Warum ist die Heilige Familie heilig?

Weihnachten wird acht Tage lang gefeiert. Das Geschehen von Betlehem wird auch in den Tagen nach dem Fest weiter betrachtet und reflektiert. Auf den Sonntag nach Weihnachten wurde 1921 das Fest der Heiligen Familie gelegt. Die Verehrung der Gemeinschaft von Jesuskind mit Maria und Josef ist spätestens seit dem 16. Jahrhundert ein beliebtes Sujet der Künstler und der Volksfrömmigkeit gewesen. Ende des 19. Jahrhunderts erlebte es eine neue Blüte. So fand das Fest langsam seinen Weg in den gottesdienstlichen Festkalender. Als dieser im Zuge der Liturgiereform Anfang der 70er Jahre überarbeitet wurde, gab es Kritik daran, dass der Sonntag der Heiligen Familie erhalten blieb. Der Festinhalt schien angestaubt zu sein. Konnte man wirklich das Ideal einer „heilen“, „bürgerlichen“ Familie kirchlich hochhalten, wo sich doch die Familienbilder wandelten? Bis heute schwingt dieses Unbehagen in den meisten Predigten zu diesem Fest mit. Was soll eine „Heilige Familie“ heute noch aussagen, die ja in den offiziellen Gebetstexten ausdrücklich als vorbildhaft in bezeichnet wird? Verkündet da die Kirche nicht ein hoffnungslos rückwärts gewandtes Familienbild vergangener Zeiten?

Es lohnt sich ein Blick in die Geschichte. Als Papst Benedikt XV. dem Fest 1921 seinen heutigen Platz gab, geschah dies vor dem Hintergrund des gerade zu Ende gegangenen Ersten Weltkriegs. Viele Familien waren zerstört, Kinder väterlos geworden. Benedikt hatte angesichts der schlechten Situation der Kinder zu Spenden aufgerufen und bemühte sich, mit seinen Möglichkeiten dem Problem Öffentlichkeit zu geben und ganz praktisch zu helfen. Wäre es nicht erstrebenswert, dass Kinder künftiger Generationen in Frieden und Sicherheit in ihren Familien aufwachsen können? Die Zeiten schienen dafür ungünstig zu sein. Tatsächlich beschäftigten den Papst und seinen Nachfolger Pius XI. die Fragen der Ehe, Familie und Erziehung sehr. 1917 war nach der russischen Revolution ein erster sozialistisch-atheistischer Staat entstanden. Die Erziehung wurde zu einer politischen Angelegenheit. Der Staat erklärte sich dafür zuständig. Die Aufkündigung der bürgerlichen Familie mit eigener Bildungshoheit wurde in der ideologietreuen Erziehung der Kinder nach staatlichen Vorstellungen Wirklichkeit. Zugleich entstanden im Westen neue pädagogische Konzepte, die nicht zuletzt auch in den Jugendbewegungen Aufnahme fanden (und später von den Faschisten in Italien und Deutschland vereinnahmt wurden). Diese schleichende Eindämmung der christlichen Erziehung in Familie und Kirche veranlasste Pius XI. 1929 zu seiner Enzyklika „Divini illius magistri“. 1930 folgte dann „Casti conubii“ über den Wert der Ehe. Diese Enzyklika setzte sich kritisch mit „alternativen“ Ehe- und Familienvorstellungen auseinander und wandte sich etwa gegen die Möglichkeit der Ehescheidung und auch gegen die Frauenemanzipation. Die „Familienpolitik“ war in der Zwischenkriegszeit also ein überaus aktuelles Thema. Das Fest der Heiligen Familie gab einen willkommenen Anlass, um die kirchliche Lehre von Ehe und Familie zu verbreiten. Die Päpste wurden dabei sehr deutlich. Pius XI. schrieb etwa über die Situation der familiären Erziehung:

„Ganz besonders möchten Wir aber Eure Aufmerksamkeit, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, auf den beklagenswerten Verfall der häuslichen Erziehung in der heutigen Zeit lenken. Den Berufen des profanen und öffentlichen Lebens, die sicher nicht von erster Bedeutung sind, werden lange Studien und eine genaue Vorbereitung vorausgeschickt, während für die Aufgabe und elementare Pflicht der Kindererziehung heutzutage viele Eltern nur eine geringe oder gar keine Vorbereitung mitbringen, weil sie zu sehr in die Sorgen für das Zeitliche versunken sind. Der für die Erziehung notwendige Einfluss der Familienwelt wird zusätzlich noch dadurch geschwächt, dass heute sich fast überall das Bestreben geltend macht, die Kinder vom zartesten Alter an unter verschiedenen Vorwänden, wirtschaftlichen im Interesse von Gewerbe und Handel oder politischen, der Familie immer mehr zu entfremden. Es gibt sogar ein Land, in dem die Kinder dem Schoße der Familie entrissen werden, um sie den sozialistischen Theorien entsprechend in Vereinen und Schulen zum Unglauben und zum Hass heranzubilden (oder besser gesagt zu verbilden und zu verderben). Fürwahr, ein neuer und noch viel entsetzlicherer Mord unschuldiger Kinder!“ (Divini illius Nr.73)

Ganz im Geist der Zeit verteidigte die Kirche die Familie als Hort der „Frömmigkeit und Sittlichkeit“, in welchem eine „ganzheitliche“ Bildung im Vordergrund stand, die nicht im rein Weltlichen aufgehen sollte. Die beste Möglichkeit bot sich dazu in der bürgerlichen Familie. Es darf aber nicht vergessen werden, dass gerade in die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auch die kirchlichen Sozialeinrichtungen wie etwa Kinderheime und Schulen eine Blütezeit erlebten. Diese waren auch dafür gedacht, die christliche Erziehung dort zu gewährleisten, wo Kinder diese im familiären Rahmen nicht erfahren konnten.

Aus den Erzählungen der eigenen Familiengeschichte weiß ich, dass dieses Familienbild lange Zeit lebendig blieb. In einer Gesellschaft, in der sozialer Rang und gesellschaftliches Ansehen besonders wichtig waren, wurde die ganze Familie mit auf diese Faktoren verpflichtet. Die Familie des Lehrers, des Bürgermeisters, oder auch die evangelische Pfarrerfamilie hatte den Ansprüchen der vorbildlichen Familie zu genügen. Kinder mussten die vermittelte Sittlichkeit und Frömmigkeit mittragen und nach außen auch repräsentieren. Es galt, in jeder Hinsicht beispielhaft zu sein. Der Verhaltenskodex war streng. Kinder sollten artig, wohlerzogen, fromm, reinlich und hübsch sein. Dabei darf nicht übersehen werden, dass das Ideal der „vorbildlichen Familie“ auch seinen Tribut forderte. Wie war angesichts des hohen Ideals mit Krisen, Problemen und Schwierigkeiten umzugehen, die notwendigerweise auch in den „besten“ Familien auftauchen? Wie ich aus den Erzählungen der Großelterngeneration weiß, wurden solche Dinge nicht nach außen getragen, häufig auch innerhalb der Familie nicht zufriedenstellend gelöst. Den Schutzraum der Familie für Hilfe von außen zu öffnen galt als ungeziemend. Das äußere Bild musste erhalten bleiben und sei es auch, dass Probleme ignoriert, versteckt und verschwiegen wurden.

Nimmt man also das Fest der Heiligen Familie als einen Ausdruck für die Verbreitung dieses bürgerlichen Familienideals, ist die Kritik daran berechtigt. Wird die „Heiligkeit“ dann nicht zu sehr ein selbstgemachtes Schaubild, mithin sogar eine „Scheinheiligkeit“? In welcher Weise sollten wir also von der „Heiligkeit“ der Heiligen Familie sprechen? Hier hilft es, sich von zeitbedingten Familienkonzepten für einen Moment zu lösen und das Zeugnis der Heiligen Schrift zu betrachten.

In der Lektüre der Bibel fällt auf, dass in ihr nur wenige „vorbildliche“ Familien im oben genannten Sinn zu finden sind. Familienbande erscheinen im Gegenteil oft als fragil und krisenanfällig. Alles beginnt mit Abraham und Sarah, deren Ehe sich wegen der Kinderlosigkeit in einer tiefen Krise befindet. Ihnen ist die Verheißung gegeben worden, Stammeltern eines ganzen Volks zu werden. Wann sich die Verheißung erfüllt, ist allerdings nicht absehbar. Als Isaak dann heranwächst, wird Abraham auf die Probe gestellt und soll den lang erwarteten Sohn Gott hingeben. Isaaks Familie wird durch einen heftigen Bruderzwist zwischen den Söhnen Esau und Jakob gespalten. Jakob wiederum kann den scheinbaren Tod seines Sohnes Josef, der von den anderen Söhnen aus ihrer Mitte gestoßen wurde, kaum verkraften. Die Bibel schildert ihn als zutiefst trauernden Menschen. Und ähnlich geht es weiter. Moses Familiengeschichte, die aus einer Verfolgungssituation entspringt, in der die Mutter das Kind seinem Schicksal überlässt, um ihm das Leben zu retten, ist äußerst kompliziert. Der Prophet Samuel ist Sohn seiner verzweifelten Mutter Hanna, die eigentlich darum trauerte, offenbar nicht Mutter werden zu können. David ist in Ehedingen unzuverlässig und bricht die Treue, indem er eine Affaire mit einer fremden Frau beginnt, für die er deren Ehemann in den Tod schickt. Von seinem Sohn Salomo wird berichtet, dass er in späteren Jahren ein Lotterleben führte. Die späteren Könige Israels und Judas werden in Herrschaftsränke verstrickt und machen sich ihre Verwandten oder Kinder zum Feind.

Im Grunde stehen Maria und Josef in einer ganz ähnlichen Tradition. Das Matthäusevangelium erzählt zu Beginn von der tiefen Krise, in die Josef gestürzt wird, nachdem er erfährt, dass Maria ein Kind erwartet und möchte sich von seiner Verlobten trennen. Die Geburt Jesu in Betlehem erfolgt unter prekären Umständen. Es folgt die Darstellung im Tempel, bei der Maria vorhergesagt wird, dass sie wegen ihres Sohnes Leid und Schmerzen erfahren wird. Die Flucht nach Ägypten ist Resultat einer äußeren Bedrohung durch König Herodes. Beim zwölfjährigen Jesus berichtet das Evangelium von den großen Sorgen, die sich die Eltern machen.

Die wenigen Informationen, die wir aus den Kindheitsevangelien erfahren, zeichnen also ein ehrliches Bild der Familie, die Kämpfe und Konflikte auszustehen hat. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Familie als fromm und tugendhaft zu zeichnen, den Lesern also ein leuchtendes Ideal vor Augen zu stellen. Die Bibel tut es bewusst nicht. Die biblischen Autoren machen keine „Familienpolitik“ im modernen Sinne. Sie folgen einem theologischen Programm. Sie geben keinen Anlass, an der Frömmigkeit oder Tugendhaftigkeit der Heiligen Familie zu zweifeln. Aber die Darstellungen der prekären und konfliktreichen Zustände der Familie aus Nazareth sind kein Zufall. Sie knüpfen bewusst an die alttestamentlichen Familiengeschichten an. Sie wiederholen die aus dem Alten Testament bekannten Motive des kinderlosen Ehepaars, das durch göttliche Verheißung einen Sohn erwartet, sie spielen auf das Verlorengehen des Sohnes an, der die Familie verlassen wird und ihr nie mehr so richtig angehört (wie bei Josef oder Mose). Sie erzählen in der Verfolgungssituation die Geschichte des Volkes Israel in Ägypten nach, mit der späteren Überschreitung des Jordan in das gelobte Land bei der späteren Taufe Jesu.

Hier wird im Grunde keine Familiengeschichte erzählt, sondern die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Der rote Faden durch die gesamte Schrift ist: Die menschlichen Verhältnisse sind brüchig und krisenhaft. Die Verheißung Gottes, sein Heilswille für das Volk ist beständig. Gottes Führung der Geschichte arbeitet sich durch die widrigen Umstände menschlicher Schwäche und Sündhaftigkeit hindurch. Gegen allen Anschein setzt sich Gottes Bestimmung des Menschen im Letzten durch. Dies macht der Hebräerbrief in seiner großen heilsgeschichtlichen Rückschau deutlich (Hebr 11-12). Dort heißt es, dass die Größe der Glaubenszeugen des Alten Testaments in ihrem Glauben an die göttliche Verheißung bestand und damit nicht in ihren persönlichen Verdiensten. Letztere waren nur aufgrund des Glaubens möglich. Die Heiligkeit ist etwas, das durch Gottes Vorsehung gegeben wird, nicht etwas, das man sich aufgrund von Abstammung, Tugend oder Frömmigkeit erwerben kann. Paulus fasst diese Einsicht im Römerbrief mit Blick auf Abraham zusammen: „Das bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen anerkannt.“ (Röm 8,9). Wie Paulus so stellen die Evangelien die natürliche Abstammung aus der Familie oder Sippe beständig in Frage. Die Heiligkeit ist eine Zusprechung, die aufgrund des Glaubens, der Öffnung für Gottes Willen, aufgrund einer Berufung erfolgt.

In diesem Sinn kann die Heilige Familie auch heute als Beispiel und Vorbild dienen. Sie ist die Gemeinschaft derer, die Gott vertrauen und nicht meinen, alles aus ihrem Willen und Können heraus gestalten zu werden. Maria und Josef sind Pilger des Glaubens, wie Abraham und Sarah. Sie gehen durch tiefe Täler, sie werden gezweifelt und gelitten haben. Ihre Verwundungen und Schwierigkeiten liegen offen zutage. Sie lassen Gottes Verheißung wirken und geben im letzten ihren Sohn für diese Verheißung frei. „Heiligsein“ bedeutet, Gott Raum zu geben, den er mit seiner Gegenwart füllen kann.   

Beitragsbild: Weihnachtsfenster in der Kathedrale von Soissons (Frankreich)       

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