Nur ein Gott kann uns noch retten

Zum Ende des Kirchenjahrs werden die apokalyptischen Texte gelesen. Das Evangelium des Sonntags stammt aus den Endzeitreden Jesu. Es geht um nicht weniger als das Ende der Welt (Mk 13,24-33). Ich erinnere mich ganz gut an die Jahre, in denen viele gesagt haben: „Solche Texte zu lesen – was soll das? Es geht uns nicht an.“ Ich glaube, das hat sich verändert. Die apokalyptischen Botschaften haben auf einmal an Relevanz gewonnen. Das hat damit zu tun, dass nicht wenige das Gefühl haben: Wir leben in apokalyptischen Zeiten. Wir müssen uns ernsthaft mit dem Weltuntergang befassen. Das liegt an den Krisen unserer Tage. Die Corona-Krise ist sicherlich naheliegend. Sie stellt weiterhin eine weltweite Bedrohung dar. Viel stärker trägt allerdings die Klimadiskussion apokalyptische Züge. Die Botschaften des Klimagipfels in Glasgow waren wieder einmal eindringlich. Nur noch kurze Zeit zu handeln, bevor die Katastrophe eintritt. Es sei mehr als nur fünf vor zwölf.

Ähnlich wie im Evangelium geht die Bedrohung, die Ankündigung des Weltendes von der Natur aus. Es sind kosmische Katastrophen der Sonne, die sich verfinstert und der Sterne, die vom Himmel fallen. In den Abschnitten davor (Mk 13,1-23) ist von Erdbeben die Rede und von Hungersnöten. Im Denken der biblischen Zeit ist mit diesen Zeichen der Kosmos aus dem Gleichgewicht geraten und fällt in alte Zeiten zurück, bevor Gott das Chaos geordnet hatte. Die Welt ist aus den Fugen. Wer kann uns jetzt noch retten?

Im Laufe der Jahrhunderte haben die Menschen gelernt, den Naturgewalten zu trotzen. Sie fanden Lösungen, um Gefahren einzudämmen, modernste Möglichkeiten schöpferischer Kraft, um die Ordnung der Natur wiederherzustellen. Die Technik, die sich im Laufe der Zeit entwickelt hat und sich in die feinsten Verästelungen der Informationstechnik, Industrie oder Gentechnik ausgeprägt hat, ist Segen und Fluch zugleich. Je mehr der Mensch durch die Technik die Lebensbedingungen der Menschen verbesserte, desto mehr beschwor er auch neue Gefahren herauf. Zu den Kernüberzeugungen der heutigen Klimaschützer zählt ja, dass es gerade unsere Technik ist, die nun wiederum die Natur beeinflusst, dass die Bedrohungen der Erwärmung der Erde mit all ihren Folgen in dieser Technik ihre Ursache haben. Wir versuchen nun wiederum, diesen Gefahren mit neuer Technik entgegenzutreten. Irgendwie, so die Verheißung, werden wir es schon schaffen, die Ordnung der Erde wieder in den Griff zu bekommen. Wir müssen es nur politisch wollen und technisch umsetzen.

Der Philosoph Martin Heidegger hatte dieses schwierige Verhältnis des Menschen zur Technik schon Mitte des letzten Jahrhunderts beschäftigt. Er erkannte in der Technik natürlich vieles, was zum Fortschritt des Menschen und zu einem besseren Leben beitrug, aber er war grundskeptisch. Durch die Technik, so Heidegger, verliere der Mensch das gesunde Verhältnis zu sich selbst und zur Natur. Die Technik bilde so etwas wie die Grundstruktur des modernen Menschen, der alle Fragen nur noch technisch bearbeiten und beantworten wolle. Die Technik sei längst zu einer geschichtsbestimmenden Größe geworden. Heidegger sah den absoluten technischen Staat heraufkommen. In einem berühmten Interview wurde Heidegger dazu befragt. Er sagte, dass uns die Technik irgendwann überrollen würde. Sie würde uns beherrschen und nicht mehr wir die Technik. Als er nach einem Ausweg aus diesem Dilemma gefragt wurde sagte er: „Nur ein Gott kann uns jetzt retten. Uns bleibt die einzige Möglichkeit, im Denken und Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten für die Erscheinung des Gottes, oder für die Abwesenheit Gottes im Untergang, dass wir im Angesicht des abwesenden Gottes untergehen.“[1]

Es ist schon erstaunlich, dass ein so bedeutender Philosoph wie Heidegger hier auf einmal die Bilder der Apokalypse verwendet. Auch im Bibeltext wird der Untergang durch das Erscheinen Gottes als Menschensohn versöhnt und geheilt. Was Heidegger genau meinte blieb nebulös. Ein dezidierter Christ war er eher nicht. Es ging ihm wohl eher darum, den Menschen weiter mit seinem Ursprung in Kontakt zu halten, im Denken, aber auch im Hoffen und Lieben die Offenheit für die Begegnung mit Gott wachzuhalten. Die eigentliche Rettung, so die pessimistische Vermutung, werde wohl nicht vom Menschen selbst ausgehen können.

Ich denke, dass wir in diesen Zeiten gerade auf unsere Hoffnung zurückgeworfen sind. Das heißt nicht, dass man nichts tun soll, auch nicht, naiv darauf zu warten, dass sich schon alles richten wird. Nein, wir sollen tun, was richtig ist. Aber es geht darum, den Mensch gleichzeitig zu erden und auf seine höhere Bestimmung zu verweisen. Es ist gerade die Hoffnung, die den Blick über den Moment hinaus weitet, die Panik und das unbedachte Handeln eingrenzen kann. Der Glaube an einen Gott, der wiederkommt am Ende der Zeiten hält die Überzeugung fest, dass wir bei allen Verfehlungen und Schwächen auf das Gute hin geschaffen sind und auf dieses Gute zulaufen. „Richtet euch auf und erhebt euer Haupt“ (Lk 21,28), so heißt es an einer anderen Stelle in der Bibel. Verzweifelt nicht, sondern seid gewiss, dass ihr nicht einfach verloren und allein seid. Im Chaos der Welt steht ihr mit dem was ihr habt, mit eurem Verstand, eurer Liebe, eurem Glauben und eurer Hoffnung. Fürchtet euch nicht.


[1] Das ganze Interview aus dem Jahr 1976 hier: https://bublitz.org/wp-content/uploads/2018/03/Heidegger-Spiegel-31-05-1976.pdf.

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