Jenseits unserer Welt [zum Weihnachtsfest]

Der Blick zu den Sternen gibt von jeher Anlass zu Spekulationen. Angesichts der unendlichen Weite des Universums stellt sich die Frage: Sind wir in diesem Kosmos allein? Gibt es Welten jenseits unserer Welt? Über Jahrzehnte haben Autoren und Filmemacher diese Welten imaginiert und uns phantastische Bilder und Figuren erschaffen. Spielerisch wurde so erkundet, wie eine Welt jenseits unserer Welt aussehen würde.

Jetzt wird diese Welt real. Wir haben an der falschen Stelle gesucht. Die neue Welt jenseits der unseren entsteht nicht zwischen den hellen Lichtpunkten im Dunkel des Weltalls, sondern als Bilderwelt, die sich aus den Nullen und Einsen digitaler Codes herausbildet. Als Mark Zuckerberg dieses Jahr seinen Internetkonzern von „facebook“ in „meta“ umbenannte, markierte er den Anspruch auf eine Idee, die die digitalen Visionäre schon seit einigen Jahren beschäftigt.[1] Diese Idee trägt den Namen „Metaversum“[2]. „Universum“ bedeutet „die Ganzheit“, also alles, was da ist. „Metaversum“ ist das, was jenseits dessen, was da ist, existiert. Das Metaversum ist ein digitaler Lebensraum. Es funktioniert etwa so: Mittels der Technik ist es mir möglich, ein eigenes Abbild meiner Selbst, einen Avatar zu erschaffen. Ich kann mich nach meinen eigenen Vorstellungen neu erfinden. Der Avatar wohnt in seiner eigenen Welt, die ebenfalls nach meinen Wünschen geschaffen ist und die ich dank VR-Technik (Virtual Reality) begehen, später auch mit all meinen Sinnen erfassen kann. Die Idee ist nun, diese virtuellen Räume miteinander zu verbinden, so dass daraus eine eigene Welt entstehen kann und ich in die angrenzenden Lebensräume und Vorstellungen der anderen eintreten kann. Die Welten verbinden sich zu einer großen neuen Wirklichkeit, eben dem „Metaversum“. Ich kann so in Zukunft auf zwei Ebenen leben, im echten und im „Meta-Leben“.

Philosophisch ist diese Idee sehr alt. Platon und seine Nachfolger kannten eine Welt höherer Ordnung, die Welt der Ideen. Sie stellten sich diese Welt der Ideen als wirklich existierend vor. Es gab für sie so etwas wie „Schönheit“, „Wahrheit“ oder „Gut-Heit“ (Güte) in Reinform. Sobald die Ideen sich allerdings in dieser unserer Welt ausdrückten, verloren sie von ihrem Glanz und von ihrer Reinheit. Die Ideen, etwa die „Schönheit“ gibt es nur in Brechungen und Variationen. Es gibt die Schönheit in einem Menschen genauso wie die Schönheit eines Sonnenuntergangs, die Schönheit eines Gedichtes, einer Geste oder eines Werkstücks. Es ist die gleiche Schönheit in ganz unterschiedlichen Formen. Und diese Schönheit ist nie vollkommen. Sobald man ihr eine Gestalt geben muss, trifft sie auf Grenzen des Materials, der Sprache oder der Ausdrucksmöglichkeiten. Mit diesen Begrenzungen müssen wir leben. Wir können uns nur darum bemühen, den Ideen einen bestmöglichen Ausdruck zu geben, so dass ihr Wesen so unverfälscht wie möglich zum Vorschein kommt.

Das Metaversum verspricht nun die Überwindung der Realität. Die Grenzen des Raumes, meiner Zeit, meines Leibes, meiner Lebensumstände, meiner finanziellen Möglichkeiten. Solche Dinge spielen in dieser jenseitigen Welt keine Rolle mehr. Ich kann dort, im Metaversum, ganz so sein, wie mein eigenes Bild von mir ist. Ich entspreche im irdischen Leben nie meinem Ideal, ich kann nie alle meine Träume erfüllen, ich kann das, was ich eigentlich bin, was mich zutiefst ausmacht nie ganz darstellen. Ich bleibe meinem Nächsten immer ein Geheimnis.

Wie wird es sein, wenn wir uns als reine Ideenwesen im Metaversum begegnen? Kann ich das tun, was im wirklichen Leben kaum möglich ist? Kann ich den Lebensraum eines anderen Menschen betreten, seine Gedankenwelt, Vorstellungen, Träume? Kann ich dann verstehen wie es ist, in einer ganz anderen Lebenswelt zu Hause zu sein? Kann ich spüren, wie sich das Leben zum Beispiel für meine Großmutter anfühlt, für ein Kind oder für eine gute Freundin? Könnte ich ein tieferes Verständnis haben für ganz andere Menschen, für einen Schwerkranken im Hospiz zum Beispiel, für einen italienischen Fabrikarbeiter, eine Bäuerin in Kasachstan, einen Flüchtling in einem griechischen Lager, eine Mutter in Äthiopien, einem Slum-Bewohner in Brasilien? Wenn es uns gelingen würde, die Grenzen unserer Welt in dieser Weise zu überschreiten und einander als reine Menschen, als Wesen aus Träumen, Vorstellungen, Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen – das wäre die Verwirklichung eines alten Traums von der Überwindung der Gegensätze, von Verständigung und Frieden auf der Welt.

Das Metaversum wird uns das auf absehbare Zeit nicht ermöglichen. Es wird erst einmal eine Spielerei sein, ein Ort für Privilegierte, eine Konsumwelt, ein Fluchtort vor der Wirklichkeit. Das technische Metaversum funktioniert nur dank bestimmter technischer Voraussetzungen. Ein kleiner Netzausfall, eine Störung in der Software unterbricht es schon, beseitigt die Illusion und wirft uns wieder auf das wirkliche Leben zurück.

Von Gott sagen wir, dass er der Schöpfer der Welt ist, des Universums. Die Weihnachtsbotschaft ist, dass er selbst in die Welt, die er geschaffen hat eingeht. Er kommt nicht als Avatar, nicht als Erscheinung, sondern unter den Bedingungen von Zeit, Raum und Leiblichkeit in die wirkliche Welt. Der Mensch Jesus Christus ist die bestmögliche Form der Verkörperung seiner (Gottes) selbst, seiner Güte, Weisheit, Vergebungsbereitschaft, Zuwendung, Treue und Liebe, aber unter den menschlichen Bedingungen. Jesus ist keine reine Idee, sondern so wie wir den Begrenzungen eines Lebens unterworfen. Er teilt die begrenzte Form des Selbstausdrucks. Er hat wie wir einen menschlichen Körper, eine menschliche Lebenszeit, menschliche Worte, menschliche Gesten. Seine göttliche Natur bleibt das Geheimnis, das sich erst langsam erschließen kann, für den, der an diesem Leben teilnimmt, versucht es zu lesen und zu verstehen, sich selbst formen zu lassen. Die Überschreitung meiner eigenen Lebenswelt auf den anderen ist auch in dieser Welt möglich. Die gegenseitige Verständigung, die tiefe Einsicht in die Persönlichkeit des anderen, die Begegnung auf menschlicher Ebene als Wesen von Träumen, Bedürfnissen, Gedanken und Hoffnungen kann auch hier schon geschehen, immer eingeschränkt, immer mühsam, immer begrenzt. Aber die Verständigung ist möglich. Der Frieden ist keine Illusion. Die Begegnung mit Gott schließt diesen Möglichkeitsraum auf.

Jenseits unseres Lebens liegt tatsächlich ein Metaversum. Es erscheint in der Weihnachtserzählung für einen kurzen Augenblick, in dem sich der Himmel öffnet und durchsichtig wird für das, was wir Herrlichkeit nennen. Im Glanz dieses Lichtes von ganz woanders stehen wir an Weihnachten, mit unseren Grenzen, Bedürfnissen und Träumen, aber als solche, die berechtigt hoffen, glauben und lieben dürfen.


[1] S. hierzu z.B. Jaron Lanier, Wenn Träume erwachsen werden, Hamburg, 20215, 94-104.

[2] Terry Winters, The Metaverse, USA 2021.

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