Die Schulden erlassen

Was tun Sie, wenn Sie eine größere Anschaffung machen müssen, also ein neues Auto kaufen, ein Sofa oder eine Waschmaschine, aber das Geld dafür gerade nicht auf Ihrem Konto liegt? Der Handel bietet Ihnen in der Regel dafür einen Ratenkauf an. Machen Sie also jetzt eine Anzahlung und zahlen Sie die restliche Summe über die nächsten Monate stückweise ab. Was bei größeren Anschaffungen manchmal unausweichlich ist, ist heute auch bei kleineren Anschaffungen normal. Ein neues Handy, eine neue Lampe, Kleidung oder ähnliches können Sie heute ebenfalls bequem im Ratenkauf erwerben. „So einfach“, verheißt uns die Werbung, „Sie können sich alles leisten“, behauptet sie. Zur Not nehmen Sie einfach den „Wie-für-mich-gemacht-Kredit“ und alle Ihre Wünsche gehen in Erfüllung. Ich glaube, die Tendenz der Kunden, auf solche Angebote einzugehen, würde stark abnehmen, wenn statt „ab 19 Euro im Monat“ auf den Werbeschildern stehen würde: „Sie können ihr neues Handy gerne haben, Sie müssen sich nur bei uns verschulden.“ Tatsächlich aber beschreibt dieser Satz ganz exakt, was beim Ratenkauf geschieht. Sie stehen bei jemand anderem in der Schuld, in der Kreide, lassen anschreiben. Das ist ein Zustand, den die meisten doch lieber vermeiden wollen. Jetzt ist das Schuldenmachen  wirtschaftlich kein großes Problem, solange die Schulden bezahlt werden können und wir als Kunden oder Verbraucher vermeiden können, dass wir uns über unsere Möglichkeiten hinaus verschulden. Wer die Schulden nicht mehr bezahlen kann, für den sieht es schlecht aus.

Um einen ähnlichen Vorgang geht es im Evangelium (Lk 16,1-13). Ein Verwalter hat mit dem ihm anvertrauten Vermögen schlecht gewirtschaftet. Er hat schuldhaft gehandelt, das bedeutet, er muss für seine Schuld haften. Jetzt droht ihm dafür der Rauswurf. Eigentlich bleibt dem Verwalter noch eine Möglichkeit, den Schaden wieder gutzumachen, seine Schuld abzubezahlen. Er müsste zu den anderen Schuldnern seines Herrn gehen und die Schulden eintreiben, das Kapital wieder zurückholen. Doch er entscheidet sich anders. Noch bevor er seinen Dienst beendet, also solange er noch Prokura hat, ruft er die Schuldner zu sich, treibt aber das Geld von ihnen nicht ein, sondern erlässt ihnen sogar die Schulden. Damit vergrößert er den Verlust seines Herrn, schafft sich selbst allerdings einen Vorteil. Der Herr muss den Verlust tragen, der Verwalter erwirbt sich aber neue Freude. Er bezahlt die Schulden gewissermaßen mit seinen eigenen Schulden. Das ist wirtschaftlich gesehen verantwortungslos. Trotzdem wird der Verwalter im Gleichnis von Jesus gelobt. Wie kann das sein? Das Gleichnis ist schwer zu verstehen. Ich glaube, der Schlüssel liegt darin, dass der Verwalter als „klug“ angesehen wird, er handelt also so berechnend wie weise. Er hat offensichtlich bei all seiner Fehlerhaftigkeit doch etwas Richtiges verstanden.

Machen wir dazu einmal einen kleinen Ausflug in die Theologiegeschichte. Um das Jahr 1100 schrieb der Benediktinermönch und Gelehrte Anselm von Canterbury einen bedeutenden theologischen Aufsatz. Er stellte seinen Lesern die Frage „Warum wurde Gott Mensch?“ („Cur Deus homo?“). Anselm wollte vor dem Hintergrund des Denkens seiner Zeit eine Antwort auf die Frage finden, die rational und logisch war. Seine Überlegung war (frei nacherzählt) die Folgende: Anselm ging von der Wirklichkeit der Sünde aus. Seit dem Sündenfall haben die Menschen sich immer wieder voreinander und vor Gott versündigt. Sie haben Schlechtes getan, Gewalt angewendet, gelogen, Krieg geführt, sorglos gelebt, sich nicht um die Armen gekümmert und so weiter. Wenn man sich die Sünden, oder besser die Schuld der Menschen einmal bildlich vorstellen wollte, käme da ein riesiger Berg zusammen. Die Menschen haben sich bei Gott bis zur Insolvenz hin verschuldet. Aus eigener Kraft, so sagt es Anselm, sind sie irgendwann nicht mehr fähig gewesen, den Schuldenberg abzutragen. Was sollte Gott tun? Sollte er die Menschen rausschmeißen, wie der Herr im Gleichnis es mit seinem Verwalter vorhat? Das hatte Gott bei der Sintflut getan und anschließend versprochen, es nie wieder zu tun. Also musste er einen Weg finden, die Schulden zu erlassen. Da es die Schulden der Menschen sind, mussten sie auch durch die Menschen bezahlt werden. Daher wählt Gott den Weg, selbst Mensch zu werden. Jesus Christus nimmt als Mensch all die Schulden auf sich. Er hat dazu das Mandat, stellvertretend für alle die Schuld zu beseitigen. Weil er selbst ohne Sünde und ohne Schuld ist, ist er unbelastet und kauft gewissermaßen die Schulden der Menschheit auf. Am Kreuz zahlt er den Preis für alle Schulden, damit die Menschen jetzt wieder frei sein können. Und dies geschieht nicht nur für die vergangenen, sondern auch für die künftigen Schulden. Deshalb wird sein Kreuzesopfer, vergegenwärtigt in der Eucharistie auch für uns heute wirksam. Der Kolosserbrief drückt das in dem folgenden Wort aus: „Er (Christus) hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat.“ (Kol 2,14). Die Theorie Anselms ist heute in der Theologie nicht mehr häufig zu hören. Sie passe, so heißt es, nicht mehr in unsere Zeit. Sie passt aber genau zu unserem Gleichnis vom ungerechten Verwalter. Dieser wird ja am Schluss, wie bereits gesagt gelobt. Er hat etwas verstanden. Er hat zumindest verstanden, dass Freundschaft und Versöhnung dann besser möglich sind, wenn keine Schulden, keine Verbindlichkeiten mehr zwischen uns stehen. Wenn es Gottes Wille und Werk ist, die Schuld aus der Welt zu schaffen, dann ist es ein Werk der Nachfolge Jesu, anderen die Schulden zu erlassen. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, so beten wir jeden Tag im Vater Unser. Das Gottesreich soll von Vergebung geprägt sein. Was der Verwalter tut, ist zumindest in Teilen vorbildhaft, auch wenn er vielleicht die falschen Mittel einsetzt. Trotz der eigenen Schuld erlässt er anderen die Schuld. Die Ratenzahlung nimmt ein Ende. Am Schluss steht dass der Satz „Endlich schuldenfrei“ – das ist eine positive Botschaft, und angesichts des heutigen Gleichnisses die Frohe Botschaft des Evangeliums.

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