La Verna [zu Allerheiligen]

Jetzt im Herbst hatte ich die Gelegenheit, einen besonderen Ort zu besuchen. Das Kloster La Verna liegt hoch im Apennin, am Monte Penna auf rund 1200 Metern. Mit seinem Bau wurde um 1350 begonnen. Vorher standen hier nur ein paar provisorische Hütten, die als Einsiedeleien genutzt wurden.

Vor allem aber gab es malerische Natur. Das Gelände ist felsig. Wer den Berg zu Fuß erklimmt, wandelt durch den Hochwald und entlang imposanter Gesteinsformationen. In diesem Zustand erlebte der Heilige Franz von Assisi den Ort, als er sich zwei Jahre vor seinem Tod hier aufhielt. Er besuchte hier einige Ordensbrüder, die sich kurz zuvor hier in dies Waldeinsamkeit zurückgezogen hatten. Vor allem aber nutzte Franz den Aufenthalt zum Gebet. Dabei erschien ihm Christus in der Gestalt eines Cherubs, eines sechsflügligen Engels. In dieser Begegnung prägte Christus seine Wunden in den Körper des Poverellos, der fortan die Wundmale Christi trug. Franziskus hielt dies vor den Brüdern geheim. Die Wundmale wurden erst nach seinem Tod entdeckt.

So will es zumindest die Tradition. Für die Menschen der damaligen Zeit war die Stigmatisierung ein weiterer Erweis für die Heiligkeit des Franziskus, der nun auch an seinem Körper Christus ähnlich geworden war. Franziskus war zu dieser Zeit bereits ein kranker Mann, der mit starken Schmerzen lebte. Man könnte sagen, dass er in La Verna sein Leiden mit dem Leiden Jesu verbindet.

Es sind diese Zeichen und Erzählungen von Formen der Heiligkeit, die auch heute noch die Menschen anziehen. Die große Zahl von Pilgern, denen wir in La Verna begegneten, verdeutlichte das eindrücklich. Die Heiligen, die wir am Festtag Allerheiligen besonders in den Mittelpunkt rücken, sind mehr als „Vorbilder im Glauben“. Dafür sind sie uns heutigen Menschen eigentlich zu fremd. Es geht vielmehr um die Faszination des Heiligen, der Kraft Gottes, die sich im Leben eines Menschen auf eine faszinierende, manchmal auch erschreckende Weise Bahn brechen kann. Die zeigte sich auf dem Monte Penna deutlich.

Auf dem Berg entstand eine stattliche Klosteranlage aus Kirchen, Kapellen, Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Der zentrale Ort ist eine Kapelle, die an der Stelle errichtet wurde, an der Franziskus seine Vision hatte. In diesen heiligen Bereich führt ein überdachter Gang, der auf dem Felsen der Stigmatisierung errichtet wurde. An einer Stelle öffnet sich im Gang eine Tür in die freie Natur. Das üppige Grün umgibt den Besucher. Vor ihm schottet eine Felswand den Blick ab und gibt den Eindruck, hier in ein Naturzimmer getreten zu sein. Eine Treppe führt in eine kleine Grotte, in der Franziskus übernachtet hat. Im Mittelpunkt steht auf einmal nicht mehr der Heilige, sondern der Felsen. In ihn wurden mehrere Gebeträume eingegraben. Die Besuchertour führt auch den Berg hinab zu einer Felsspalte, die ein natürliche Kirche bildet, einen mystischen Schutzraum, ein Offenbarungszelt. Hier ist ein heiliger Ort, von dem man sich denken kann, dass er zu alter Zeit in der Vorstellung der Menschen von Geistern und Dämonen bewohnt gewesen ist – ein Ort eben, um entweder dem Bösen oder dem Heiligen zu begegnen.

Als sich mit einem Mal eine Prozession der Franziskanermönche durch den heiligen Bezirk begibt, unter lateinischen Gesängen, verstehe ich diese Dimension auf einmal. Was hier verehrt wird, ist viel älter als Franziskus. Es geht um das Eingehen des Menschen in ein Geheimnis, dessen Ursprung in der Schöpfung selbst liegt. Gott, der sich offenbart durch die Jahrtausende ist das eigentliche Ziel der Prozession. Er hinterlässt zuweilen seine Spur, in einem Wort, in seiner Selbstoffenbarung in Christus, aber auch in der Feier des Sakramentes und letztlich in jedem Gebet, das eine Antwort erfährt.

So ist Allerheiligen eben auch eine Erinnerung an dieses Wirken Gottes in der Geschichte, dafür dass er immer wieder Menschen in einer ungeahnten Weise erreichen kann, vom Anfang der Welt bis heute. Franziskus war hier. Aber jetzt sind wir hier. Die Grundkonstellation ist die gleiche: Der Mensch vor Gott und Gott, der ihm eine Antwort auf seine Existenz gibt, eine Bestimmung, eine Erfahrung der Gnade. Davon erzählt die Geschichte der Heiligen auf eine besondere Weise und das Leben jedes einzelnen auf eine häufig eher unscheinbare Weise. So fern La Verna in der Höhe zu liegen scheint, es ist in diesem Sinn ein alltäglicher Ort, der mir das Besondere des Alltäglichen nur einmal neu offenbart hat.

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