Andere Welten [Texte der NDR-Radioandachten 25.-30.11.19]

1. Weltuntergang

„Ich verstehe die Welt nicht mehr“ – der ältere Herr, der mir das sagte, lehnte sich dabei vertraulich zu mir herüber: „Wenn man sich das ansieht: Klimawandel, Naturkatastrophen, Kriege, Hunger, Gewalt, Terror – hat die Bibel das nicht alles schon vorhergesagt? Könnte es sein, dass die Welt jetzt untergeht?“ Der Mann hat recht, zumindest, was die Bibel angeht. Jesus spricht an verschiedenen Stellen vom Ende der Welt. Er wendet sich an die Jünger und sagt: „Ihr könnt an bestimmten Zeichen sehen, dass diese Welt vorübergeht.“ Zu diesen Zeichen gehört, dass es Überflutungen und Erdbeben geben wird, dass die Gestirne vom Himmel fallen, dass Zeiten großer Not und Verfolgung kommen und Kriege auf der ganzen Erde. Durch die Jahrhunderte haben Menschen diese Zeichen gesehen. Immer wieder hat es Propheten gegeben, die den Untergang der Welt kommen sahen. Es gibt ganze Epochen, in denen die Rede vom Weltuntergang Konjunktur hatte: Beim Zusammenbruch des römischen Reiches, im hohen Mittelalter, zur Zeit des dreißigjährigen Krieges oder in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Prophezeiungen haben sich nicht erfüllt. Jesus sagt den Jüngern nämlich auch: Den Zeitpunkt, wann es geschieht, kennt niemand.

Ich kann in der Rede von der untergehenden Welt Zeichen des Widerstands, des Auflehnens und der Hoffnung sehen. Eine solche Welt der Katastrophen und Kriege darf nicht bestehen bleiben. Sie kann von Gott nicht gewollt sein. Eine solche Welt muss untergehen, damit eine neue entstehen kann. Und so gebiert das drohende Ende der Zeiten die Hoffnung auf eine andere Welt. Sie soll aus den Samenkörnern des Guten erwachsen, die Gott in unsere Welt gelegt hat. Die Zeit der Krise ist die Zeit der Prüfung und des Gerichtes, eine Zeit, in der Gut und Böse bewertet und voneinander geschieden werden müssen. Die Botschaft Jesu ist: eine andere Welt ist nicht nur möglich, sondern sie wird kommen, immer wieder in der Geschichte und einmal an deren Ende.

2. Utopie

Ich wohne in Schwerin. Mehrmals in der Woche führt mich mein Weg auf den großen Dreesch, einem Neubaugebiet der 70er Jahre. Der Stadtteil ist eine sozialistische Mustersiedlung. An der Hamburger Allee, die früher Leninallee hieß steht bis heute ein Denkmal des Namensgebers der Straße. Breitbeinig steht Lenin dort, mit einem entschlossenen Blick, der in die Ferne schaut. Er sieht in die Zukunft, erwartet den Sieg des Kommunismus, der die klassenlose Gesellschaft und damit eine Art Himmel auf Erden verhieß.

Marx hatte dem Christentum vorgeworfen, die Menschen auf ein Jenseits zu vertrösten, statt das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er war überzeugt, dass die Herrschaft der Arbeiter eine zwangsläufige Entwicklung in der Geschichte sein würde. Es galt nun, diese Entwicklung durch Revolution, kommunistische Agitation und Umerziehung zu beschleunigen. Eine andere Welt war möglich. Sie erforderte nur den unbedingten Einsatz aller, die diese Welt erwarteten.

Als die DDR und mit ihr der kommunistische Ostblock zusammenbrache war dies auch eine ideologische Kapitulation. Die Menschen wollten den Heilsverheißungen der Kommunisten nicht mehr vertrauen. Was sie in ihrem Alltag erlebten, ließ sie an der Utopie zweifeln. Zugegeben, auch an der christlichen Utopie zweifeln viele. Sie verspricht eine andere Welt aus göttlicher Initiative. Die neue Wirklichkeit wächst langsam, wie ein Sproß aus einem Senfkorn, aus dem einmal ein großer Baum werden soll. So sagt es Jesus in einem Vergleich. Zugleich aber motiviert die Utopie seit Jahrhunderten Menschen dazu, ihr Leben und Handeln an ihr auszurichten. Die Saatkörner eines Gottesreiches der Liebe und des Friedens wachsen nur langsam. Ihre Triebe werden immer wieder zerstört. Aber die einmal ausgesäte Saat sproßt immer wieder auf. Es sind nicht die Menschen, die aus eigenem Antrieb das Wachsen beschleunigen könnten. Sie können nur versuchen, immer wieder den Boden zu bereiten. Ein solcher Weg ist mühsam, aber er geht an der menschlichen Freiheit nicht vorbei. 

3. Gegen-Welten

Was kann ich tun, wenn ich diese Welt nicht mehr aushalte? Ich könnte mir eine neue suchen!

Die Sehnsucht nach einer anderen Welt zeigt sich in unterschiedlicher Weise. Serien wie „Goodbye Deutschland“ zeigen Menschen, deren Leben eine Krise durchmacht. Arbeitslosigkeit, das Scheitern von Beziehungen, das Gefühl von Trostlosigkeit und Stillstand lassen sie von einem neuen Leben träumen. Auswandern – irgendwohin, wo es schön ist. Ein anderes Leben, eine andere Welt. Diese andere Welt gibt es auch in kleineren Formaten. Gartenfreunde sprechen von ihrem „eigenen Reich“. Gemeint ist ein Ort, an dem sie selbst die Regeln bestimmen können. Der Garten ist ein Gegenpol zum anstrengenden Leben „da draußen“.

Zu allen Zeiten hat es zudem Aussteigerkulturen gegeben. Menschen, die mit der Welt wie sie ist unzufrieden sind, haben ihre eigenen Gesellschaften gegründet. Sie tauchen in einer vermeintlich besseren Welt unter mit anderen Gesetzen und Konventionen. So bewege ich mich in Internet-Rollenspielen in einem ganz eigenen Kosmos, genauso wie in alternativen Siedlungen wie etwa der Baumhausstadt im Hambacher Forst. Das Spektrum reicht bis zu den fatalen Gegenwelten der Reichsbürger. Alle Bewohner solcher Sonderwelten haben gemeinsam, dass die wirkliche Welt sie nicht mehr oder nicht mehr ganz zu integrieren vermag. Die Verweigerung gegenüber den herrschenden Gesetzmäßigkeiten folgt der Aufbruch in die Gegenwelt.

Offenbar hatten auch einige Jünger das von Jesus angekündigte „Reich Gottes“ so verstanden. Es war für sie eine neue Gemeinschaft innerhalb einer schwierigen Welt voller Konflikte. Jesus weist solche Gedanken zurück: „Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch“ sagt er zu den Jüngern (Lk 17,21). Das Reich Gottes ist keine Gegenwelt, sondern wächst in diese Welt hinein. Es ist keine Oase der Gottseligen, sondern soll diese Welt durchdringen wie der Sauerteig das Mehl (Lk 13,21). Deswegen ist das Christentum keine Weltflucht, sondern bedeutet Arbeit in und mit der Welt. Es ist genau unsere Wirklichkeit, in der Friede, Hoffnung, Glaube und Liebe wachsen sollen.     

4. Unterwelt

Der Untergrund des Petersdoms in Rom birgt einen geheimnisvollen Ort. Unter der Kirche liegt eine heidnische Totenstadt. Beim Bau des Doms durch Kaiser Konstantin wurde sie zugeschüttet, weil in ihrer Nähe das Grab des Apostels Petrus lag. Für die damalige Zeit war das ein unerhörter Vorgang. Die Römer bauten ihren Verstorbenen kleine Häuser, in denen die Toten bestattet wurden. Diese Nekropolen lagen außerhalb der Stadt. Die Römer fürchteten, von Geistern der Ahnen heimgesucht zu werden. Daher errichtete man ihnen eigene Bezirke und besuchte sie dort. Man wollte, dass es ihnen gut geht.

Die Vorstellung eines Totenreiches, einer eigenen Welt jenseits unserer weltlichen Grenzen war in der Antike weit verbreitet. Auch die Juden kannten eine solche Unterwelt, die Sheol, in der die Verstorbenen als Schatten ein gewisses Weiterleben erfuhren.

Das Totenreich war eine Welt für sich, zu der die Lebenden keinen Zugang hatten. Sagen und Mythen berichten von einigen wenigen, denen es gelungen war die Unterwelt zu betreten. Dem Sänger Orpheus wurde gestattet, seine verstorbene Geliebte, die Nymphe Eurydike, aus der Unterwelt zu befreien. Ihm gelang der gefahrvolle Abstieg. Auf dem Rückweg allerdings unterlief ihm ein Fehler. Er mißachtete das Verbot, sich nach der Geliebten umzuschauen und fand den Weg nicht mehr zurück.

In der christlichen Tradition taucht die Totenwelt an einer wichtigen Stelle im Glaubensbekenntnis auf. Dort heißt es, Jesus sei nach seinem Sterben „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Anders als Orpheus allerdings, besiegt er die Macht des Todes und öffnet den Verstorbenen den Weg zum Leben. Auf alten Osterbildern führt Jesus die Toten durch die geöffnete Tür der Unterwelt in das Paradies zurück. Das Totenreich ist damit kein verschlossener Ort mehr. Die strikte Trennung zu dieser anderen Welt ist aufgehoben. Im Petersdom kann man das nacherleben. Steigt man nach dem Besuch der Nekropole wieder nach oben, findet man sich im bunten Treiben in der Kirche wieder. Das Reich der Lebenden und der Toten sind eng miteinander verbunden.    

5. Himmlische Welt

Gibt es jenseits unserer Erde auch andere Welten, in denen Menschen leben können? Der niederländische Schriftsteller Michel Faber hat vor kurzem eine solche Welt beschrieben. In seinem Roman „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ erzählt er die Geschichte des christlichen Pastors Peter, der für eine Raumfahrtmission ausgewählt wird. Er landet auf einem fernen Planeten, auf dem eine Weltraumkolonie aufgebaut wird. Anders als erwartet, ist dieser Planet ein erstaunlich ruhiger und fast liebenswerter Ort. Peter verliert schnell sein Herz an diese ferne Welt, auch weil die dort lebenden Ureinwohner offenbar begierig auf die christliche Botschaft gewartet haben. Aber es gibt ein Problem. Peters Frau Bea, die auf der Erde geblieben ist, gerät in große Schwierigkeiten. Peter kann ihr auf die Entfernung nicht helfen. Lediglich kurze Textnachrichten sind möglich. Stück für Stück verliert Peter zunehmend den Kontakt und damit alles, was ihm auf der Erde wichtig gewesen ist. Die neue Welt hat ihn gefangengenommen.

Was Faber in seinem Buch erzählt, handelt von einer Art kosmischen Vorhimmel. Weit entrückt von der Wirklichkeit des täglichen Lebens gibt es eine himmlische Parallelwelt. Tatsächlich stellen sich viele den Himmel, also die göttliche Sphäre, als einen solchen entrückten Ort vor. Wer dort ankommt, schließt mit dem irdischen Leben ab. Der Himmel ist eine ganz eigene Realität. Was wäre das allerdings für ein Himmel, der vor allem ein langsames Vergessen bedeutete? Müsste nicht auch ein himmlisches Dasein weiter mit dem Leben und der eigenen Geschichte verbunden sein? Kann es eine himmlische Freude nicht wirklich erst dann geben, wenn alle Geschichte sich im Himmel vollendet hat? Daher kennt die christliche Tradition den Himmel als einen offenen Ort. Gott und Menschen interagieren miteinander. Der Himmel steht nicht jenseits der Geschichte, sondern nimmt an ihr teil. Er ist nicht der Ort des langsamen Vergessens, sondern der Erinnerung und der lebendigen Beziehung.   

6. Neue Welt

Am Ende der Bibel steht eine gewaltige Vision. Die letzten Kapitel der Offenbarung des Johannes erzählen von der himmlischen Stadt Jerusalem. Aus dem Himmel senkt sich die Stadt nieder und eine Stimme sagt: „Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.“ (Offb 21,3f.)

Das neue Jerusalem ist ein Bild für die erlöste Welt. Was hier entsteht, ist keine neue Welt. Es ist vielmehr die erneuerte Welt. Das Buch der Offenbarung hatte zuvor erzählt, wie die feindlichen Kräfte ihre Macht verlieren. Die Gewalt, die Sünde und der Tod sind besiegt. Von nun an ist die Welt frei. Es gibt keine Gegenwelten mehr. Die Welt des Bösen, die Unterwelt, auch der Himmel existieren nicht mehr. Alle Welten fallen zu einer zusammen. Am Ende ist es wieder wie am Anfang. Das Paradies als Ort, an dem Gott und Mensch sich begegnen, ist wieder neu entstanden.

Die Texte vom neuen Jerusalem werden in diesen Tagen am Ende des Kirchenjahres in vielen Gottesdiensten gelesen. Sie sind seit Jahrhunderten Texte des Trostes, aber auch Texte, die Menschen dazu bewegen, die Zeichen der versöhnten Welt im Heute zu suchen. Gegen die Flucht in andere Welten, gegen Abschottung, Echokammern und Filterblasen erinnert die Offenbarung an die eine Wirklichkeit, in der wir leben. Es ist nicht meine persönliche Welt, die erlöst werden muss, während andere untergehen, sondern es unsere gemeinsame Welt, die trotz allem ein Ort der Verständigung und des Heiles sein soll. Eine andere Welt ist möglich, aber sie ist nicht fern von uns, sondern diese Welt, in der wir leben.

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