Der Wolf von Gubbio [zum Gedenktag des Heiligen Franz von Assisi]

Am 3. Oktober 1226, also vor 800 Jahren starb Franz von Assisi. Der Jubiläumsgedanktag gab Anlass für neue Forschung und Erinnerung an diesen großen Heiligen des Mittelalters. Kaum eine historische Persönlichkeit hat eine ähnliche Beliebtheit wie der italienische Poverello. Das hat auch damit dazu tun, dass Franziskus eine Symbolgestalt des Friedens, der Einfachheit und der armen Kirche geworden ist.  Zum Gedenktag möchte ich daher eine kleine Meditation anhand einer der Franziskuslegenden vorstellen. Sie geht der Frage nach, wie Franziskus auch heute noch zu Menschen spricht.

Die bekannte Episode spielt in der Stadt Gubbio, etwa dreißig Kilometer von Assisi entfernt. Gubbio, malerisch an den Hängen des auslaufenden Apennin gelegen, ist ein uralte Stadt, Zentrum der vorrömischen umbrischen Volksgruppe. Die Stadtgeschichte ist ab dem 3. Jahrhundert vor Christus nachweisbar. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Römer bereits die Herrschaft übernommen. Die Reste eines eindrucksvollen römischen Theaters am Fuße des Hügels, also vor den Toren der Stadt zeugen noch heute von dieser Zeit. Der Reisende nach Gubbio macht sich von dort auf einen steil aufsteigenden Fußweg durch die Stadttore in die Oberstadt. Noch heute sind an den festen Mauern die ersten Schichten der Bebauung aus uralter Zeit zu bestaunen. Auf einem Plateau erhebt sich der große mittelalterliche Palast, der Palazzo dei Consoli. Er stammt aus dem 14. Jahrhundert, war also zur Zeit des Franziskus noch nicht erbaut, ebensowenig wir das Kloster des heiligen Ubaldus, das hoch über der Stadt thront und von Besuchern heute über eine kleine Seilbahn mit Stehkörben zu erreichen ist.

Zur Zeit der Legende, also etwa 1220 war Gubbio eine große und befestigte Stadt. Und so erzählen, die „Fioretti“, die Sammlung von Franziskusgeschichten aus dem 14. Jahrhundert die folgende Begebenheit:

Etwas Wunderbares, was des rühmenden Andenkens würdig ist, geschah bei der Stadt Gubbio. Da gab es nämlich zu Lebzeiten des seligen Vaters Franz in der Umgebung der Stadt einen Wolf von schrecklicher Größe. In seinem Hunger war er von grimmiger Wildheit, und verschlang nicht nur Tiere, sondern auch Männer und Frauen, so dass sich niemand mehr getraute, unbewaffnet die Stadtmauern zu verlassen. Eine solche Panik hatte alle befallen, dass sich trotz der Waffen kaum einer sicher fühlte, wenn er über das Weichbild der Stadt hinaus gehen musste.

Es ist müßig, über die Existenz eines so furchtbaren Wolfes zu diskutieren. Forscher vermuten, es habe sich um einen gefürchteten Straßenräuber gehandelt, der die Gegend von Gubbio in Angst und Schrecken versetzte und hier in Gestalt des Wolfes erscheint. In jedem Fall ist der Wolf (wie heute auch) ein Sinnbild für eine Bedrohung. Im Mittelitalien des 13. Jahrhunderts gab es zwei solcher ständigen Bedrohungen. Zum einen lauerten in den Niederungen der Sümpfe die Mücken, die die Malaria übertrugen. Die Gefahr einer Ansteckung mit der tödlichen Krankheit war immer gegeben. Auch dies war ein Grund, weswegen man für den Bau der Städte die Ebene mied und stattdessen die Berghänge bewohnte. Der andere Grund lag in der Sicherheit. Die befestigte Stadt am oder auf dem Berg konnte schwerer eingenommen werden. Die beständigen Auseinandersetzungen und kriegerischen Handlungen bestimmten die Zeit. Über Jahrzehnte standen sich in dieser Region die streitenden Parteien der Welfen und Ghibellinen, also der Papst- und Kaisertreuen gegenüber. Mittelitalien war Grenzland zwischen dem deutschen Kaiserreich (und seinen Verbündeten) und dem Kirchenstaat. Der Wolf vor der Tür kann genauso das feindliche Heer sein, dass mit einem Mal vor der Stadt auftaucht. Die festen Stadtmauern boten Schutz vor allem: Vor Tieren, Räubern, Malaria und Soldaten.

Der selige Franz, der gerade nach Gubbio kam, empfand Mitleid mit den Leuten und beschloss, dem Wolf entgegenzutreten. Die Bürger sprachen zu ihm: “Hüte dich, Bruder Franz, über das Stadttor hinauszugehen: der Wolf, der schon viele gefressen hat, wird dich jämmerlich töten.” Der heilige Franz aber setzte seine Hoffnung auf den Herrn Jesus Christus, und so schritt er, nicht mit Schild und Helm gewappnet, sondern unter dem Schutze des heiligen Kreuzzeichens, mit einem Gefährten vor das Stadttor und ging ohne Furcht dem Wolf entgegen.

Franz von Assisi ist hier bereits als Wanderprediger unterwegs. Mit seinen Gefährten besucht er die Städte und Dörfer Umbriens. Er zeigt an dieser Stelle keine Furcht vor dem Wolf, keine Angst vor der Bedrohung. Gegen den Rat der Städter, traut er sich, die sichere Stadtmauer durch ihre Tore zu durchstreiten. Er tritt in den Raum des Zwischen, als Mittler zwischen Bedrohung und Bedrohten. Der Text spielt hier mit der Bedeutung der „Waffen“. Franziskus verzichtet auf sichtbare Rüstung, aber nicht auf die geistige. Im Epheserbrief heißt es:

„Zieht die ganze Waffenrüstung Gottes an, damit ihr zu bestehen vermögt gegen die Listen des Teufels. Denn unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Fürstentümer, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern. Deshalb nehmt die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag zu widerstehen und, nachdem ihr alles ausgerichtet habt, zu stehen vermögt. Steht nun, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit und angetan mit dem Brustharnisch der Gerechtigkeit und an den Füßen beschuht mit der Bereitschaft des Evangeliums des Friedens, indem ihr über das alles ergriffen habt den Schild des Glaubens, mit dem ihr imstande sein werdet, alle feurigen Pfeile des Bösen auszulöschen.“ (Eph 6)

Franziskus ist in diesem Sinn ein Krieger des Glaubens, des Friedens, der Wahrheit und Gerechtigkeit. Unter dem Schutz Christi tritt er nun dem Wolf entgegen. Nach dem Epheserbrief ist der geistige Kampf der gegen den Teufel und das Böse. Die Pointe der Legende wird sein, dass nicht der Wolf das Böse oder Teufel ist, sondern das, was zwischen Stadt und Wolf entstanden ist: Die Angst und Feindschaft, die die Versöhnung unmöglich gemacht hat.

Und siehe, angesichts der vielen Menschen, die von erhöhten Orten aus zuschauten, rannte der schreckliche Wolf mit offenem Rachen auf den heiligen Franz und seinen Gefährten zu. Der selige Vater aber machte über diesen das Zeichen des Kreuzes, und die göttliche Kraft, die von ihm wie von dem Gefährten ausging, zähmte den Wolf: er hielt plötzlich inne und der schaurig aufgesperrte Rachen schloss sich. Franz rief ihn her und sprach: “Komm zu mir, Bruder Wolf! Im Namen Christi befehle ich dir, weder mir noch sonst jemandem einen Harm zu tun!” Und wunderbar, auf das Kreuzzeichen hin schloss das Untier den wilden Rachen, und wie der Heilige ihm geboten, kam es gesenkten Kopfes heran und legte sich gleich einem Lamm zu seinen Füßen.

Franziskus besiegt den Wolf also mit den geistlichen Waffen. Die Anrufung Christi verweist den Wolf auf den höheren Herrn, dem er verpflichtet ist. Es ist keine weltliche Friedensstiftung, sondern eine religiöse. Wieder lässt der Text biblische Motive einfließen. Im Philipperbrief heißt es über den gestorbenen und auferstandenen Christus, dass ihm alle Macht gegeben ist:

„Er (Christus) erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Eph 2, 8-10)

Eine Kernbotschaft des Franziskus ist diese Überzeugung von der Erlösung, die durch Christus bereits geschehen ist. Damit sind ihm Menschen und alle Geschöpfe Geschwister, weil Teilhaber an dieser Erlösung. Die Anrede als „Bruder Wolf“ ist also keine nett gemeinte Höflichkeit, sondern eine theologische Überzeugung. Da wir als erlöste Geschöpfe alle gleich sind und unter dem gleichen Herrn stehen, begegnen wir einander auch nicht mehr als Fremde, sondern gewissermaßen als Familienmitglieder.

Und noch eine Anspielung ist im Text enthalten. Es ist die große Versöhnungsszene aus dem Jesajabuch: Der endzeitliche messianische Friede findet seinen Ausdruck in der friedlichen Koexistenz der Geschöpfe, also, wenn der „Wolf Schutz beim Lamm“ findet (Jes 11,6). In der Legend fallen die Gestalten des Wolfes und Lammes auf einmal zusammen. Der wilde Wolf ist gleichzeitig das zarte Lamm – der Bedrohende im Kern einer, des Schutzes bedarf.

Die Legende fährt fort:  

Wie er so vor ihm dalag, sprach der heilige Franz: “Bruder Wolf, du richtest viel Schaden in dieser Gegend an und hast schlimme Übeltaten verbrochen, da du Gottes Geschöpfe erbarmungslos umgebracht hast. Und nicht nur Tiere tötest du, sondern, was noch schlimmer ist, du wagst es, Menschen, nach Gottes Bilde geschaffen, umzubringen und zu verschlingen! Darum verdienst du, dass man dich als Räuber und bösen Mörder einem schrecklichen Tod überliefert. Alle klagen mit Recht über dich und sind dir böse, und die ganze Gegend ist dir feind. Aber jetzt, Bruder Wolf, will ich zwischen dir und den Leuten Frieden stiften. Es darf keinem mehr ein Leid von dir geschehen, und sie sollen dir alle vergangenen Missetaten erlassen, und weder Menschen noch Hunde sollen dich weiter verfolgen.”

Franziskus beginnt zwischen den Menschen von Gubbio und dem Wolf zu verhandeln. Er zeigt dem Wolf die Konsequenzen menschlicher Gerechtigkeit auf. Nach dieser hätte der Wolf den Tod verdient. Unter dem Gesetz der Gnade und angesichts der Anerkennung des Mitgeschöpfs „Mensch“ allerdings muss diese Strafe nicht vollzogen werden. Unübersehbar spielt der Text hier auf die Versöhnungsszenen des Evangeliums an. Man kann an Zachäus denken, der in der Begegnung mit Jesus seiner Schuld bewusst wird und bereit ist zur Umkehr und zu einem Ausgleich für seine Ungerechtigkeit.

Da gab der Wolf zu erkennen, dass er auf den Vorschlag einging, worauf der Heilige mit seiner Rede fortfuhr: “Weil du damit einverstanden bist, diesen Frieden zu schließen, verspreche ich dir: Ich will dir, solange du lebst, durch die Leute dieser Gegend deine tägliche Kost verschaffen. Du wirst keinen Hunger mehr leiden müssen; denn ich weiß sehr wohl, du tust alles Schlimme nur vom Hunger getrieben. Aber du musst mir versprechen, dass du nie wieder einem Tier oder Menschen ein Leid zufügst. Versprichst du das?” Der Wolf gab durch Kopfnicken deutlich zu erkennen, dass er einverstanden sei, und legte dem heiligen Franz zum Zeichen seiner Treue seine Tatze in die Hand.

Zuletzt sprach der Heilige: “Bruder Wolf, nun komm ohne Bangen mit mir zu den Häusern der Menschen, damit wir im Namen des Herrn diesen Frieden besiegeln!” Und der Wolf gehorchte und folgte dem heiligen Franz gleich einem sanften Lamme. Wie das die Leute sahen, waren sie aufs höchste verwundert und liefen alle, Männer und Frauen, Groß und Klein auf dem Marktplatz zusammen, wo sich der Heilige mit dem Wolf befand. Vor der Menge des Volkes sagte der heilige Franz: “Höret denn, meine Lieben, dieser Bruder Wolf, der vor euch steht, hat mir versprochen, dass er Frieden mit euch schließen will. Niemandem von euch wird er ein Leides tun, sofern ihr ihm versprecht, für seinen täglichen Unterhalt aufzukommen. Ich verbürge mich für Bruder Wolf, dass er den Friedensvertrag getreulich achten wird.”

Da versprachen alle Versammelten mit lautem Zuruf, sie wollten fortan den Wolf ernähren. Und der Wolf lebte noch einige Jahre und ließ sich von Tür zu Tür die Nahrung geben, ohne jemand ein Leid zu tun; und auch die Leute taten ihm nichts und fütterten ihn freundlich. Und sonderbar, nie bellte ein Hund gegen ihn. – Zu Lob und Ehren des Herrn Jesus Christus.

Den Abschluss der Legende bildet nun der eigentliche Friedensvertrag. Es war also möglich, die tiefe Feindschaft zu überwinden. Durch die Vermittlung des Franziskus kann die Rekonziliation, die Wiedereingliederung und Versöhnung erfolgen. Noch einmal sei darauf hingewiesen, dass Franziskus nicht einfach ein geschickter Diplomat ist. Seine Mission ist durch und durch geistlich grundiert. Franziskus selbst hatte als Soldat 1202 an der Schlacht von Collestrada teilgenommen, in der die Truppen aus Asissi gegen die Peruginer eine heftige Niederlage erlitten hatten. Franz hatte Glück, wurde gefangengenommen und nicht hingerichtet, verlebte allerdings einige Monate in der Folterkellern Perugias. Seine Friedensmission ist für ihn als vom Krieg gezeichneten also ein existenzielles Anliegen. Dass es dazu kam, ist die Folge seiner Bekehrung, in der er seinen Glauben neu zur Grundlage seines Handelns nahm. In einer kriegsgeschüttelten Zeit erweckt er den Gedanken der Erlösungsfähigkeit des Menschen neu. Der Krieg ist kein Schicksal, sondern kann durch ein Gut der höheren Ordnung, durch das Verstehen der Mitgeschöpflichkeit und der daraus resultierenden Nächstenliebe überwunden werden. Die Legende vom „Wolf von Gubbio“ enthält also in einer Fabel die religiöse Einsicht in Herrschaft und Vergebung, die Jesus Christus verkündet und bewegt. Franz ist das Medium, das Werkzeug, dass diesen von Gott bereits gestifteten Frieden verkörpert.

Beitragsbild: Palazzo dei Consoli, Gubbio

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