Der katholische Barock, Teil 5: Mystik, Wissenschaft und Poesie

Wenn ich an meinen Geschichtsunterricht zurückdenke, fällt mir auf, dass das 17. Jahrhundert dort kaum eine Rolle gespielt hat. Ein wenig haben wir uns mit dem 30jährigen Krieg beschäftigt und mit der Staatsform des Absolutismus. Sonst hatte uns scheinbar der Barock wenig zu sagen. Das ist, glaube ich, kein Zufall. Es gibt ein durchaus gängiges Muster, mit dem die europäische Geschichte beschrieben wird. Es ist die Geschichte der Entwicklung unserer eigenen modernen Kultur. In dieser Sichtweise wurde uns die demokratische Politik Griechenlands nahegebracht und die technische Überlegenheit die Römer. Und dann kommt das lange Mittelalter, in dem die Entwicklung zu erstarren scheint – ein Zeitalter der festen gesellschaftlichen Ordnung und der Herrschaft der Religion. Mit der Renaissance bricht dann die Moderne an. Das menschliche Subjekt tritt auf einmal in den Vordergrund. Der Kronzeuge dafür war u.a. Luther, auch wenn Luthers Vorstellung vom Menschen und von der menschlichen Freiheit wenig mit dem zu tun hat, was wir darunter verstehen. In der Renaissance befasst man sich nun wieder mit den antiken Quellen. Es entsteht eine neue, von der christlichen Religion unabhängigere Philosophie. Vor allem aber entstehen die modernen Naturwissenschaften, Mathematik und Physik, Astronomie, Chemie und Biologie. Und dann? Langsam bildet sich aus der statischen durch und durch religiösen Gesellschaft des Mittelalters die moderne Zeit heraus. Und das 17. Jahrhundert? Es passt nicht in die Vorstellung von einer sich stetig modernisierenden Zeit hinein. Wenn ich zurückschaue auf das, was ich bislang über den Barock geschrieben habe, ging es ja vor allem um religiöse Themen. Es scheint uns ein Zeitalter der theologischen Streitigkeiten zu sein, ein Zeitalter, in der die Kirche zu neuer Kraft findet, ein Zeitalter von Mystik und Gottgnadentum. Dies alles sind Dinge, die wir mit dem Begriff „modern“ eher nicht verbinden würden.

Der Soziologe Bruno Latour (1947-2022) hat davon gesprochen, dass sich das Projekt der Moderne durch zwei Grundpraktiken auszeichnet. Das eine ist die Praxis der Hybridisierung, das andere die Praxis der Reinigung.[1] Latour meint damit die Fähigkeit, auf der einen Seite die verschiedenen Erkenntnisse aus Wissenschaft, Philosophie, Religion, Technik und Alltagswissen miteinander zu verbinden, also große Synthesen des Wissens zu schaffen. Auf der anderen Seite gibt dazu die Gegenbewegung, nämlich, diese Verbindungen aufzubrechen und die Disziplinen und Erkenntnisse sorgfältig voneinander zu trennen. Beide Praktiken wechseln sich ab. Die Renaissance, so ist meine Vermutung, ist tendenziell eher eine Phase der „Reinigung“, der Barock eine Phase der Hybridisierung.    

Auch das 17. Jahrhundert ist nämlich ein Zeitalter der Wissenschaft: Galileo Galilei bestätigt das heliozentrische Weltbild, Johannes Kepler berechnet den Lauf der Planeten, Gottfried Wilhelm Leibnitz erfindet die Differential- und Integralrechnung und entwickelt das binäre Zahlensystem, Blaise Pascal erfand die ersten mechanischen Rechenmaschinen, Antoni van Leeuwenhoek schafft in der Optik die Voraussetzungen für das moderne Mikroskop, William Harvey entdeckt den menschlichen Blutkreislauf, Isaak Newton die Gravitationsgesetze. Dies alles sind Menschen des Barock. Zudem war es durch den beginnenden Welthandel und die zahlreichen Kriege zu allerhand technischen Verbesserungen gekommen. Auch die moderne Armee und Kriegsführung entstehen in dieser Zeit. In England wird Ende des 17. Jahrhunderts die konstitutionelle Monarchie und schränkt die Macht des Königs durch demokratische Prinzipien ein.

Wie Paolo Rossi in einem Beitrag gezeigt hat, dürfen wir die Wissenschaftler der damaligen Zeit allerdings nicht mit unseren heutigen Vorstellungen betrachten.[2] Eine „reine“ Wissenschaft ist damals selten. Die großen Wissenschaftler des 17. Jahrhunderts sind häufig in mehreren Disziplinen zu Hause. Leibnitz wurde auch als Philosoph, Jurist und Sprachwissenschaftler bekannt. Galileo bemühte sich um einen Lehrstuhl als Philosoph. Newton beschäftigte sich neben der Physik ausführlich mit der Alchimie und der Bibelforschung. Pascal war ein tief religiöser Katholik und ist auch als Philosoph bekannt geworden. Harvey war nicht nur Mediziner und Biologe, sondern zugleich ein berühmter Altphilologe. Kepler war auch als Astrologe tätig und erstellte Horoskope, zudem bemühte er sich einen eigenen theologischen Ansatz.

Die Wissenschaft, die auch häufig in Diensten von Fürstenhäusern stand, grenzte sich in ihren Disziplinen längst nicht so stark ab, wie dies heute der Fall ist. Mathematik, Astronomie, Biologie und Technik ließen sich problemlos mit dem Studium antiker Texte, mit Theologie und Philosophie verbinden, ebenso mit Alchimie und Astrologie. Die Wissenschaft ist ein Ganzes, ein Hybrid. Erst spätere Zeitalter werden im Zuge einer „Reinigung“ strenge Grenzen zwischen den Disziplinen ziehen. Auch Kunst und Technik hängen miteinander zusammen. Rubens beispielweise war nicht nur ein guter „Handwerker“, sondern zugleich ein überaus gebildeter Mann. In seine Malerei fließen profunde Kenntnisse der Anatomie und Seelenkunde ein. Er studierte gewissenhaft die Antike, die Theologie und die christlichen Quellen. Die Idee, dass die Kunst ein reiner individueller Ausdruck sei, der sich von der Technik lösen könne, ist sowieso verhältnismäßig neu.  

Bruno Latour geht in seinem Essay davon aus, dass die religiöse Frage auch in der Moderne immer noch eine wichtige Rolle spielt. Die Erzählung, modern sei, wenn Natur, Gesellschaft und Religion strikt voneinander getrennt würden, ist seiner Ansicht nach so nicht richtig. Als ein Kennzeichen der Moderne macht Latour allerdings aus, dass der allgegenwärtige Einfluss der Religion als „Leseschlüssel des Lebens insgesamt“ etwas zurückgeht. Vielmehr hatte, wie gesehen, nicht nur die Neuauflage der antiken Quellen, sondern gerade die „Entdeckung“ neuer Kontinente und astronomischer Zusammenhänge, die Herausforderung durch den Islam und die innerchristlichen Konflikte ein homogenes christliches Weltbild zunehmend unmöglich gemacht. Zudem ist die Bewusstwerdung der Bedeutung des menschlichen Individuums, wie es beispielsweise in dieser Zeit bei Rene Descartes geschieht, eine Herausforderung an Theologie und Frömmigkeit. Das Thema „Menschliche Freiheit und göttliche Bestimmung“ war das theologische Überthema des 16. und 17. Jahrhunderts. Aus diesem „modernen“ Selbstbild de Menschen entstanden dann die geistlichen Bewegungen, die das Christentum auf eine neue Weise definierten.  

Latour spricht davon, dass sich die Gottesfrage zunehmend an die Ränder der Existenz verlagert.[3] Gott wird so immer mehr zum Garanten des „Großen und Ganzen“, zum unsichtbaren Schöpfer und Erhalter, der durch seinen „Rückzug“ der Freiheit des Menschen und der Naturgesetze Raum schafft. Zum anderen wirkt Gott aber intensiv im Kleinen, also im Leben jedes Menschen. Die persönliche Gottesbeziehung, das Bemühen um ein gottgefälliges Leben spielen, wie bereits gesehen eine sehr große Rolle in der barocken Frömmigkeit.

Man könnte die Barockzeit so lesen, dass in ihr (vielleicht zum letzten Mal) eine große Synthese versucht wird, in der Theologie, Wissenschaft, Kunst und Mystik zu einer Einheit verbunden sind. Ich möchte im Folgenden versuchen, diesen „synthetischen“ Ansatz an drei Barockbiografien zu illustrieren.

Niels Stensen (1638-1686)

Niels Stensen wurde in Kopenhagen geboren und dort lutherisch getauft. Er erhält eine gediegene klassische Schulbildung und nimmt im Alter von 18 Jahren das Medizinstudium in Kopenhagen auf. Bereits als Student bereist er halb Europa, bildet sich fort und hält selbst Vorträge. Er spricht mehrere Sprachen. Zunächst forscht Stensen auf dem Gebiet der Anatomie. Seine wissenschaftlichen Sektionen und die daraus entstehenden Lehrveranstaltungen werden bald berühmt. Stensen schreibt seine Doktorarbeit über den von ihm entdeckten Ausführungsgang der Ohrspeicheldrüse (heute noch „Stensen-Gang“ genannt). 1663 weist er in einer Veröffentlichung nach, dass das menschliche Herz ein Muskel ist. Stensen lehrt zunächst in Paris. Auf einer Italienreise macht er die Bekanntschaft von Fürst Ferdinand II. Medici. Dieser stellt ihn als Leibarzt ein und finanziert seine weiteren Forschungstätigkeiten. Stensen erweitert im Sinne der universalen Wissenschaft seine Wissensgebiete und leistet bahnbrechende Entdeckungen auf dem Gebiet der Geologie und Mineralogie. Unter anderem ist er einer der ersten Vertreter der Urmeertheorie, indem er Versteinerungen als Relikte von Meeresbewohnern identifiziert.

Zugleich ist Florenz der Ort einer inneren Veränderung. Wohl maßgeblich unter dem Einfluss frommer Damen-Zirkel in Florenz nähert sich der Forscher dem katholischen Glauben an. Beim Besuch der Fronleichnamsprozession in Livorno im Jahr 1666 hat er sein Bekehrungserlebnis, in dem er für sich die Wahrheit der Lehre von der Wesensverwandlung (Transsubstatiation) erkennt. Ein Jahr später konvertiert Stensen offiziell zum katholischen Glauben und intensiviert sein Gebetsleben. Zugleich verfasst er erste theologische Schriften. Der naturwissenschaftlichen Forschung bleibt er treu. Er geht noch einmal nach Kopenhagen und wird Professor für Anatomie an der dortigen Universität, kehrt aber nach zwei Jahren nach Florenz zurück und bittet den dortigen Bischof um die Priesterweihe. Ab 1675 ist er am Hof der Medici nicht nur Arzt, sondern zugleich auch Beichtvater und Hauskaplan. 1677 bittet der zum katholischen Glauben konvertierte Herzog Johann Friedrich von Hannover um die Entsendung Stensen nach Norddeutschland. In Rom wird Stensen daraufhin zum Bischof geweiht und als päpstlicher Gesandter und apostolischer Vikar für die versprengten Katholiken in Norddeutschland und Skandinavien nach Hannover geschickt. Weitere Stationen sind später Münster und Hamburg. 1685 folgte Stensen einer Einladung des Herzogs von Mecklenburg und kommt als Seelsorger nach Schwerin. Dort stirbt er 1686.

Die Biografie Stensens ist aus heutiger Sicht äußerst ungewöhnlich. Sie verbindet die Rolle des nüchternen Naturforschers, der in mehreren Disziplinen erfolgreich ist mit der des frommen Priesters und Seelsorgers. Liest man in Stensens geistlichen Schriften, zeigt sich das Bild eines devoten Christen. Ganz im Geist seiner Zeit ist seine Frömmigkeit von einer tiefen Christusmystik geprägt. Genaugenommen wird das ganze Leben zu einer Meditation des Lebens und Sterbens Christi.[4] Christus soll durch das Leben des Menschen hindurch wirken und wirksam sein. Stensen, der in zeitgenössischen Beschreibungen als ein äußerst bescheidener und asketischer Charakter geschildert wird, verkörpert das Ideal eines mystischen Christen, der ganz in seiner Berufung aufgeht. Auch wenn er kein Jesuit ist, sind die Grundlagen der ignatianischen Spiritualität bei ihm in fast extremer Weise zu finden. Dazu gehört die beständige Betrachtung des Lebens Jesu, die Suche nach der eigenen Berufung (des Wirkens Gottes im eigenen Leben) und auch die Unterscheidung der Geister. In einer eigenen Schrift widmet er sich diesem Gegenstand.[5] Das Wirken des „bösen Geistes“ erkennt Stensen darin vor allem in den Versuchungen, das Leben aus eigener Kraft gestalten zu wollen und nach irdischer Anerkennung, nach Reichtum und Ansehen zu streben. Der „gute Geist“ führt aus der Eigenliebe hinaus in die Liebe Gottes und des Nächsten. „Mit dem Geist auf Gott vertrauend, verrichte man die Tätigkeiten in seinem Dienste, und man neige sich, mit gleicher Ehre Gottes dazu, die eigenen Dinge zu genießen, die den Menschen eher missfallen“. Das Leben wird so zu einer Mitwirkung an der angestrebten Vereinigung mit Gott.[6]  

An Stensen lässt sich die barocke Bewegung der Rolle Gottes gut erkennen. Zum einen rückt Gott hinein in das Große und Ganze und lässt so dem Menschen den Freiraum für sein Leben, aber eben auch die Betrachtung der Welt. Die Naturforschung nimmt eben die Dinge nicht als gottgegeben hin, sondern versucht, sie auf rationale Weise zu verstehen und zu ordnen. Zugleich rückt Gott als innerliche Kraft, als mystischer Bezugspunkt an eine zentrale Stelle, indem er die Führung der Seelen- und Verstandeskräfte übernehmen soll. Mystik und Forschung, Glaube und Wissenschaft sind auf diese Weise keinen getrennten Sphären, sondern bilden ein hybrides Ganzes.

Juana Inés de la Cruz (1648-1695)

Besonders für das Ordensleben war der Barock eine Blütezeit, wenn auch keine ungetrübte. Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, bemühten sich viele Ordensgemeinschaften ab dem 16. Jahrhundert um eine geistliche Reform. Neben dem Entstehen von Ordensgemeinschaften mit apostolischer Ausrichtung (Schulen, Krankenpflege) hatte die Zeit einen großen Einfluss auf die „beschaulichen“ Orden, also jene, die in Klausur lebten und sich vorrangig dem Gebetsleben widmeten.[7] Besonders wirksam wurde bei den Frauenorden die Reform der Karmelitinnen, die von Teresa von Avila (1515-1582) angestoßen wurde. Die reformierten Ordenszweige zeichneten sich durch eine größere Strenge aus. Die Nonnen lebten zunehmend abgeschieden in ihren Klöstern, waren sprichwörtlich „der Welt gestorben“ oder pflegten auch durch zunehmend strengere kirchliche Regelungen nur einen minimalen Kontakt zur Außenwelt. Der Tagesinhalt bestand in Gebet und Betrachtung, sowie in der täglichen Arbeit (vor allem Handarbeiten, Herstellung von Backwaren und anderen Speisen, sowie Salben und Arzneien). Es gab teilweise die Praxis der strengen Bußübungen, zugleich aber auch des Studiums und der Poesie. In diesem besonderen Klima der geistlichen Abgeschiedenheit etablierte sich eine Form der innigen Spiritualität und geistlichen Dichtkunst. Es ist eine Zeit, in der mystische Erfahrungen und fromme Extasen eine Rolle spielen, ebenso wie harte Askese und Exorzismen. Die Ordensschwestern waren gesellschaftlich hochgeachtet. Ordensfrauen wirkten als geistliche Ratgeberinnen oder Seelenführerinnen. Die Frauen kamen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Die Klöster rekrutierten auch aus dem Adel und der Schicht der Gelehrten.

So finden sich in der Barockzeit in den Frauenklöstern zahlreiche besondere Persönlichkeiten. Ein Beispiel ist Schwester Juana Inés de la Cruz.[8] Sie wurde 1648 als uneheliches Kind eines spanischen Handelskapitäns und einer Kreolin (Tochter eines Spaniers und einer Ureinwohnerin) in Mexico geboren. Juana war die jüngste von drei Geschwistern und wuchs bei ihrem Großvater Pedro Ramirez auf, der sich früh um eine gute Ausbildung für seine Enkelin bemühte. Bereits mit acht Jahren schickte man sie, als Junge verkleidet, an die Universität. Früh las sie die Bücher ihres Großvaters und lernte Latein. 1665 wurde Juana Hofdame der Vizekönigin im heutigen Mexico City, wo sie wegen ihrer Bildung und ihrer Schönheit große Beachtung fand.

Kurz vor ihrem 19. Geburtstag trat sie in das Kloster des Heiligen Hieronymus der Unbeschuhten Karmelitinnen an. Grund für ihren Ordenseintritt war möglicherweise eine fehlende Mitgift, die ihr eine standesgemäße Heirat versagte. Im Kloster setzte Juana den schon vorher eingeschlagenen Weg der Literatur und Wissenschaft fort. Sie widmete ihre freie Zeit dem Schreiben und dem Studium. Schwester Juana besaß eine umfangreiche Bibliothek mit geistes- und naturwissenschaftlichen Werken, kannte die antiken Mythen und Sagen und die theologischen Grundlagen. Sie spielte mehrere Musikinstrumente. Im Kloster empfing Juana Inés viele Besucher und pflegte zahlreiche briefliche Kontakte. Sie gilt als eine der produktivsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Bereits 1689 wurde in Madrid ein erster Sammelband mit ihren Schriften gedruckt, vor allem Gedichten, in denen sie sowohl geistliche wie auch weltliche Inhalte verarbeitete. Sie schrieb aber auch Theaterstücke. Schwester Juana Inés galt ihren Zeitgenossen als herausragende Stimme der Neuen Welt und als „zehnte Muse“.

Unter dem neuen Erzbischof von Mexico Stadt wurden um das Jahr 1690 die Regeln für die Frauenklöster verschärft. Juana Inés legte ein feierliches Gelübde ab, nicht mehr zu schreiben und verkaufte schließlich ihre Bibliothek für wohltätige Zwecke. Im Kloster kümmerte sie sich als Pflegerin um die alten und kranken Mitschwestern. Schwester Juana Inés starb im Krankendienst während einer Epidemie am 17. April 1695 mit 47 Jahren in Mexico City.

Im Leben von Schwester Juana Inés de la Cruz spiegelt sich die Barockzeit in besonderer Weise. Sie lebte in einer Standesgesellschaft. Der Eintritt in den Orden bot ihr die Möglichkeit zur vertieften geistigen Betätigung. Zugleich schränkte das strenge Ordensleben ihr Leben ein und band es einen festen Ort und feste Regeln. Bei ihr begegnen wir wieder der barocken Symbiose von religiösem Gehorsam und freier Betätigung, von Mystik und Wissenschaft, radikaler Weltentsagung und zugleich Weltgewandtheit. Als Schriftstellerin ist sie bis heute in Mexico und Spanien bekannt. Ihr Bild ist etwa auf einer mexikanischen Banknote bis heute zu sehen.

Juanas Dichtkunst zeigt eine besondere Symbiose aus geistlichen, mythologischen, zuweilen auch esoterischen Motiven, die sie mit existenziellen Erfahrungen und aktuellem Zeitgeschehen zu verbinden wusste. Als ein Beispiel möchte ich ein Gedicht aus dem Jahr 1676 wiedergeben. Es trägt den Titel „Über die Heiligste Maria“[9]:

„Jene Frau mit dem ruhigen Blick, der den Wald verzaubert und den Himmel neidisch macht /  die den Herrscher des mächtigen Feuers mit einem einzigen Blick verwundet  und an der Haarsträhne festhält / die, deren Geliebter eine Zeitlang wie Myrrhe war und an deren weißen Brüsten er Wohnung fand / die als prächtigen Schmuck ihre Reinheit preist, deren Haus nach Zitronen duftet und deren Bett mit Blumen geschmückt ist / die sich rühmte, dass ihre dunkle Haut durch phoebische Strahlen leuchteten / die, die für ihren Bräutigam mit liebender Leidenschaft durch die Täler streifte und über Hügel sprang / sie, mit sanfter Stimme, von deren schönen Lippen Honigwaben verströmen und Milch und Honig fließen  / die mit inniger Sehnsucht fragte, wo ihr Bräutigam seine Lämmer weidet / die ihren Geliebter frei und zärtlich mit süßen Komplimenten aus dem Libanon ruft / Um die Arme des Geliebten zu genießen, tauscht sie das sumpfige Tal mit dem hohen Berg. / Die heiligen Hirten des ewigen Olymps singen ihnen das Fest mit süßem Klang / aber die im Tale, ihre Flucht verfolgend sagen eilig in verworrenen Echos: / Zum Berg, zum Berg auf den Gipfel / lauft, fliegt, Freunde, / denn Maria fährt in die Lüfte / Lauft, lauft, fliegt schnell, schnell / sie nimmt mit sich unsere Seelen und unser Leben / und aufsteigend trägt sie unseren Reichtum in sich / und lässt uns ohne Schätze zurück.“

Das Gedicht kreist um die Liebe zwischen einer Frau und ihrem Bräutigam. Juana Inés verwendet die Bilder des alttestamentlichen Hohenlieds, um das Verhältnis Mariens zu Jesus zu beschreiben. Zahlreiche Motive sind dieser biblischen Schrift entnommen (z.B. die dunkle Haut der Geliebten, Honig und Milch als Ausdruck der Schönheit der Geliebten, Myrrhe als Beschreibung des Duftes der Geliebten). Juana verwendet sie frei. So ist das „durch die Täler schweifen und über die Hügel springen“ im Hohenlied eigentlich über den Bräutigam geschrieben, der die Braut sucht. Zudem arbeitet die Dichterinnen klassische antike Verweise mit ein. „Phoebe“ steht hier als antike Göttin für das Mondlicht, die „Hirten des ewigen Olymp“ sind hier nicht die Götter, sondern die Engel. Die metaphorische Übertragung der Liebeslyrik auf Christus und Maria bzw. die Kirche hat eine lange Tradition. Maria changiert zwischen ihrer Rolle als Mutter und Braut. Zugleich bietet das Gedicht die Möglichkeit zur Identifikation mit der Braut und steht für die sehnsüchtig suchende Seele des Menschen, der nach der innigen Vereinigung mit Gott strebt. Die Liebesszene löst sich auf in das Ereignis der Himmelfahrt Mariens, die nun die Erde, „das tiefe Tal“ mit dem Himmel tauscht. In ihrer Himmelfahrt führt sie „die Herzen und Seelen“ der Menschen mit, ist also Vorausbild der mit Gott vereinigten Seele und der Erlösung des Menschen.   

Athanasius Kircher (1602-1680)

In der Bibliothek von Schwester Juana Inés befanden sich auch die Werke des Jesuiten Athanasius Kircher. Wenn wir uns das barocke Wissenschaftskonzept als ein Bemühen um ein hybrides Gesamt vorstellen, dann ist Kirchers Werk sicherlich der Höhepunkt einer ganzen Epoche. Eine aktuelle Biografie trägt den sprechenden Titel „Athanasius Kircher – Der letzte Mensch, der alles wusste“. Das ist natürlich auch etwas ironisch gemeint. Heutzutage gilt Kircher als seltsam und schrullig und viele seiner wissenschaftliche Erkenntnisse sind längst widerlegt. Trotzdem lohnt sich der zumindest kurze Blick auf sein Leben und Werk sehr.[10]

Kirchers Biografie ist so reich und voller Abenteuer, dass man meinen könnte, sie sei erfunden worden. Es ist auf jeden Fall erstaunlich, wieviel in ein Leben hineinpassen kann. Athanasius Kircher wurde 1602 in Geisa in der Rhön geboren. Sein Vater Johann war ein Gelehrter, unterrichtete die Benediktinermönche im nahegelegenen Heiligenstadt. Er besaß eine große Bibliothek und ließ Athanasius, dem jüngsten von neun Geschwistern eine gute Ausbildung an der Jesuitenschule in Fulda zukommen. Zusätzlich erhielt der Sohn Hebräischunterricht von einem Rabbiner. Es wird erzählt, dass Athanasius bei Unfällen und Krankheiten viermal dem Tod nur knapp entkommen sei. Nach der Schulzeit trat er in Paderborn in den Jesuitenorden ein.

Es war die Zeit des 30jährigen Kriegs und der harten Religionsauseinandersetzungen. Kaum hatte Kircher mit dem Philosophiestudium begonnen, musste er aus Paderborn fliehen, weil protestantische Truppen des Braunschweiger Herzogs die Stadt einzunehmen drohten. Mitten im klirrenden Winter gelang eine abenteuerliche Flucht nach Köln, das er durch den Rhein schwimmend erreichte, nachdem die Eisdecke unter den Füßen der Flüchtenden zusammengebrochen war. In Köln schloss Kircher die philosophischen Studien ab, kam 1623 als Lehrer für die Humanwissenschaften und Griechisch nach Koblenz. Von dort machte er sich wieder auf den Weg nach Heiligenstadt, durchquerte dabei protestantisches Territorium und entging, nachdem ein Trupp Soldaten auf ihn aufmerksam geworden war, nur knapp dem Lynchmord. In Heiligenstadt unterrichtete er Mathematik, Hebräisch und Syrisch und entwickelte seine Fähigkeiten in der Feuerwerkskunst im Bau mechanischer Apparate. Seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung befasste sich mit dem Magnetismus, eine weitere mit den Sonnenflecken.

1628 empfing Athanasius Kircher die Priesterweihe und wurde nach Speyer versetzt. Hier begann er, sich mit den antiken ägyptischen Bauten und den Hieroglyphen zu befassen. 1631 eroberten schwedische Truppen die Gegend und Kircher bat um Entsendung nach Frankreich. Dort setze er in Avignon seiner Altertumsforschungen fort und war wiederum als Lehrer tätig – für Mathematik, Philosophie und altorientalische Sprachen. Kurze Zeit später bestellte ihn der deutsche Kaiser als Nachfolger von Johannes Keppler zum Hofastronomen nach Wien. Kircher sollte dort nie ankommen. Da Deutschland während des Kriegs für die lange Reise zu unsicher geworden war, wählte man die Route über Italien, erlitt im Mittelmeer zweimal fast Schiffbruch. Das Schiff landete schließlich weitab seiner ursprünglichen Route in Mittelitalien. So machte sich Kircher auf den Weg nach Rom und blieb dort bis zu seinem Tod 1680.

Kircher wurde Professor am Römischen Kolleg der Jesuiten und widmete sich vor allem der Hieroglyphenforschung. Forschungsreisen führten ihn nach Süditalien, wo er zwei Vulkanausbrüchen und einem Erdbeben entkam. Sein unbändiger Wissenshunger ließ ihn nun auch die Zoologie und Pflanzenkunde erforschen, den Vulkanismus und andere geologische Gegenstände, ferner die Geschichte des Christentums und natürlich die Bibel. Zahlreiche Veröffentlichungen erschienen. Gegen Ende seines Lebens plante Kircher ein eigenes Museum in Rom, das eines der ersten öffentlichen Museen der Welt wurde. Kircher ließ hier Altertümer zeigen, aber auch mechanische Apparate, um physikalische Phänomene darzustellen. Die letzten Jahre gab Kircher im Sinne seines Ordens vor allem geistliche Exerzitien. Er wurde 1680 in Il Gesú beigesetzt.

Athansius Kircher galt als großer Kenner der Barockmusik, also der Musik seiner Zeit, als Vater der Geologie, als einer der ersten, der über Keime geforscht hat. Er entwarf die Laterna magica und war einer der ersten Übersetzer der altägyptischen Inschriften. Er erstellte Karten des antiken Babylon und erfand eigene Symbolsprachen.

Was in einer solchen Zusammenstellung als Sammlung kurioser Forschungsfelder erscheint, hat allerdings einen tieferen Sinn. Kircher war davon überzeugt, dass das gesamte Weltwissen miteinander zusammenhänge. Sein Interesse galt den Ursprüngen und Ursachen. So war die Beschäftigung mit Ägypten keine reine Liebhaberei. Vielmehr galt Ägypten als eine Art Urzivilisation, die der Urweisheit und damit der Schöpfung am zeitlich nähesten lag. Kircher hoffte, in Verbindung mit der Bibel und alten griechischen Schriften mehr über diese Urweisheit zu erfahren. Die Welt ist in Kirchers Gedankenwelt als Schöpfung Gottes ein Ganzes, so etwas wie ein Urkunstwerk. Sie erscheint uns in den vielfältigen Phänomenen. Kirchers Hoffnung war es, in der Bündelung des Wissens über diese Phänomene der ursprünglichen Einheit näher zu kommen – heute würden wir vielleicht von der Findung der Weltformel sprechen. Daher nutzte er alle ihm zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methoden und Disziplinen, von der Mathematik, Astronomie, Physik, Geologie und Biologie, über die Geschichtswissenschaften, die Antikenforschung und Bibelkunde bis hin zu Philosophie und Theologie. Die Geschichte der Welt, ihre Entfaltung in Natur und menschlichen Kulturleistungen sah Kircher als Hilfe auf dem Weg der endzeitlichen Vollendung der Schöpfung. Er ordnete damit alle Erkenntnis einem theologischen Programm unter. In dieser Vermischung von Glauben und Wissenschaft, in der maximalen Hybridisierung, so könnte man sagen, spiegelt sich der uns so ferne barocke Ansatz des Weltwissens in einer besonders ausgeprägten Form. Kircher, aber auch einige Zeitgenossen, die ein ähnliches Wissenschaftsprogramm verfolgten, waren darin in ihrer Zeit von herausragender Modernität, aus unserer Sicht aber äußerst unmodern.

Zum Abschluss

Am Beginn dieser kleinen Einführung in die Welt des Barock standen exemplarisch drei Prinzipien des geistlichen Weges von Ignatius von Loyola. Sie können ein Leitfaden zum Verstehen einer geheimnisvollen Epoche dienen:

  1. Das Schauen ist wichtig. In der Betrachtung geht es um mehr als ein bloßen „angucken“. Das Schauen, die sinnliche Erfahrung, soll den Menschen innerlich bewegen. Der „Schauraum“, das „Theater“ wird so im Barock zu einer zentralen Institution. Innerhalb des Schauraums haben das Verstehen, vor allem aber die Gefühle und Regungen des Menschen ihren Ort. Die ganze Welt kann als Theater verstanden werden, auf dem sich das menschliche Leben entfaltet. Der Kirchenraum wird zum Schauraum, zum Anschauungsort der Vermittlung der göttlichen Gnade. Das „Schauen ins Äußere“ wird begleitet von einem „Schauen ins Innere“, von einem Lernen, Verstehen und einer geistlichen Suche.
  2. Weltliches und Geistiges, Leben und Glaube sind nicht voneinander getrennt. Beide Sphären des Natürlichen und des Über-Natürlichen greifen ineinander. Die Barockzeit liebt die „Hybriden“. Dem Sichtbaren wird ein unsichtbarer Sinn zugemessen. Die emblematische Natur der Dinge verweist immer auch auf ein höheres Ziel hin. Mit dieser Methode arbeiten die großen Künstler. Die Bilder eines Rubens oder die Lyrik einer Schwester Juana wollen auf ein „Ewiges“ hin entschlüsselt werden. Wissenschaft und Glaube sind nicht voneinander getrennt. Die großen Synthesen eines Stensen oder Kircher weisen in diese Richtung. Im Kern dient auch die Wissenschaft einem höheren, heilsgeschichtlichen Ziel. Die Entschlüsselung der Natur offenbart immer zugleich auch die Größe des Schöpfers.
  3. Nicht alles ist, wie es scheint. Zwischen eindeutig Gutem und eindeutig Schlechtem gibt es einen Zwischenraum. In diesem „Zwischenraum“ müssen die Geister unterschieden werden. Diese Unterscheidung ist das innere Kampfgebiet des Menschen mit sich selbst. Die Suche nach der eigenen Berufung spielt dabei eine besondere Rolle, die immer wieder zu geschehende Ausrichtung auf Gott hin. Der Barock neigt dabei zu großen Gesten und Gefühlen, zu Extase und Übertreibung. Er meint es dabei aber sehr ernst. Aus dem Geist des Unterscheidens stammt vielleicht auch der große Wissensdurst der Epoche. Man muss die Dinge verstehen und deuten lernen. Das Große und Ganze Gottes bricht sich in der Vielfalt der Erscheinungen. Zugleich offenbart es sich in der Herzmitte des Menschen.

Beitragsbild: Juana Inés de la Cruz, Ausschnitt aus einem Gemälde im Museum für mexikanische Geschichte, Mexico City.


[1] Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen, Frankfurt 2008, 19.

[2] Paolo Rossi, Der Wissenschaftler, in: Der Mensch des Barock, a.A.o., 264-295.

[3] Latour, 47ff.

[4] Niels Stensen, Geistliche Übungen für die tägliche Praxis. Ich habe den Text vor einiger Zeit einmal aus dem Italienischen übersetzt und hier zugänglich gemacht: Niels Stensen: Geistliche Übungen – Sensus fidei

[5] Niels Stensen, Vom guten und bösen Geist und seinen Erscheinungsformen, in: Niels Stensen – Geistliche Werke, St. Ottilien 2012, 64-68, das Zitat auf S. 68.

[6] Niels Stensen, Wie man die Einheit mit Gott erlangt, in: Geistliche Werke, 58-63.

[7] Zum Ordensleben der Barockzeit: Mario Rosa, Die Ordensschwester, in: Der Mensch des Barock, a.A.o., , 181-232.

[8] Zum Lebenslauf Juanas: Rosa, 201-205; Antonio Castro Leal, Noticia biográfica in: Sor Ines de la Cruz, Poesía, Teatro y Prosa, Mexico City, 2026 (1944), XXI-XXIII.

[9] Das Gedicht ist entnommen: Sor Juana Inés de la Cruz, 67f. Ich habe mich um eine hoffentlich halbwegs gelungene Übersetzung bemüht.

[10] Ich beziehe mich in den folgenden Ausführungen auf: Joscelyn Godwin, Athanasius Kircher’s Theatre of the world; Anne Eusterschulte, Wissenskunst im Barock. Athanasius Kirchers Konzept barocker Wissenschaft in: Barock 2017, a.A.o., 331-365.

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