In der Strömung

„Grauen ringsum“: in zwei Worten fasst Jeremia seine Situation zusammen (Jer 20, 10-30). Ein Meer von Zischeln umgibt ihn. Man will ihm ans Leben, will ihn stürzen, will sein Reden unterbinden. Grauen ringsum: Keiner auf seiner Seite, die besten Freunde unter den Feinden, ein Strom der Missgunst, man sinnt auf Rache. Jeremia allein. Wie es scheint allein auf einem strudelnden Wasser, mit zischender Gischt, an gefährlicher Strömung.

Im Evangelium (Mt 10,26-33) das gleiche Bild: Bedrohung, Verfolgung, Verleumdung. Dinge können nur im Geheimen gesagt werden, die Wahrheit verbirgt sich, es wird geflüstert, damit es niemand draußen hören kann. Jesus warnt, es könnte Leute geben, die den Aposteln an das Leben wollen, sie austilgen möchten. Ihre Situation ist unsicher. Wenige gegen viele. Der Strom, der bedrohliche, der sie umgibt, jetzt nicht mitreißen lassen, nicht mitschwimmen, nicht darauf hereinfallen, nicht verunsichert werden, das ist die Gefahr.

Auch wenn die Situation der Bedrohung meines Lebens nicht in so starkem Maß gegeben ist: das Zischeln und Tuscheln, das beständige Hintergrundrauschen einer vorbeifließenden Meinungsmasse ist mir nur zu gut vertraut. Wir werden mit Meinungen und Meldungen überschwemmt. Man versucht mich mitzuziehen: Denkst du nicht auch? Bist du nicht auch so empört wie ich? Das alles nicht nur in beiläufigen Begegnungen und Beobachtungen, sondern auch durch meinen Computer und Fernseher sickert der Strom in meinen Privatraum ein. Gute Stimmen finden sich in diesem Rauschen, aber eben auch schädliche, bewegende genauso wie gleichgültige.

In den Debatten erlebe ich es, wo derjenige übertönt wird, der sich um differenzierte Aussagen bemüht, ich erlebe es, wo Menschen auf die Verlockungen des freien Marktes hereinfallen und den falschen Versprechungen der Werber geglaubt haben. Vielleicht gibt es für uns nicht Grauen ringsum wie für Jeremia, aber zumindest Rauschen ringsum, und strudelndes Wasser allemal.

Wie reagieren auf diese Situation? „Der Mensch in der Revolte“, so der Antwortversuch einer der Geistesgrößen des letzten Jahrhunderts, Albert Camus. Gegen alle Strömung, alle Gleichgültigkeit und Einfalt der herrschenden Gesetzmäßigkeiten in der Gesellschaft kann der Mensch nur überleben, indem er sich in ständiger Auflehnung befindet. Nicht die großen Bewegungen der Revolutionen zählen, so sagt Camus, denn sie bringen alle nur neue Irrwege hervor, sondern das Individuum steht in der Verantwortung, sein Nichteinverstanden-Sein mit der Welt zum Ausdruck zu bringen. „Ich revoltiere, also bin ich“. Im Bild des Wassers: Der einzelne Mensch schwimmt gegen den Strom, nimmt den hoffnungslosen Kampf gegen ihn auf. Aber was erreicht Camus? Zunächst einen maßlosen Einsatz der eigenen Kräfte, eine Vergeudung der eigenen Ressourcen, um nachher als Einzelner zumindest mit sich selbst im Reinen zu sein. Den Strom kümmert das nicht.

Die Antwort der Bibel auf die Bedrohung ist eine andere. Sie lautet: Stehen. „Der Herr steht bei mir wie ein gewaltiger Held“, sagt Jeremia „Er rettet das Leben der Armen“, ist er überzeugt. „Fürchtet euch nicht vor den Menschen“, so Jesus zu den Aposteln. „Ihr seid vor Gott so viel mehr wert als ihr denkt. Wenn er selbst die Spatzen in seinem Willen erhält um wieviel mehr dann Euch.“ Jeremia und die Apostel gewinnen in ihrer Bedrohung unwahrscheinliche Sicherheit. Sie wissen, zu wem sie gehören, wer auf ihrer Seite steht. Sie stehen fest in Gott. Die um sie herumziehende Flut kann ihnen nichts anhaben. Sie sind sicher vor Anker gegangen. Vielleicht wird sich der Fluss durch uns verlangsamen.     

Gegen alle Wasser kann ich bestehen, wenn ich mich von ihm gehalten weiß. Ich muss nicht sein wie alle andern, ich muss nicht denken, was andere von mir wollen, ich muss dem Flüstern und Glucksen um mich herum nicht nachgeben, wenn ich weiß, bei wem ich um Rat suchen kann, wer mir verlässlich zur Seite stehen wird und für mich nie das Schlechte, sondern immer das Gute möchte.

Wenn wir zusammenkommen, um Gott zu treffen, ihm zu danken, ihn zu bitten, ihn zu empfangen, kehren wir glaube ich an einen solchen Ort der Ruhe und Sicherheit zurück. Wir versichern uns des Ankerplatzes und wir tun dies gemeinsam. Wir stehen in diesem Augenblick hier mit Gott, während außen um uns herum die Welt ihren normalen Fluss nimmt. In diesem Fluss halten wir an, wenn auch nur für einen Augenblick.

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