handschuhen oder eben einem Tuch an. Irgendwann ist dann das Tuch von den Händen auf die Gefäße gewandert. Man sieht es heute noch, wenn die Bischofszeichen, der Stab und die Mitra von Ministranten mit Handschuhen oder Tüchern angefasst werden – schlicht, damit kein Handschweiß den Stoff oder das Metall verschmutzt.
Brauchen wir also Mystagogie? Das kleine Beispiel hat gezeigt, dass es durchaus erhellend und interessant sein kann, mehr über die Hintergründe unserer Riten zu erfahren. Der Artikel hatte mich deshalb interessiert, weil ich selbst gerade eine mystagogische Erfahrung gemacht hatte. Das kam so:
Ich besuchte eine Jugendgruppe, die einen Ausflug in eine andere Gemeinde gemacht hatte. Ich bot an, da ich eh gerade vor Ort war, die Heilige Messe am Sonntag zu übernehmen. Der Pfarrer hatte ohnehin schon zwei Sonntagsgottesdienste zu feiern. Das lehnte er aber ab. Und ich verstand warum. Der Pfarrer hatte in mystagogischer Begeisterung seine Liturgie auf eigene Weise gestaltet. Der Altarraum war so eingerichtet, dass das Evangeliar eine eigene „Altarinsel“ bekam und in besonderer Weise herausgehoben wurde. Den ersten Teil der Messe feierten wir am „Altar des Wortes“ und den zweiten dann am „Altar der Eucharistie“, einschließlich einer Veränderung der Sitzordnung. Vor jedem Abschnitt der Heiligen Messe gab der Pfarrer kurze Erklärungen – zum Kyrie, zu den Lesungen, zum Glaubensbeknntnis, zur Gabenbereitung, zum Hochgebet und zum Segen. Er bemühte sich also darum, den Gottesdienst Schritt für Schritt der Gemeinde zu erschließen.
Ich fand diesen Ansatz gar nicht so schlecht. Ich glaube das dieses „begleitete Feiern“ für ungeübte Gottesdienstbesucher durchaus eine Hilfe sein kann. Allerdings gab es zwei Aspekte, die mich störten. Zum einen stellte sich bei mir der Eindruck einer durchaus anstrengenden „Verwortung“ des Gottesdienstes ein, der sich auch entsprechend in die Länge zog. Zum anderen störte mich, was auch der Artikel über die Mystagogie bemängelt. Wir waren den „Erklärungen“ oder besser „Deutungen“ des Pfarrers ausgesetzt. Er präsentierte seine bevorzugten theologischen Theorien, mit denen ich inhaltlich nicht immer ganz einverstanden war. Es ist enorm schwierig, einen Ritus, der sich über Jahrhunderte entwickelt hat in ein paar Sätzen angemessen zu erklären. Es kommt notwendigerweise zu Verkürzungen. Wenn ich das nicht weiß, fühle ich mich gedrängt, den Erklärungen zu folgen und übernehme eine bestimmte Theologie. Zugleich wird mir damit suggeriert, dass meine persönlichen Gedanken oder Ideen zu bestimmten Riten und Worten irgendwie „falsch“ sind, da mir doch hier ein Kundiger erklärt, wie es wirklich ist. In der Folge veränderte der Pfarrer dann auch die Liturgie selbst und passte sie seinen theologischen Überzeugungen an. Das ergab in der Feier durchaus Sinn – die Veränderungen waren nicht sehr gravierend – aber dennoch entsteht so etwas wie eine Privatliturgie, die dann eben auch kein anderer mehr feiern kann, weil sie der Eigenritus dieses Pfarrers ist.
Ich habe daher selbst noch einmal nachgedacht. Wie viel Erklärung braucht es wirklich? Zum ersten würde ich sagen, dass Erklärung und Erschließung des Gottesdienstes und seiner Zeichen durchaus sinnvoll sind. Wer durch Zufall in eine katholische Messe gerät, wird von dem, was dort geschieht, vielleicht erst einmal irritiert sein. Ein solcher Gottesdienst ist nicht in allem logisch, schlüssig und selbsterklärend. Das ist auf der anderen Seite allerdings auch seine Stärke. Ich kenne durchaus Rückmeldungen von Menschen, die als Nichtkatholiken oder Fernstehende ein Requiem, eine Erstkommunion, Taufe oder eine Osternacht erleben und sich angesprochen fühlen, auch wenn sie die einzelnen Teile und Worte nicht kennen. Die Liturgie wirkt auch aus sich selbst. Wir feiern einen Ritus. Und wenn dieser Ritus mit der nötigen Ernsthaftigkeit, Würde und Schönheit vollzogen wird, wirkt er aus sich. Wir können ja im Museum ein Gemälde auch dann schön finden, wenn wir etwa die griechische Sage, die auf ihm dargestellt ist, gar nicht kennen und auch kein Wissen über den Maler und seine Epoche haben.
Tatsächlich ist der Vergleich mit dem Kunstwerk gar nicht so verkehrt. Die Liturgie wird gerne als „Heiliges Spiel“ bezeichnet. In ihr wird etwas dargestellt. So erleben wir ja auch eine Aufführung im Theater. Ein Text wird in Szene gesetzt. Und die Interpretation, also die Art und Weise der Inszenierung, versucht, die Bedeutung des Textes zu illustrieren, den Worten eine angemessene Form zu geben. Zugleich bemüht sich die Inszenierung häufig auch um eine Übertragung. Was kann uns der häufig alte Text eines Stückes heute sagen? Wo finden sich Anknüpfungspunkte in unsere Zeit oder zu unserer Lebenssituation? Eine gute Inszenierung spricht aus sich selbst und kann sehr erhellend sein. Häufig haben wir es auch mit schlechten Inszenierungen zu tun, in denen ein Regisseur einem Stück seine eigenen Ideen überstreift. Der Text wird dann unter Chiffren, also Bildern und Handlungen präsentiert, die sich für den Zuschauer nicht auflösen lassen, weil sie vor allem Ideen der Regie versinnbildlichen, nicht aber den eigentlichen Text des Stückes. Eine gute Inszenierung wirkt also durchaus „mystagogisch“, ohne dass vor jeder Szene ein Sprecher auftreten müssen, der uns Inhalt und Inszenierung der folgenden Darstellung erklärt.
Das Theater kennt allerdings das Programmheft, in dem weitere Erläuterungen zu finden sind. Es kennt auch eine Theaterwissenschaft, die etwa die Aufführungsgeschichte eines Stückes erforscht und dokumentiert und unterschiedliche Inszenierungen vergleicht. Der Kern ist aber, dass das Stück aus sich selbst sprechen soll. Daher ist, nun wieder auf die Liturgie angewandt, die gute, sinnenfreudige und würdige Liturgie bereits die beste Mystagogie.
Die Mystagogen der frühen Kirchen sprachen häufig zu den Taufbewerbern. Ihre Erklärungen waren Hinführungen, die ihren Platz in der Versammlung dieser Zielgruppe hatten. So würde ich es auch halten: Die Mystagogie ist wesentlich eine außergottesdienstliche Disziplin. Sie ist Teil der „Katechese“, also der Einführung in den Glauben. Das heißt nicht, dass in einzelnen Fällen mystagogische Erläuterungen nicht sinnvoll sein könnten. Im Taufgottesdienst z.B. sind sie ausdrücklich vorgesehen. Wenn das Kind gesalbt wird, die Taufkerze entzündet und das Taufkleid übergeben, geschieht dies immer mit einigen theologischen Hinweisen. Diese sind hier Teil des Ritus. Solche Elemente tauchen auch in der Liturgie zur Eheschließung oder zur Weihe auf. Man sollte mit ihnen allerdings sparsam umgehen. Besser ist es, Gottesdienstbesucher immer einmal wieder zu Vorträgen einzuladen, die zur Einführung in den katholischen Gottesdienst dienen.
Ein letzter wichtiger Punkt ist mir zudem die „Deutungsoffenheit“. Es stimmt, dass eigentlich nichts im Gottesdienst ohne tieferen Sinn und ohne theologische Überlegung geschieht. Ich kann den Gottesdienst aber auch feiern, wenn ich diese umfangreiche „Bedienungsanleitung“ nicht kenne. Auch meine eigenen Gedanken, mein persönliches Verständnis dessen, was geschieht, hat im Sinne des Glaubenssinns der Gläubigen (sensus fidelium) einen Wert. So ist einigen z.B. der Friedensgruß besonders wichtig, obwohl dieses Element von der Liturgiewissenschaft gerne kritisch gesehen wird. Andere schätzen das Knien als Ausdruck des persönlichen Glaubens, auch wenn die Liturgiker häufig darauf hinweisen, dass die ursprüngliche Form des Gebets das Stehen sein müsse. Die von den Gestaltern der Liturgiereform in den 70er Jahren besonders hervorgehobenen biblischen Lesungen spielen mit Ausnahme des Evangeliums für viele Gottesdienstteilnehmer keine so große Rolle. Ideen und persönliches Empfinden können stark voneinander abweichen. Das muss aber nicht schlecht sein. Ich halte zumindest nichts von einer „Mystagogie“, die zu einem bestimmten festgelegten Verständnis hin „erziehen“ möchte.
[1] Die Versuchung zur Mystagogie überwinden – feinschwarz.net