Autokorrektur

Vor ein paar Tagen blätterte, oder besser „scrollte“ ich am Handy durch meinen digitalen Kalender. Ich wollte kurz schauen, auf welche Termine ich mich in den nächsten Tagen einstellen sollte. Da stieß ich auf einen merkwürdigen Eintrag. Da stand: „Mittwoch, 16. September, 12.30 Uhr Mittagessen am Dom“. Ich überlegte. Mit wem hatte ich mich zum Mittagessen verabredet und warum am Dom? Ich ging in Gedanken noch einmal durch, mit wem ich die letzten Tage gesprochen oder geschrieben habe, überprüfte meine Mails und SMS und fand nichts.

Es hat tatsächlich eine ganze Weile gedauert, bis ich den Fehler bemerkt habe. Sie kennen diesen Fehler bestimmt. Dieser Fehler heißt „Autokorrektur“. Sie schreiben etwas in ihr Handy und das Programm korrigiert, was sie geschrieben haben. Meist geschieht das, wenn das Programm das Wort, das man eigentlich schreiben möchte, nicht kennt. In meinem Fall hatte der Dompfarrer mich gebeten, am 16. September die Mittagsmesse im Dom zu übernehmen. Daraus war in der Autokorrektur dann halt „Mittagessen“ geworden. So etwas geschieht häufiger. Normalerweise ist die Autokorrektur ein ganz gutes Hilfsmittel, aber manchmal – und gar nicht so selten – wird die Korrektur auch falsch und produziert dann einfach Unsinn.

Sie finden im Internet zahlreiche Anweisungen zur Autokorrektur. Dieses Mal nicht in einem technischen, sondern in einem menschlichen Sinn. „Vermeiden Sie in der Kommunikation die folgenden Fehler“, „Setzen Sie mit Ihrer Körpersprache bewusst Signale“, „Mit folgenden Sätzen können Sie am besten Konflikte vermeiden“. Sie kennen solche Videos von Coaches und Beratern vielleicht. Sie behaupten, dass es möglich ist, sich selbst eine Art Autokorrektur zu internalisieren. Dazu gehört die richtige Anleitung, etwas Disziplin und Übung und schon können wir Fehler und Schwächen in unserer eigenen Persönlichkeit vermeiden.

Es gibt Felder, in denen solche antrainierten Korrekturen hilfreich sein können. Man findet sie im Geschäftsleben, bei Vorstellungsgesprächen, in der Politik und Diplomatie, in der Pädagogik. Die Autokorrektur bewirkt dort eine internalisierte Selbstkontrolle, die eine möglichst reibungslose Kommunikation ermöglicht. Die Gefahr ist aber, wie bei der technischen Autokorrektur, dass ein solches erlerntes Programm zuweilen großen Unsinn erzeugt.

Ich kenne das von mir selbst. Ich will ein kleines Beispiel geben. Ich war als Schülervertreter zur Schulkonferenz eingeladen. Ich hatte ein Anliegen aus der Schülerschaft, das ich bei dieser Gelegenheit vorbringen sollte. Es war ein Anliegen, das wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Also überlegte ich, was ich bei der Konferenz sagen sollte. Wie würde ich Aussicht auf Erfolg haben? Ich hatte gelernt, dass man Anliegen gut begründen muss. Als ich dann zu Wort kam, bemühte ich mich um eine ausführliche und detailreiche Darstellung. Während ich redete, merkte ich schon, dass die Aufmerksamkeit für mein Thema schwand. Ich korrigierte mich und begann, noch mehr zu reden, noch mehr Argumente zu finden. Und irgendwann merkte ich: Ich habe schon sehr lange geredet und ich kriegte meine Gedanken nicht zu Ende. Wohlwollen und Geduld mit mir waren im Rahmen der Konferenz aufgebraucht. Die Wahrheit war: Ich hatte versucht, die Anwesenden totzuquatschen, ihnen durch meinen langen Sermon die Möglichkeit zu nehmen, mein Anliegen abzulehnen. Sie lehnten es dann ohnehin ab. Mein Auftritt hatte eher dazu geführt, dass dieses Anliegen so unsympathisch präsentiert wurde, dass man sich ohnehin nicht mehr damit befassen wollte. Falsche Autokorrektur.

Dieser Fall ist vielleicht typisch. Ich beobachte das häufig. Menschen haben mit sich oder mit anderen ein Problem, analysieren das für sich und entwickeln eine Strategie. Und wenn das nicht hilft, verstärken sie diese Strategie – meist mit der Folge, dass es nicht besser, sondern schlechter wird.

Damals bei der Schulkonferenz war ich auf die Teilnehmer erstmal sauer. Sie hatten mich abblitzen lassen. Muss wohl an ihrem bösen Willen gelegen haben. Es hat eine Weile gebraucht und jemand anderen, der mir gesagt hat: „Du redest zu viel“. Und als er mir das gesagt hat, war ich wütend auf ihn. Dabei hat er eine schlichte Wahrheit ausgesprochen, die mich weitergeführt hätte.

Im Evangelium spricht Jesus über eine Korrekturschleife. Wie gelingt es, meine gestörten Beziehungen, meine Fehlhaltungen, mein falsches Verhalten, meine Sünde zu überwinden? Nicht allein mit Autokorrektur. Du brauchst jemanden, der dir die Wahrheit über dich sagt. Das kann er ja auch auf eine gute Art tun. Und wenn ich glaube, dass er etwas Schlechtes über mich sagt, schlicht, weil er mich nicht mag, oder eigene Ziele verfolgt oder mich fertigmachen möchte, dann braucht es das Zeugnis noch weitere Leute. Und wenn die sich einig sind, müsste ich mich ändern. Aber ich kann natürlich vermuten, dass auch die anderen mit etwas Übles wollen, sich gegen mich verschworen haben oder was auch immer. Deshalb braucht es eine dritte Instanz.

Wenn Jesus darauf verweist, dass er unter uns ist, zeigt er sich als die Instanz der Wahrheit und der Liebe. Wo die Menschen im Glauben an ihn und unter dem Anspruch der Wahrheit und Liebe zusammenkommen, ist er unter ihnen wirksam. Das ist zumindest der Anspruch. Die Korrekturschleife ist in Wirklichkeit eine dreifache: Mein eigenes Tun für mich bedenken, das Zeugnis der anderen zu hören und schließlich das Gehörte auf der Grundlage des göttlichen Wortes zu reflektieren.

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, so sagt es Jesus im Johannesevangelium (Joh 14,6). Der Weg zeigt die richtige Richtung, die Wahrheit ist der Gradmesser für deine Entscheidungen, dein Tun und Denken. Das Leben ist ein gelingendes Leben, dass sich befreit weiß und geliebt.

In dieser Heiligen Messe sind wir mehr als nur die beschriebenen zwei oder drei. Diese Feier versammelt uns um das Wort und die Gegenwart Jesu. Jeder von uns mit seinen eigenen Fragen, Konflikten, Fehlern, mit dem was ihn und sie in dieser Zeit beschäftigt. Wir stellen dies unter den Anspruch der Liebe und Wahrheit.

Wir tun das jetzt, an diesem Sonntag. Und wenn Sie möchten und mein Kalender richtig liegt das nächste Mal am Mittwoch, 16. September um 12.30 Uhr zur Mittagsmesse im Dom – und wahrscheinlich gibt es danach auch Mittagessen.     

Hinterlasse einen Kommentar