Hochzeit ohne Braut?

Wieder erzählt Jesus ein Gleichnis. Es geht um eine Hochzeit. Ein König möchte die Vermählung seines Sohnes feiern. Er geht offensichtlich nach dem Protokoll vor und lädt nach Rang und Namen zunächst diejenigen ein, die man auf einem solchen Fest erwarten dürfte: Adlige, Minister, Personen des öffentlichen Lebens. Doch so richtig möchte niemand kommen. Mit allerlei fadenscheinigen Ausreden sagen die Eingeladenen ab. Da wird es dem König zu bunt. Er beschließt, die Hochzeitsgesellschaft auszutauschen. Statt der honorigen Ehrengäste lässt er auf den Straßen und Plätzen die Einfachen und Armen kommen. Der Festsaal füllt sich mit Gästen.

Was bei einer Hochzeit alles schief gehen kann, konnte ich letzte Woche sehen – zum Glück nicht bei einer echten Hochzeit, sondern lediglich im Theater. Dort wurde mir das bedauernswerte Schicksal von Lucia di Lammermoor vor Augen gestellt. Die gleichnamige Oper erzählt von einem englischen Adligen, der seine Schwester Lucia verheiraten möchte. Die aber – wie sollte es im Theater anders sein – liebt bereits einen anderen. Dieser andere ist ausgerechnet der Todfeind des Adligen. Es ist klar: „Der kommt mir nicht ins Haus“. So etwas geht selten gut. Lucia ist verzweifelt, lässt sich aber dann doch überreden, den ausgewählten Bräutigam um des lieben Friedens willen zu heiraten. Das Fest wird ein Desaster. Lucia wird über den Gewissenskonflikt wahnsinnig. Der Rest ist Oper. Kurz: Am Ende sind alle tot.

Die Inszenierung der Oper schlug eine gegenwärtig omnipräsente feministische Lesart vor. Lucia ist ein armes Geschöpf, das zum Spielball männlicher Intrige wird. Alle sind Schurken. Bildhaft wurde dies dadurch eingefangen, dass die Bühne stets von einer Gruppe älterer Herren, offenbar Höflinge und Beamte des Adligen, bevölkert ist. Diese Mannschaft macht das Entrinnen unmöglich. Diese Leute sind auch die einzigen Gäste bei der Hochzeit und die einzigen, die den Anlass als Party begreifen und nach allen Regeln der Kunst über die Stränge schlagen. Hier ist alles falsch: Falscher Bruder, falscher Bräutigam, falsche Gäste. Ein radikaler Wechsel wäre nötig.

Jetzt schweigt sich das Gleichnis des Evangeliums über die Braut aus. Es spricht nur über den Bräutigam. Ein kleiner theologischer Leseschlüssel kann das auflösen. Die Bibel verwendet das Bild der Hochzeit alttestamentlich für die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk (Hos 2,21, Jes 61,10, Jer 3,1). Neutestamentlich wird das Bild auf Jesus Christus und die Kirche übertragen (2Kor 11,2; Eph 5,25ff.). Gemeint ist die feste Bindung in Liebe und Treue, die Gott durch Christus zu uns Menschen eingeht. Die Braut ist also die „Gesellschaft Jesu“. Gäste und Braut sind im Gleichnis eins. Denn das Jesus sich selbst mit dem Bräutigam des Gleichnisses identifiziert, ist offensichtlich. Seine Erzählung dient der Illustration seiner Mission, „die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“ (Mt 9,13).

Es sind die Armen und Bedrängten, für die die Einladung ein radikaler Wechsel ihrer Verhältnisse bedeutet: Heraus aus den „falschen“ Umständen, aus den Verstrickungen in eine sündhafte Wirklichkeit, hinein in ein echtes Fest und in eine echte Liebe, in eine echte Vergebung, oder wie die ersten Christen es sagen: „In ein neues Leben in Christus“ (2Kor 5,17).

Christlich vollzieht sich dieser Schritt dreifach. Das erste ist die sakramentale Zusage. Die Taufe (auch wenn das heute etwas schamhaft nicht mehr ausgesprochen wird) versteht sich als eine Herauslösung aus der „Erbsünde“, also aus der sündhaften Verstrickung der menschlichen Geschichte und damit als Chance auf einen unverletzten Neuanfang. Das zweite ist die Form der Bekehrung, also das Bemühen um ein moralisch gutes Leben, die Reflexion des eigenen Denkens und Tuns und der daraus resultierende Versuch der Umkehr. Das dritte ist die Bekämpfung der sündhaften Strukturen, in denen wir Menschen leben – der konkrete Einsatz für den Nächsten, für die Gerechtigkeit und den Frieden, oder (etwas kleiner gefasst) für das gute und respektvolle Zusammenleben. Die Einladung des Königs ist auf keinen bestimmten Kreis beschränkt. Sie ergeht an alle „Menschen guten Willens“ und liegt als solche in meinem inneren Briefkasten bereit. Die Frage ist nur, wie ich darauf antworten möchte.

Beitragsbild: Festsaal in der Würzburger Residenz

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