Die „Schöpfung“ angesichts der ökologischen Frage – Teil 3

Die drängende ökologische Fragestellung verlangt nach einem neuen theologischen Ansatz, um die Sichtweise des Menschen, auch und gerade dessen, der als Glaubender von der Schöpfung Gottes sprechen möchte, zu verändern. Wie bereits gezeigt wurde, müsste sich eine systematische Betrachtung der Schöpfung trauen, die anthropozentrische Betrachtung des Schöpfungswerkes, seine Fokussierung auf die Fragen der menschlichen Natur und das Wesen der Sünde in Frage zu stellen. Folgt man Papst Franziskus in seinem Ansatz einer ganzheitlichen Ökologie, rücken die Mitgeschöpfe und ihre Würde, ihr „Mitspracherecht“ bei der Beantwortung der Frage nach einer ökologischen Ethik verstärkt in den Fokus. Zudem hat der Papst darauf aufmerksam gemacht, dass auch das „Mitgeschöpf Mensch“, also der soziale Zusammenhang unter den Menschen in der globalisierten Welt nach mehr Aufmerksamkeit verlangt. Die klassischen Schöpfungstraktate folgen weitgehend dem Muster „Natur/Kultur“, das Bruno Latour für überholt erklärt hat. Die christliche Schöpfungslehre beschränkte sich auf die Frage nach der Kultur und versuchte, sich biblisch-philosophisch und von der christlichen Denktradition her dem Schöpfungsthema zu nähern. Vernachlässigt wurde die wissenschaftliche Betrachtung der Natur, die meist nur eine Rolle spielte, wenn es darum ging, den historischen Streit Schöpfungsglaube versus Evolutionstheorie zu erklären. Wie kann also eine angemessene Reaktion der Theologie auf den herrschenden Ökologie-Diskurs aussehen?

Schöpfungstheologie unter neuen Vorzeichen

Einen in diesem Sinn erstaunlich fortschrittlichen Ansatz hat der evangelische Theologe Jürgen Moltmann bereits Mitte der 1980er Jahre verfolgt. Sein Buch „Gott der Schöpfung“ ist äußerst aktuell.[1] Offenbar wurde der Autor u.a. durch die bereits zitierten Schriften von James Locklove zu seinen Thesen inspiriert.[2] Moltmann wendet sich gegen eine strikte Unterscheidung von Gott und Welt. Sieht man in der Welt einen „neutralen Raum“ und rückt Gott als Schöpfer in weite Ferne, kann leicht das Missverständnis entstehen, die Erde sei dem Menschen zur Verfügung gestellt, während Gott sich aus ihr heraushalte. Die Ausbeutung der Erde ist auch Folge einer über die Jahrhunderte  übertriebenen Vorstellung von der Vorrangstellung des Menschen, der kraft göttlichen Auftrags die Welt unter egoistischen Nützlichkeitserwägungen „unterworfen“ hat. Moltmann möchte daher die Weltimmanenz Gottes, also Gottes Dasein in der Welt in das Nachdenken über die Schöpfung zurückbringen. Gott ruft die Welt ins Dasein „und manifestiert sich zugleich durch ihr Dasein“[3].  Ähnlich wie Thomas von Aquin verweist Moltmann dabei auf die Trinitätslehre als Ausgangspunkt für das Gott-Welt-Verhältnis. Der Heilige Geist rückt als „Organisationsprinzip“ der menschlichen Gemeinschaft (sozialer Aspekt) und der der Gemeinschaft in der Schöpfung (ökologischer Aspekt) in den Mittelpunkt:

„Durch den Geist sind menschliche Gesellschaften als Teilsysteme mit dem Ökosystem Erde (Gaia) verbunden, denn die menschlichen Gesellschaften leben in und von den Kreisläufen von Erde und Sonne, Luft und Wasser, Tag und Nacht, Sommer und Winter. Menschen sind also Teilnehmer und Subsysteme des kosmischen Lebenssystems und des ihm innewohnenden göttlichen Geistes.“[4]

Die Anklänge an Lovelock sind kaum zu überhören. Die Erde als Lebenssystem wird durch den Geist erhalten. Dies greift eine alte romantische Idee von der Beseelung der Welt durch den Geist auf. Ob man in dieser Weise vom Heiligen Geist sprechen kann, ist sicher heute strittig. Der Geist ist bei Moltmann Miturheber der Schöpfung (Gen 1,3), Prinzip der Kreativität, aber auch der Einheit, der Gemeinschaft, wie auch der Individualität.[5] Die Einwohnung des Geistes beschreibt Moltmann als Panentheismus (nicht zu verwechseln mit „Pantheismus“) und möchte damit deutlich machen, dass es nicht darum geht, einen „göttlichen Kern“ in den Dingen der Welt zu suchen, sondern die Einwohnung Gottes eher im Sinne der ordnenden und differenzierenden Weisheit Gottes zu sehen, etwa wie die „Spur“ von der Thomas von Aquin gesprochen hatte.

Im Kern landet Moltmann bei einer ganz modernen Schlussfolgerung: Weil alles Leben auf der Erde vom Schöpfer gewollt und erhalten wird, umfasst ein geistliches Leben, also eines, das sich um eine Gottesbeziehung müht und einen Ausdruck des Glaubens im eigenen Leben ausbildet, ein Bewusstsein für die sozialen, ökologischen und kosmischen Zusammenhänge. Naturwissenschaften und Religion nähern sich an (Latour würde sagen: der Gegensatz „Natur/Kultur“ wird überwunden). Sie formen sich zu einem vereinten ökologischen Bewusstsein.[6] Das individuelle Lebenssystem muss sich wieder neu in seine Lebenswelt integrieren. Der Mensch ist für Moltmann nicht länger Gegenüber zur Schöpfung. Das anthropozentrische Weltbild wird überwunden.[7] Vielmehr hat der Mensch den Auftrag, in und mit der Schöpfung zu handeln. Moltmann denkt hier heilsgeschichtlich: Die gestörte und aus dem Gleichgewicht geratene Schöpfung soll durch das Wirken des Geistes wieder zu einer versöhnten und erlösten Schöpfung werden. Die Welt in ihrem jetzigen Zustand gibt ein (wenn auch unvollkommenes) Bild der zukünftig erhofften Vollendung, die den Menschen in die Pflicht nimmt, seinen Beitrag zu dieser Vollendung zu leisten. Menschen sind „Mitglieder der Schöpfungsgemeinschaft“[8] und als solche ihren Mitgeschöpfen verpflichtet. Die Krone der Schöpfung, so Moltmanns Interpretation, ist nicht der Mensch sondern der Sabbat, der siebte Tag, an dem das Schöpfungswerk vollendet ist. Es ist der Tag der Ruhe.[9]

Ruhe

Die letzte Bemerkung über den Sabbat führt wieder in die Gegenwart. Vor kurzem sah ich einen Fernsehbericht über die Insel Capri vor Neapel. Sie ist über Jahrhunderte hinweg ein beliebtes Reiseziel und eines der Opfer einer beständigen touristischen Übervölkerung. Millionen von Menschen werden jährlich mit Schiffen auf das kleine Eiland gebracht. Durch den Corona-Lockdown war Capri für einige Monate vom Touristenstrom abgeschnitten. Die Bewohner der Insel, Fischer und Naturforscher haben Erstaunliches festgestellt. Die Insel regeneriert sich. Auf einmal finden die Fischschwärme in die Gewässer zurück. Die Fischer berichten über Fänge, wie sie zuletzt vor fünfzig Jahren möglich waren. Naturschützer beobachten eine Erholung der Insekten- und Vogelbestände. Auch die Pflanzen reagieren auf die verordnete Pause. Es scheint, als habe die Natur im Lockdown Selbstheilungskräfte entwickelt. Das Ökosystem lebt auf. Dieses ist nur ein kleines, vielleicht extremes Beispiel. Man muss darin auch kein Wunder sehen. Der Rückgang von Lärm und Wasserverschmutzung, die ständige Überbesiedlung der Felseninsel mit Besuchern, haben offensichtlich Auswirkungen auf das Ökosystem gehabt, die zum Glück noch nicht unumkehrbar waren. 

Der biblische Schöpfungsbericht endet mit dem siebten Tag. Man könnte die Ruhe, die ihn ausfüllt als ein Gleichgewicht der Kräfte deuten, das sich im Schöpfungswerk eingestellt hat. Gott als Schöpfer hat seine Idee ins Dasein gerufen, so dass sie in Freiheit in sich bestehen kann. Vielleicht ist diese Ruhe der wertvollste Beitrag, den der Mensch im Sinne einer ganzheitlichen Ökologie heute leisten kann. Sie könnte handlungsleitend werden. Wenn der Respekt vor den Mitgeschöpfen, die Anerkennung Wertes und Lebensrechtes handlungsleitend sind, sollte nur das getan werden, was für den Menschen bei Eingriffen in die Schöpfung unbedingt nötig ist. Ansonsten sollte der Mensch die anderen Dinge und Wesen in Ruhe lassen. Der Grundsatz des ethischen Handelns besteht in einem Vorrang der Ruhe vor der Aktion. Der Mensch hätte tatsächlich seine Gottebenbildlichkeit in dieser Fähigkeit zum Ruhen in besonderer Weise ausgeprägt. Niemand möchte den Menschen damit ihre Rechte absprechen, sich zu ernähren, zu kleiden, zu wohnen, zu reisen, sich zu vergnügen. Niemand möchte den technischen Fortschritt verhindern. Im Sinne von Papst Franziskus geht es aber um die Eindämmung einer Logik, die auf die Erzeugung von Überfluss angelegt ist und die beständige Befriedigung neu geschaffener Bedürfnisse verspricht. Eine solche Logik ist, wie die Enzyklika „Laudato si’“ verdeutlicht, sowohl in sozialer als auch ökologischer Hinsicht fatal, weil sie andere Menschen und die Erde im Sinne eines wirtschaftlichen Denkens zu Mitteln und Ressourcen im Streit um den größten Wohlstand erklärt. Es geht also um eine Ethik, die das Lebensrecht der anderen und der Schöpfung anerkennt und die Folgen des eigenen Handelns für sie mitbedenkt. Eine maßvolle, vorsichtige und demütige Haltung den Mitgeschöpfen gegenüber würde zumindest helfen, Exzesse und Ausbeutung einzuschränken. Das Zielbild, auf das die Schöpfung hinsteuert ist biblisch nicht das Schlaraffenland, das jedem ein Luxusleben verheißt. Das Ziel ist eine universale Gemeinschaft von Gott, Mensch und Schöpfung, die den tiefen Frieden des siebten Schöpfungstages wieder aufnimmt.


[1] Moltmann, Jürgen, Gott in der Schöpfung, München 1987 (1985).

[2] Moltmann, 302.

[3] Moltmann, 29.

[4] Moltmann, 32.

[5] Moltmann, 110ff.

[6] Moltmann, 48.

[7] Moltmann, 149.

[8] Moltmann, 194.

[9] Moltmann, 195.

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