Schwächen und Stärken [Geistlicher Impuls zum 2. Adventssonntag]

Wer schon einmal eine Bewerbung geschrieben hat, weiß, wie wichtig es ist, die eigenen Schwächen und Stärken gut zu kennen. In der Bewerbung selbst geht es darum, die Stärken nach vorne zu stellen und die Schwächen möglichst zu verbergen. Allenfalls sind sie „Dinge, an denen ich noch arbeiten muss“. Diese Logik der Selbstoptimierung ist in unserer Gesellschaft tief verankert. Die „Performance“ muss stimmen, d.h. ich möchte andere durch meine Stärken überzeugen. Millionen von youtube-Clips dienen dazu, der Öffentlichkeit noch unentdeckte Talente zu präsentieren: „Seht, wie gut ich singen kann“, „seht, welche tollen Tipps ich für Euch habe“, „seht, wie eloquent ich bin“. Es ist doch interessant, dass das Evangelium diese Logik so nicht akzeptiert. In dem Gleichnis vom Pharisäer, der im Tempel betet und sich vor Gott für seine Frömmigkeit rühmt, karikiert Jesus die Haltung geradezu. Er sagt: Besser handelt der Zöllner, der Gott seine Schuld hinhält und um Vergebung bittet. Aber auch dieses Gleichnis kann noch so gelesen werden, als ginge es einfach darum, seine Schwächen als „Dinge, an denen ich noch arbeiten muss“ zu lesen. Diese Lesart ist in Bezug auf die Sünde sicher auch richtig. Schließlich geht es in der Sendung Christi auch immer darum, die Macht der Sünde zu brechen.

Die Frage der Stärke und Schwäche verdient aber auch noch eine tiefere Auslegung. In diesem Zusammenhang nämlich steht die zweite Lesung des zweiten Adventssonntags. Paulus schreibt im Römerbrief einen langen Abschnitt zum Umgang mit denen, die im Glauben schwach sind:

„Brüder! Alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott der Geduld und des Trostes schenke euch die Einmütigkeit, die Christus Jesus entspricht, damit ihr Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, einträchtig und mit einem Munde preist. Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes. Denn, das sage ich, Christus ist um der Wahrhaftigkeit Gottes willen Diener der Beschnittenen geworden, damit die Verheißungen an die Väter bestätigt werden. Die Heiden aber rühmen Gott um seines Erbarmens willen; es steht ja in der Schrift: Darum will ich dich bekennen unter den Heiden und deinem Namen lobsingen.“ (Röm 15, 4-9)

Der Abschnitt reflektiert den Umgang mit der Schwäche. Paulus hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Christus in sich selbst die Zeichen der Schwäche und der Stärke vereint. Das Kreuz ist zutiefst ein Ausdruck des Leidens und des Scheiterns, zugleich aber auch ein Zeichen der Erlösung und des Überwindens. Erst durch die Schwäche kommt die Stärke zum Ausdruck. Deshalb ist ihm die Annahme der Schwachen so wichtig: „Nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat“. In der Gemeinschaft der Christen, im „Leib Christi“ gilt nicht das Prinzip des Ausschlusses der Schwachen, sondern das Prinzip der Integration. Manchmal kann gerade das Schwache dazu helfen, das Ganze stark zu machen. Dies gelingt in dem Maße, wie es möglich ist, den Schwachen zu stützen und zu unterstützen.  

Von Franziskus von Assisi wird berichtet, wie er am Ende seines Lebens zu einer wichtigen Einsicht gekommen ist. Franz litt an verschiedenen schweren Krankheiten. Seine ursprüngliche Schaffenskraft, die es ihm ermöglicht hatte, unermüdlich in der Verkündigung zu arbeiten und sich um die Armen zu kümmern, war erloschen. Nun war er selbst hilfsbedürftig geworden. In dieser Situation soll er zu seinen Mitstreitern gesagt haben: „Meine Brüder, lasst uns endlich anfangen, Gott zu dienen. Bisher haben wir es noch nicht getan.“ Dieser Satz ist merkwürdig. Hatte Franz nicht genug getan, um Gott zu dienen? Man könnte die Aussage so lesen, als ob Franziskus nun seine Verantwortung abgeben wolle und die anderen in die Pflicht nimmt, nun mit aller Kraft das angefangene Werk fortzusetzen. Vielleicht geht es aber auch um etwas anderes. Es kann ebenso gut sein, dass Franziskus die Situation der Schwäche als Teil seines Gottesdienstes versteht. Die Dimension der Nachfolge im Leiden und in der Schwäche hatte sich ihm, der schließlich das Kreuz Christi so tief und intensiv betrachtet hatte, neu erschlossen. Durch seine Schwäche fügt er etwas Neues zu seiner Verkündigung hinzu.

Für die zweite Woche könnte ich diesem Aspekt der Schwäche einmal nachgehen. Könnte es sein, dass in meinen Schwächen etwas liegt, das für mein Verhältnis zu Gott und den Mitmenschen wichtig ist? Wenn die Schwäche nicht einfach nur etwas ist, gegen das ich angehen muss um es zu überwinden, welcher verborgene Sinn könnte in ihr liegen? Ich vermute, dass jeder von uns schwache Seiten kennt, die er nicht loswird. Dabei geht es nicht um Dinge, die einfach objektiv schlecht sind, sondern um Dinge, vor allem um Haltungen und „Wiederholungsfehler“, die ich nicht überwinden kann. Ich könnte mir eine solche Schwäche herausnehmen und sie im Gebet Gott hinhalten. Wo könnte die Stärke Gottes sie zu etwas Gutem hinführen? Gibt es vielleicht einen verborgenen Sinn in ihr, so dass ich sie als Teil meines Lebens akzeptieren und vielleicht sogar für das Gute nutzen kann? Wir dürfen davon ausgehen, dass Gott uns zum Guten führen möchte. Wir müssen zugleich davon ausgehen, dass wir dabei immer fehlerbehaftete, geschwächte und unvollkommene Persönlichkeiten sind. Paulus selbst geht sogar noch einen Schritt weiter: „Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt“ (1 Kor 1,27). Das ist ein realistischer Blick. Wir sind nicht aus uns vollkommen und wir können es aus uns auch nicht erreichen. Es bedarf immer der Ergänzung. Unsere Schwäche bedarf der Stärke der anderen und immer wieder der Liebe Gottes, die das Schwache aufrichten und stärken möchte.

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