Gott sieht [Predigt zum ökumenischen Stadtgottesdienst]

„Ein Auge gibt´s, das alles sieht, auch, was in tiefster Nacht geschieht.“ Dieser Spruch sollte etwas über das Sehen Gottes aussagen. Er wird heute kaum noch verwendet. Er sollte eine Ermahnung, vielleicht sogar eine Drohung ausdrücken: „Nichts bleibt unbeobachtet.“ „Glaube nicht, dass du vor Gott etwas verbergen könntest.“ „Alles kommt ans Licht.“

In der Barockzeit wurde das Symbol des sehenden Gottes besonders beliebt. Wir finden es in vielen Kirchen, etwa auch auf der Kanzel der St. Anna-Kirche. Gezeigt wird ein Dreieck, Symbol der Trinität, umgeben von Wolken. Im Dreieck ist ein Auge abgebildet. Es bedeutet: Gott thront über der Schöpfung. Sein Blick begleitet das Tun auf der Erde. Im Buch der Sprichwörter heißt es: „An jedem Ort sind die Augen des Herrn, sie wachen über Gute und Böse.“ (Spr 15,3).

Gerade dieses „Wachen“ empfinden viele als unangenehm. Zum „Überwachen“ ist es da nicht weit. Das allsehende Auge erinnert an den kritischen Blick des Handwerksmeisters, der den Lehrlingen genau auf die Finger schaut, an den kritischen Blick der Lehrerin, die die Hausaufgaben kontrolliert, an den Blick des Ordnungsamtes auf die parkenden Fahrzeuge und des lärmempfindlichen Nachbarn auf die spielenden Kinder auf der Grünfläche.

Wir möchten nicht gern beobachtet werden. Gerade in Zeiten der digitalen Überwachungsmöglichkeiten wird es immer schwerer, sich seinen privaten Raum zu sichern.

Neben diesem „Wir wollen nicht gesehen werden“ steht aber gesellschaftlich auch die scheinbar entgegengesetzte Forderung „Wir wollen gesehen werden“. Auch diese Forderung ist sehr laut und häufig auch berechtigt. Hier geht es um Menschen, die sich nicht ausreichend gesehen und gehört fühlen. Es ist die Forderung von Minderheiten auf der Suche nach voller gesellschaftlicher Anerkennung und Teilhabe. Es ist die Forderung von Menschen, die sich am Rand der Gesellschaft sehen. Es ist die Forderung von Menschen mit abweichenden politischen Meinungen. Es ist die Forderung der Bürgerinitiativen, Verbänden, Vereinigungen und Lobbyorganisationen, die sich für ein bestimmtes Anliegen einsetzen. Die Kunst der Politik besteht darin, alle im Blick zu behalten und klug zwischen Privatinteressen und dem Allgemeinwohl abzuwägen. Der Vorwurf, für andere blind oder taub zu sein, wiegt in diesem Zusammenhang schwer.

Es gibt also hier eine andere Form des Sehens, das offensichtlich notwendig ist. Das Sehen ist hier kein Beobachten, mit dem Ziel, das Gesehen zu beurteilen und dann zu loben und zu strafen. Es ist eine Form des Sehens, das die Nöte, Sorgen und Bedürfnisse des Menschen erkennt.

Von einem solchen Sehen erzählt die Stelle aus dem ersten Buch der Bibel (Gen 16,7-14). Es geht um die Magd Hagar, die von Sara, der Frau des Abraham, in die Wüste verstoßen wird. Sie ist schwanger. In ihrer verzweifelten Lage kommt ihr Gott zu Hilfe, richtet sie wieder auf und gibt ihr eine neue Verheißung auf den Weg. Ihre Not soll sich zum Guten wenden. Daraufhin dankt Hagar Gott und sagt ihm: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Noch genauer übersetzt: „Du bist El-Roi, der Gott-des-Sehens“. Dieser Gott ist hier gemeint als Gott, der sich der Not des Menschen nicht verschließt. Es ist der Gott, der seine Aufmerksamkeit nicht von mir wendet, wenn ich in Schwierigkeiten bin, der sich gerade dann mir zuwendet.

In der christlichen Tradition bekommt dieser Gedanke noch einmal eine besondere Wendung. Der große Gelehrte Nikolaus von Kues hat im 15. Jahrhundert eine eindrucksvolle Schrift über das Sehen Gottes verfasst.[1] Auf einer Reise schenkte er einer Mönchsgemeinschaft am Tegernsee eine ostkirchliche Christusikone. Er wies die Mönche an, das Bild in ihrem Speisesaal aufzuhängen. Das Bild war so gemalt, dass jeder, der auf die Christusgestalt schaute von jeder Position im Raum aus den Eindruck hatte, direkt von Christus angeschaut zu werden. Nikolaus von Kues erläutert dies. Er zeigt, dass Christus mit jedem von uns und mit der ganzen Gemeinschaft zu jeder Zeit Blickkontakt und damit Verbindung hat. Dieser Blick Christi ist ein Blick der liebenden Aufmerksamkeit. In der Schrift des Cusaners heißt es über Christus:

„Weil das Auge dort ruht, wo die Liebe ist, erfahre ich, dass Du mich liebst, weil Deine Augen mit größter Aufmerksamkeit auf mir, Deinem geringen Diener ruhen. Herr, Dein Sehen ist Liebe.“[2]

Die Evangelien sind voll von Stellen, an denen berichtet wird, wie Jesus auf andere Menschen sieht, auf die Notleidenden, die um Heilung bitten, auf die Menge die ihn sehen und hören möchte. Das Sehen ist zugleich ein Erkennen der Bedürfnisse, des Glaubens oder auch des Versagens. Das Sehen ist Liebe. Aber es muss auch als solches erkannt werden. Das ist die andere Sinnspitze des Ikonenbeispiels. Es geht darum, nicht nur gesehen zu werden, sondern auch selbst hinzusehen. Es geht darum, nicht nur verstanden werden zu wollen, sondern auch selbst zu verstehen. Es geht darum, nicht nur die eigene Not gelindert zu wissen, sondern daraus die Bereitschaft zu finden, selbst Not zu lindern. Erst das gegenseitige Sehen, das Angesehen werden und selbst Ansehen schenken gehören zusammen. Der Akte der Liebe, oder zumindest der Anerkennung ereignet sich im „Zwischen“ derer, die sich ansehen. Das Evangelium formuliert diese Sinnspitze ganz klar. So, wie Christus uns sieht, so sollen auch wir ihn ansehen. Und wir sehen und erkennen ihn im Notleidenden wieder (Mt 25).

Eine Gesellschaft, in der alle nur gesehen werden möchten, aber den Gegenblick verweigern, wird nicht funktionieren. Nicht nur, dass der Blick auf Gott, die Vergewisserung, von ihm angesehen und getragen zu werden schwindet. Es lohnt sich hinzusehen. Auch der Anblick des Nächsten ist heilsam. Ich habe das in der vergangenen Woche gleich mehrfach wieder selbst erfahren. So ging es im ökumenischen Hospizverein um den Blick auf die Menschen, die schwer krank sind oder auf das Ende des Lebens zugehen. Der Blick auf sie und ihre Angehörigen verändert die Maßstäbe des eigenen Lebens. In der Begegnung mit Migranten ging es um ihre Sichtweise in einer Gesellschaft, die sie in vielen Teilen ablehnt. Das Kennenlernen ihrer Perspektive bewahrt mich vor vorschnellen Urteilen, wie auch ihr Bemühen, unsere Gesellschaft zu verstehen für sie neue Erkenntnisse bringt. Im Stadtteiltreff in Krebsförden ging es um Menschen in einem häufig als Problemviertel abgeschriebenen Quartier. Ihren Blick zu teilen bedeutet auch, unsere Stadt mit anderen Augen zu sehen. Der Gott, der mich sieht sucht Menschen, die seinen Blick teilen. Der Mensch der sieht und sehen möchte, verändert seinen Blick. In der Begegnung der Blicke ereignet sich Gemeinschaft, zu der wir berufen und aufgefordert sind, durch den, der uns in seiner Liebe annimmt.


[1] Ein Einblick in den Text hier: Textauswahl-H.-3_De-visione-Dei.pdf (cusanus-institut.de)

[2] De visione Dei, Kapitel 4.

Ein Kommentar zu „Gott sieht [Predigt zum ökumenischen Stadtgottesdienst]

  1. Cusanus:

    Es ist ein Auge
    das Dich schaut
    als gäbe es
    nur Dich allein

    ein Sermon
    von aussen
    hat im Innersten
    eines Menschen
    nichts zu suchen

    niemand kann
    in das Innerste
    eines anderen
    Menschen sehen

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Gamma Hans Antwort abbrechen