Dies ist Wasser

Wein oder Wasser? – Diese Frage lässt sich, glaube ich, nur situationsabhängig beurteilen. Es gibt Tage, da ist Wein die richtige Wahl. Meistens würden wir aber sagen: Ich nehme lieber Wasser. Wein und Wasser stehen für zwei Zeiten oder Gelegenheiten: Der Wein für das Fest, das Außergewöhnliche, das Wasser für den Alltag, das Normale. Wir sind es gewohnt, dass die Zeiten sich abwechseln. Wenn immer nur „Wasser“-Zeit ist, wird das Leben irgendwann eintönig. Wir beginnen, uns danach zu sehnen, dass einmal wieder etwas Besonderes geschieht, etwas, das den alltäglichen Trott unterbricht, uns aus den Routinen ausbrechen lässt. Immer nur Wein allerdings wird mit der Zeit auch unerträglich. Ein Leben in beständigem Rausch lässt uns das Gefühl für das Besondere mit der Zeit verlieren und mindert den Wert des Festes, des Urlaubs oder der Freizeit. Es gibt auch eine Sehnsucht nach dem Alltag, danach, dass mal alles wieder normal und geregelt ist, dass wir in unserem Tages- und Wochenablauf Ordnung und Struktur finden.

Die Hochzeit, auf die uns das Evangelium (Joh 2,1-11) mitnimmt ist ganz klar eine „Wein-Zeit“. Das Fest verlangt nach Ausgelassenheit. Es soll voll ausgekostet werden. Als dann mittendrin eine Störung auftritt, droht der unfreiwillige Abbruch. Der Wein ist ausgegangen. Jetzt ist nur noch Wasser da. Sofort wächst das Bedürfnis nach mehr Wein. Die Festzeit soll weitergehen. Und der Sinn des Evangeliums ist ja, dass durch das Zeichen, das Jesus tut, deutlich wird: Das Fest, verstanden als Zeit des Heils, als Zeit des Gottesreiches, geht eigentlich jetzt erst richtig los. Der neue Wein ist besser als der, der ursprünglich gereicht wurde.

Das Wasser als Zeichen des Alltäglichen sollte allerdings nicht unterschätzt werden. Schließlich besteht unser Leben zu einem großen Teil aus „Wasser-Zeit“. Ich möchte ein paar Gedanken aus einem Text des Schriftsteller David Foster Wallace aufgreifen, der genau diese Wirklichkeit des Wassers reflektiert.[1] Der Text war ursprünglich eine Rede an den Abschlussjahrgang eines Colleges, also einer Hochschule. Foster Wallace beginnt mit einer kleinen Fabel:

Zwei junge Fische schwimmen durch den Ozean. Da treffen sie auf einen älteren Fisch, der ihnen entgegenkommt. Der Fisch begrüßt sie und sagt: „Morgen Jungs, wie ist das Wasser heute?“ Die beiden anderen schwimmen weiter. Plötzlich sagt der eine zum anderen: „Wasser, was zum Teufel ist Wasser?“

Die kleine Parabel illustriert die Art und Weise, wie wir uns häufig durch das Leben bewegen. David Foster Wallace will den jungen Leuten zu denen er spricht etwas verdeutlichen. Er sagt: Wir neigen dazu, unser Leben von unseren Zielen und Bedürfnissen her zu denken. Unsere Aufmerksamkeit ist stark auf uns selbst gerichtet. Dabei verlieren wir unsere alltägliche Umwelt, in der wir leben, leicht aus dem Blick. Wir blenden sie gewissermaßen aus oder nehmen sie nur insofern wahr, wie sie für unsere Bedürfnisse nützlich ist. Alles andere wird dann schnell als überflüssig oder störend empfunden. Wie die Fische im Ozean nehmen wir dann das Wasser um uns herum gar nicht mehr wahr und denken auch nicht groß darüber nach. Foster Wallace nennt das die „Standardeinstellung“ des Lebens, der wir meist unreflektiert folgen. Ich selbst sehe mich als Zentrum der Welt und richte mich in meiner Wahrnehmung aber auch in meinem Handeln nach meinen Bedürfnissen, Wünschen, Vorstellungen und Zielen aus. Niemand ist frei von solchen Zielvorstellungen. Foster Wallace sagt, dass diese Vorstellungen wirken wie Glaubensgrundsätze. Als solche Grundsätze nennt er den Glauben an das Geld, an die körperliche Schönheit, die Macht oder den Intellekt. Man kann sicher noch die Zerstreuung oder den Rausch hinzufügen. Solche Dinge übernehmen unbewusst die Führung und Ausrichtung unseres Lebens. Statt Wasser suchen wir gewissermaßen immer das nächste Weinglas, den nächsten außergewöhnlichen Punkt, auf den sich alles konzentriert. Eigenständiges Denken, so der Apell an die Studenten, zu denen der Schriftsteller spricht, würde darin bestehen, sich dieser Situation bewusst zu werden. Es würde bedeuten, seine Standardeinstellungen zu überdenken und zu modifizieren, vor allem aber, dem Wasser, also der alltäglichen Welt um uns herum mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das Wasser, die alltägliche Welt, ist nicht nur lästiges Beiwerk. Bei genauerem Hinsehen besteht sie aus Menschen, aus Abläufen aus Dingen, die jeweils ihren Eigenstand haben. In der Realität des Wassers zu leben bedeutet also, die Perspektiven der anderen zu verstehen, sie mitzudenken, sich in sie einfühlen zu können, sich die Welt als Ganze zu erschließen.

Das Wasser ist also nicht bloß Wasser. Es trägt in sich das Potential des versteckten Reichtums. Theologisch würden wir sagen: Auch im Alltäglichsten finden sich Zeichen der Gnade. In Kana erwächst das Erstaunen der Gäste ja nicht so sehr daraus, dass es neuen, besseren Wein gibt. Vielmehr ist das Erstaunen darüber da, dass dies, was sie gerade trinken, früher Wasser gewesen ist. Das scheinbar Wertlose birgt die ungeahnte Möglichkeit, zu etwas sehr Kostbarem zu werden. Man muss es nur sehen können. Insofern können das Leben und die Botschaft Jesu als Aufforderung zum Perspektivwechsel verstanden werden. Mein Leben und meine Umwelt aus der Logik des Evangeliums zu betrachten bedeutet, meinen subjektiven Blickwinkel zu verlassen und die Logik Gottes einzubeziehen. Mit einem Wort der geistlichen Tradition könnte man sagen: Ich betrachte mein Leben, die Welt und die Menschen mit liebender Aufmerksamkeit, so wie wir eben von Gott sagen, dass er diese liebende Aufmerksamkeit für seine Schöpfung hat. Das bedeutet für Gott, das scheinbar Geringe nicht gering zu achten und das scheinbar Verlorene nicht verloren zu geben. Damit wird die Welt nicht einfach rosarot. Wir werden genug Dinge finden, die uns schlecht, böse, hinderlich oder bedeutungslos erscheinen. Aber es gilt, unser Urteil zu hinterfragen, die Perspektive zu wechseln, die Dinge nicht unkritisch hinzunehmen, nicht auf unser erstes Urteil zu vertrauen. Die Wahrheit ist: Alles hat Potential zum Guten. Das Wasser kann Spuren von Wein enthalten.


[1] David Foster Wallace, Dies ist Wasser, Köln 2012.

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