Was bewegt dich? [4. Advent]

„Was bewegt dich?“ Diese Frage ist häufig Ausdruck einer Unsicherheit. Ich spreche mit jemandem über ein Thema und bekomme keine direkte Antwort. Ich merke, wie sie oder er offensichtlich noch mit sich ringt. Etwas ist in Bewegung geraten. Etwas sucht noch nach Eindeutigkeit. Etwas ist noch nicht sicher, wie es zum Ausdruck kommen soll. „Was bewegt dich?“ – also: „Was geht gerade in dir vor?“, „Was ziehst du für dich gerade in Erwägung?“, „Was hemmt oder beeinflusst dich in deiner Reaktion?“ Die Frage „Was bewegt dich?“ tritt dann in den Raum, wenn alte Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden.

Sie können das angesichts des nahenden Weihnachtsfestes gerade wieder gut beobachten. In normalen Jahren hätten schon alle einen Plan. Danach gefragt, wie sie das Weihnachtsfest verbringen möchten, hätten sie normalerweise schon längst Auskunft gegeben und Dinge gesagt wie: „An Heiligabend gehen wir zu unserem Sohn und feiern mit seiner Familie, am Feiertag kommen wir immer mit den Geschwistern im Gasthaus zum Familientreffen zusammen und vor Silvester wollen wir dann noch gute Freunde in Bayern besuchen“. Jetzt geraten alle wieder ins Grübeln: „Werden wir uns dieses Jahr in der Familie wirklich treffen und wenn ja, müssen wir uns dann alle testen?“ „Restaurant ist dieses Jahr schwierig – haben wir eine Alternative?“ „Nach Bayern zu fahren ist vielleicht noch nicht so angesagt…“. Es sind solche äußeren Gründe, die uns in Bewegung bringen und die Routinen außer Kraft setzen. Es können auch innere Gründe sein, die den gleichen Effekt haben. Etwa: „Ich fühle mich zur Zeit krank oder überfordert.“, oder „In der Familie haben wir gerade Streit, ich glaube, das können wir über Weihnachten nicht einfach ausblenden.“ Die Frage „Was bewegt dich?“ trifft also ins Schwarze. Es sind äußere und innere Veränderungen, die mein Denken, Reden und Tun in einer andere Richtung bringen und alte Gewohnheiten in Frage stellen.

Das Evangelium (Lk 1, 39-45) erzählt davon, wie ein Ereignis alles in Bewegung bringt. Es berichtet von der Ankunft Jesu. Diese Ankunft ist noch verborgen. Maria trägt das Kind noch unter ihrem Herzen. Und trotzdem deutet sich die Veränderung schon an. Lukas erzählt die Begebenheit auf zwei Ebenen. Das Evangelium ist auf einer ganz menschlichen Weise zu verstehen: Die schwangere Frau, die sich über ihr Kind freut und ihre Freude teilen möchte Maria setzt sich in Bewegung und wandert zu Elisabeth. Elisabeth versetzt die Ankunft in tiefe innere Bewegung, die sich sogar körperlich im Freudensprung des Kindes in ihrem Leib, Johannes, ausdrückt. Sie begrüßt Maria überschwänglich mit einem Freudenschrei. Zugleich gibt es eine versteckte, zeichenhafte Ebene. Hier im Kleinen zeichnet sich bereits die große Bewegung vor, die die Welt schließlich bei der Ankunft des Gottessohnes nehmen soll. Der verborgene Gott, der Beweger aller Dinge ist bereits am Werk.

Meister Eckhard, der bedeutende Dominikaner, Mystiker und Prediger des Mittelalters gibt diesem Zusammenhang die folgende Deutung[1]: Eckhard fragt zunächst, was das Leben ist. Er sagt, das Leben ist das, was von innen her aus sich selbst bewegt wird. Was nur von extern, also durch äußere Krafteinwirkung und Umstände bewegt wird, hat in sich kein Leben. Gott bewirkt das Leben. Er tut es aber nicht in der Weise, dass er den Menschen oder die Lebewesen bewegt, sondern, dass er ihnen die Fähigkeit gibt, aus sich selbst in die Bewegung zu kommen. Das reine Leben würde daher in einer Übereinstimmung von göttlicher Bewegung und Eigenbewegung bestehen. Je mehr wir in Übereinstimmung mit Gott leben, desto mehr leben wir auch eigenständig. Die Quelle der Bewegung ist dann nicht das, was uns von außen her beeinflusst, sondern das, was uns von innen her zum Guten führt.

Gott bringt die Menschen also in Bewegung. Wenn Sie so wollen, ist das Bild dafür Maria, die Gott in sich trägt als Bild für den Menschen in seinem schönsten und vollkommenen Zustand, als Bild des Menschen, der von Gott zum Selbstsein und zum Leben gerufen ist.

In den Entscheidungen dieser Tage spielen viele Bewegungen eine Rolle, äußere und innere. Vielleicht ist es in den Zeiten der Unsicherheit gut, in sich hineinzuhören und mein Leben nicht äußeren Dingen zu überlassen. Was meldet sich unter meinem Herzen? Was bewegt mich zum Guten? Wie kann ich mit mir im Reinen sein? Die Gottesbegegnung liegt manchmal genau hier, in der aufrechten Suche nach mir selbst und dem, der mir dieses Selbstsein ermöglicht. „Was bewegt dich?“ Richtiger wäre zu fragen: „Wer bewegt dich gerade?“ Es wäre schön zu antworten: „Derjenige, der mich zu einem Leben in Fülle führen möchte.“   


[1] Eckhart, Predigt „In hoc apparuit“, in: Meister Eckhart, Werke, Bd. 1, Frankfurt 1993, 58-65.

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