50 Jahre Heimatgemeinde

Der folgende Text ist ein Vortrag, den am 07. Mai 2019 anlässlich des 50jährigen Bestehens meiner Heimatgemeinde St. Hedwig in Norderstedt gehalten habe. Er reflektiert das Kirchenverständnis des II. Vatikanischen Konzils und seine Auswirkungen auf das kirchliche Leben einer neu gegründeten Pfarrei.

Ich möchte mit einer persönlichen Erinnerung beginnen. 1986 zog unsere Familie von Siegen nach Henstedt-Ulzburg. An einem der ersten Sonntage nach unserem Umzug machten wir uns auf den Weg zu unserer neuen Pfarrkirche St. Hedwig in Norderstedt und besuchten die Heilige Messe. Das war für mich ein irritierendes Erlebnis. Zum einen war die lange Anfahrt mit dem Auto ungewohnt. In Siegen waren wir zur Fuß zur Kirche gegangen und hatten dabei die Auswahl zwischen zwei Gemeinden, die wir auf diese Weise erreichen konnten. Dann irritierte mich die Kirche. Ich kannte bewusst nur den klassischen Kirchbau mit einer erhöhten Altarinsel und den Bänken, die in gerader Linie auf den Altar ausgerichtet waren. Es ging weiter. Statt eines großen Einzugs kam der Pfarrer allein. Die gewohnten Messdiener hatten scheinbar heute frei, so dass die verschiedenen Dienste von Leuten aus der versammelten Gemeinde wahrgenommen wurde. Es bedurfte einiger wiederholter Besuche, bis ich merkte, dass das offensichtlich hier immer so war – für mich eine große Enttäuschung, da ich mich angesichts der bevorstehenden Erstkommunion darauf eingerichtet hatte, selbst Messdiener zu werden. Die anfänglichen Irritationen legten sich mit der Zeit. Wir fanden damals schnell Anschluss an andere Familien und ich lernte über das Zeltlager und über die Familienwochenenden in Nütschau schnell neue Freunde kennen. St. Hedwig wurde über die Jahre für mich zur Heimat und ich war nach einiger Zeit stolz darauf, dass hier gefühlt alles etwas anders war. Bis ich allerdings verstand, was das gefühlt andere war, sollten noch einige Jahre vergehen.

Ich freue mich, dass ich heute zum Jubiläum ein wenig von meinen Einsichten und Reflexionen an Sie und Euch weitergeben kann. Mich erfüllt das mit Dankbarkeit und Stolz, dass ich zum Festvortrag eingeladen wurde. Ich fühle mich weiter eng mit St. Hedwig verbunden, nicht nur wegen der vielen Freunde und Bekannten, die weiter hier sind, sondern auch, weil dieser Ort für unsere Familie wichtig geworden ist. In dieser Kirche haben meine Geschwister und ich Erstkommunion und Firmung gefeiert, meine Schwester wurde hier getauft. Wir haben meine Diakonweihe in dieser Kirche gefeiert, außerdem die Silberhochzeit meiner Eltern. Viele Jahre ich meine Freunde hier sonntags getroffen. Wir saßen immer im vom Altar aus gesehen linken Bankblock, relativ weit hinten. In diesen Jahren haben wir viele Familiengottesdienste musikalisch bespielt. Ich könnte noch viel mehr nennen. Ich vermute, dass es den meisten hier im Saal ebenso geht. Eine Kirche und eine Gemeinde sind ein Ort der Lebensgeschichte, verbunden mit vielen Erinnerungen und vielen Personen, mit Freude, Wehmut, vielleicht auch mit manchem Ärger oder Enttäuschungen.

Es geht in diesem Vortrag aber nicht um meine Erinnerungen, sondern es geht darum, über diese Kirche und diese Gemeinde mit ihrer Prägung nachzudenken, theologisch wie auch praktisch, wohlwollend und kritisch zugleich, mit Rück- und Ausblicken. Ein zentrales Thema ist dabei das Kirchenverständnis. St. Hedwig ist aus Sicht eines Theologen ein Musterbeispiel für eine historische Entwicklung. Es geht um den Neuansatz des II. Vatikanischen Konzils und seine Rückwirkungen auf die Kirche vor Ort. Kirchenbau, Liturgie und Gemeindeverständnis in Norderstedt sind Zeugen für einen neuen Ansatz. Und zugleich stehen sie für die Herausforderung, mit geschichtlichen Brüchen und Veränderungen. Auch die katholische Kirche, auch die Theologie haben sich in den letzten 50 Jahren weiterentwickelt. Die Kirche steht heute in einer veränderten Situation mit ganz eigenen Herausforderungen auch gesellschaftlicher Art.

1. Ein neues Kirchenbild

Beginnen möchte ich mit der Geschichte der Kirche und mit Hans Becher. Hans Becher kam 1969 im Errichtungsjahr der Kirche nach Norderstedt, das es damals noch gar nicht gab. Die Stadt wurde 1970 gegründet. Vielmehr wurde er Pfarrer von Friedrichsgabe. Das Bistum hatte angesichts der wachsenden Umlandgemeinden Hamburgs den Bau neuer Kirchen beschlossen. Die Pfarrkirche St. Annen am Schmuggelstieg erfuhr eine in dieser Zeit typische Ausgliederung. Die neue Pfarrei sollte weiter im Norden entstehen. Kirchlich war es eine bewegte Zeit. Hans Becher hatte Mitte der 50er Jahre mit dem Theologiestudium begonnen. Zu Beginn des zweiten vatikanischen Konzils 1962 war er bereits Kaplan in Papenburg. Er hat die Umbruchzeit des Konzils als junger Priester erlebt und sich wie viele Priester seiner Generation intensiv damit auseinandergesetzt. Mit seiner ersten Pfarrstelle in der neuen Kirche in Friedrichsgabe ergab sich für ihn die Möglichkeit, eine Gemeinde neu aufzubauen und sie nach den damals gängigen Vorstellungen einer modernen und im Geist des Konzils erneuerten Gemeinde zu gestalten.

Bereits der Kirchenbau von St. Hedwig war einem neuen Kirchenbild geschuldet. Dieses Kirchenbild hatte sich in den 1920er Jahren entwickelt und war auf dem II. Vatikanum offiziell bestätigt und ergänzt worden. Es wäre zuviel, die ganze Geschichte dieses Kirchenbildes zu erzählen. Ich möchte nur ein paar markante Punkte nennen: Nach dem 1. Weltkrieg gab es einen neuen gesellschaftlichen und kirchlichen Aufbruch, der sich zunächst in den Jugendbewegungen und in den Alternativ- und Aussteigerkulturen zeigte. Ein zentrales Stichwort dieser Zeit war „Leben“. Die Jugendbewegung erhob gegen eine einseitige rationale Welterklärung Einspruch. Es ging darum, das Leben und die Gemeinschaft in allen ihren Dimensionen (heute würden wir sagen „ganzheitlich“) zu erfassen. Im Kern ging es gegen Technisierung, Individualisierung und Bürokratie um eine Wiederentdeckung der Natur als Lebensort, um die Sorge für Leib und Seele, um eine Rückkehr zu ursprünglichen Lebensformen, inklusive einem neuen Gemeinschaftsempfinden und einer neuen Mystik. Es galt, auf das Innere der Dinge zu schauen, in ihnen eine geheimnisvolle Geschichte und Symbolik zu sehen.

Für die Kirche bedeutete dies, dass man sie nicht mehr als eine Heilsorganisation wahrnehmen wollte, in der jeder individuell sein Seelenheil fand, wenn er sich an Ritus und Moral hielt. Es ging um ein inneres Erleben, um einen existentiellen Zugang zu Gott und zum Glauben. In dieser Zeit wurde an einigen Stellen mit der Liturgie, also dem Gottesdienst experimentiert. Wie konnten die Teilnehmer des Gottesdienstes Gemeinschaft mit Christus und Gemeinschaft untereinander wirklich erfahren? Dazu wurde in einigen Kirchenräumen die traditionelle Anordnung verändert. Die Gemeinschaft versammelte ich um den Altar, war also „nahe dran“. Mit Gesängen, Antworten und Gebeten sollten sich die Gläubigen am Gottesdienst beteiligen, also aktive Teilnehmer einer geistlich vertieften Christusbegegnung werden. Das große Stichwort hieß damals: Die Kirche ist der „Leib Christi“, also eine Gemeinschaft der verschiedensten Glieder, die von Christus belebt und erfüllt werden. Ein zweites kam in dieser Zeit dazu. Die Gläubigen verstanden sich mehr und mehr als eigenständige geistliche Menschen. Christ zu sein ist nicht nur ein Automatismus, der über die Teilhabe an den Sakramenten abgesichert wurde, sondern ein eigener Weg der Christusnachfolge, die eben nicht bloß den Klerikern und Ordensleuten, sondern allen offenstand. In dieser Zeit entwickeln sich wichtige katholische Laienorganisationen, die Arbeiterjugend, der „Bund Neudeutschland“, die katholische Aktion, geistliche Laiengemeinschaften wie die Legio Mariae oder die Schönstattbewegung.

Ab den 40er Jahren regte sich gegen die „Leib Christi“-Begeisterung Widerstand. Einige Theologen sahen, dass das Kirchenbild zu sehr ins Mystische und Schwärmerische abglitt. Kann man mit dem Begriff „Leib Christi“ wirklich die ganze Wirklichkeit der Kirche beschreiben? Der Dominikaner Mannes Koster schrieb 1940 eine harsche Kritik an der Leib Christi-Bewegung. Er betonte, dass es sich bei der Kirche eben nicht bloß um eine innerliche, sondern auch um eine äußerliche Wirklichkeit handelte, mit einer Organisation, mit einem eigenen Recht und mit dem kirchlichen Amt. Daher, so Koster, sei es angebrachter, von der Kirche als „Volk Gottes“ zu sprechen, weil in diesem biblischen Begriff sowohl die hierarchische Organisation als auch das geistliche Leben angesprochen würden. Parallel entwickelte sich in Frankreich ebenfalls die Rede vom „Volk Gottes“ als Kirchenbegriff, weil man sagte, dass sich in diesem Begriff die Gemeinschaft in der Kirche am besten ausdrücken ließe. Alle Gläubigen, Priester und Laien gehören zum Volk Gottes. Durch diese grundlegende Gemeinsamkeit in Taufe und Firmung sind alle miteinander verbunden. Eine Differenzierung innerhalb dieses Volkes geht vom gemeinsamen Grundbewusstsein aus.

Das Zweite Vatikanum hat für seinen Grundsatztext über die Kirche, die Konstitution „Lumen gentium“ beide Begriffe übernommen, ihr aber noch den Begriff „Sakrament“ als Kirchenbegriff vorangestellt. Kurz zusammengefasst beschreibt die Gliederung der Kirchenkonstitution die Kirche als ein Sakrament, als Zeichen und Werkzeug Gottes. Die innere, geistliche Dimension beschreibt „Lumen gentium“ mit dem Begriff „Leib Christi“. Die Betrachtung der äußeren Dimension, also der realen Gemeinschaft der Kirche beginnt mit der Betrachtung der Kirche als „Volk Gottes“. Das Konzil verbindet mit dem Begriff zwei zentrale Aussagen: „Volk Gottes“ erinnert biblisch an das Volk Israel und zeigt die geschichtliche Dimension der Kirche an. Wie Israel ist die Kirche als „Volk Gottes“ pilgernd durch die Zeit zur Ewigkeit unterwegs. Dies bedeutet auch, dass die Kirche eine pilgernde Dynamik hat, das heißt, sich im Laufe der Zeit in ihrer Gestalt verändert und im Dialog mit der Welt steht. Zum zweiten betont „Volk Gottes“ die Gemeinschaft innerhalb der Kirche und besonders die Bedeutung der Laien, also der Nichtgeweihten. Sie gehören in einer Gemeinschaft zusammen. Auch wenn diese Gemeinschaft hierarchisch strukturiert ist, hat jeder und jede Gläubige ihren Auftrag und ihre apostolische Sendung in der Welt. Durch die Taufe gehören vor jeder Unterscheidung alle zusammen.

2. Ein Kirchbau für das „Volk Gottes“

Dieses neue Kirchenbild um die Begriffe „Leib Christi“ und „Volk Gottes“ hatte Rückwirkungen auf den Kirchenbau. St. Hedwig ist dafür ein treffenden Beispiel. Die Kirche betont durch ihren Grundriss und die Anordnung der Bänke die Gemeinschaft der Glaubenden, die sich um den Altar versammelt. Das Dach der Kirche ist als Zeltdach gestaltet. Dies ist eine biblische Anspielung . Das biblische Volk Gottes, also Israel hatte in der Zeit der Wüstenwanderung ein mobiles Heiligtum in einem Zelt. Das sog. Offenbarungszelt, in dem die Bundeslade stand, wurde jeweils neu im Lager der Israeliten aufgebaut. Hier war der Ort, an dem Gott inmitten seines Volkes wohnte. Das Zelt steht also für den geschichtlichen Weg Gottes mit seinem Volk. Es gibt allerdings einen großen Unterschied. Das Offenbarungszelt durfte nur von Mose und Aaron betreten werden, wie später das Innere des Tempels nur von den Priestern. Gottes Gegenwart war so heilig, dass nur auserwählte Personen hineinkamen. Der Hebräerbrief entwickelte entwickelt dazu eine eigene Theologie: Das Offenbarungszelt ist durch die Vermittlung des Hohenpriesters Christus überflüssig geworden. Durch das Kreuzesopfer steht das Heiligtum offen, es wird durch ein kosmisches Heiligtum ersetzt. So haben alle Gläubigen durch Christus Zutritt zum Vater. Das Kirchenzelt vollzieht diese Öffnung nach. Das Heiligtum ist Ort der Christusbegegnung und steht allen offen. Es ist ein geschichtlich provisorischer Ort der Christusbegegnung im Sakrament der Eucharistie.

Ein weiteres bauliches Charakteristikum betrifft die sogenannten Prinzipalien. Der Altar steht in der Mitte, an seinen Seiten der Ambo und der Tabernakel. Wort und Sakrament gehören in der Feier zusammen. Der traditionelle Kirchenbau hatte den Ambo und die Kanzel an den Rand gesetzt. Zudem rückt das Taufbecken in den Kirchenraum. Traditionell gab es dafür eine eigene Taufkapelle. Der Zusammenhang von Taufe und Eucharistie wird so stärker betont, außerdem der Aspekt der Aufnahme in die Gemeinschaft der Glaubenden. Eine besondere Aufmerksamkeit verdienen auch die später hinzugekommenen Kirchenfenster. Sie nehmen das Thema des wandernden Gottesvolkes auf ihre Weise auf, indem sie die Endzeit darstellen. An der Altarwand ist das himmlische Jerusalem dargestellt als Zielpunkt der Geschichte. An der Eingangsseite sind Motive aus der Apokalypse zu finden. Die sieben Engel mit den Posaunen läuten den Untergang der alten Welt ein. An den Seiten befinden sich Gleichnisse, die sich auf das Leben der Christen in Erwartung der Endzeit beziehen. Der Sämann sät das Wort aus, Zeichen für die göttliche Botschaft, die sich über die Zeiten hin ausbreiten und vermehren soll. Die Arbeit im Weinberg erinnert an die Sendung der Christen in der Welt. Sie sind zur Arbeit am Reich Gottes gerufen. Auf der anderen Seite ist das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen zu sehen, die auf das Kommen des Bräutigams warten, gedeutet also auf die Wiederkunft Christi. So ist in St. Hedwig das versammelte Gottesvolk unter dem Dach des Zeltes als Pilgerstätte zur himmlischen Vollendung unterwegs.

3. Liturgische Reform

Der Kirchbau von St. Hedwig war bereits auf die Bedürfnisse der erneuerten Liturgie zugeschnitten. Das Konzil hatte als erstes Dokument eine Konstitution über die Liturgie mit dem Namen „Sacrosanctum Concilium“ beschlossen. In ihr kam bereits das veränderte Kirchenbild zum Tragen. Es betonte die liturgische Gegenwart Christi im Priester, im Wort Gottes und in der feiernden Versammlung (SC 7) und brach damit ein auf den Priester und das Sakrament beschränktes Verständnis der Liturgie auf. Die Gläubigen sollten „bewusst, tätig und mit geistlichem Gewinn“ (SC 11) am Gottesdienst teilnehmen können. Daher wurde beschlossen, eine Reform der Liturgie vorzunehmen, so dass „das christliche Volk [Riten und Texte] in voller, tätiger und gemeinschaftlicher Teilnahme mitfeiern kann“ (SC 21). Die Liturgie ist also eine gemeinschaftliche Handlung von Priestern und Gottesdienstgemeinde (SC 26). Besonders betonte daher das Konzil die liturgischen Dienste, also Ministranten, Lektoren, aber auch musikalische Dienste, als wichtige Formen der Teilhabe der gottesdienstlichen Versammlung (SC 29). Zudem sollten Akklamationen der ganzen Gemeinde eingefügt werden, das Wort Gottes reichhaltiger vorkommen und ausgelegt werden und es wurde gestattet, neben dem Lateinischen auch die Muttersprache in der Liturgie zuzulassen (SC 36).

Die Liturgiereform wurde 1972 im Wesentlichen abgeschlossen. Es gehört zu Hans Bechers großen Verdiensten, dass er den Gottesdienst in seiner neuen Pfarrei konsequent an dem erneuerten Ritus ausrichtete. So zumindest habe ich die Liturgie in St. Hedwig kennengelernt. Wichtig war, dass alle biblischen Lesungen vorkamen. Der Psalm wurde, da eine biblische Lesung, von einem Kantor vom Ambo aus gesungen, das Halleluja (da ein liturgischer Gesang) von einer anderen Stelle. Besonders das gemeinschaftliche Element hatte seine besondere Bedeutung. Die Fürbitten, die eigentlich „allgemeines Gebet der Gläubigen“ heißen wurde auch von den Gläubigen aus der Versammlung heraus vorgetragen. Becher erweiterte dieses Prinzip auch auf die liturgischen Dienste. Sie sollten als Gemeindedienste jeweils aus der Versammlung heraus getragen werden. Lektoren, Kommunionhelfer und schließlich auch die Ministranten trugen keine liturgische Kleidung, sondern kamen „aus der Bank“. Über die Messdienerfrage ist ja viele Jahre gestritten worden. Sie sind als liturgische Dienste auch nach der Liturgiereform vorgesehen. Wahrscheinlich war der Hintergrund ein anderer. In der alten Liturgie (also vor der Reform) gaben die Ministranten stellvertretend für die ganze Versammlung die Antworten, sie stellten sozusagen die Gemeinde im Kleinen nach. Ein Priester durfte ohne Ministranten keine Heilige Messe feiern. Indem die ganze Gemeinde in tätiger Teilnahme am Gottesdienst durch das Singen, die Akklamationen und das Gebet beteiligt war, fiel der Sonderstatus der Ministranten weg. Zugleich allerdings bildete sich in St. Hedwig ein Nebeneffekt. Der Priester war der einzige Akteur in liturgischer Kleidung. Sein Sonderstatus wurde also augenfällig hervorgehoben. Die Präsenz der Gemeinde durch ihre Mitglieder in liturgischer Kleidung, ihr sichtbarer Anteil am Vollzug der Liturgie wurde eingeschränkt. Es sind aber wahrscheinlich nicht diese Überlegungen sondern eher praktische und pastorale Gründe, die vor gut 15 Jahren dazu geführt haben, dass es auch in St. Hedwig Ministranten gibt. Im Sinne der festlichen Gestaltung der Liturgie und als gutes Mittel der Kinder- und Jugendarbeit ist eine Ministrantengruppe wertvoll und wichtig.

4. Gemeindebild

Die Liturgie ist nur ein Feld, in dem sich das neue Kirchenbild bewähren sollte. Direkt nach dem Konzil kam es zu einem Aufbruch in der Pastoraltheologie. Die Frage war: Wie können wir ein Kirchenbild, dass vom „Volk Gottes“-Gedanken getragen ist, in die praktische Arbeit vor Ort umsetzen? Das große Stichwort hieß „Gemeindetheologie“, das Schlagwort „von der Pfarrei zur Gemeinde“. Die Elemente sind wieder die gleichen wie bei der Liturgiereform: Wie können wir als Kirche vor Ort den Gemeinschaftscharakter auch außerhalb der Liturgie stärken? Wie wird deutlich, dass alle Mitglieder der Kirche die gleiche Würde und den gleichen Auftrag haben? Wie können die Gemeindemitglieder als Christen gestärkt und gefördert werden? In Deutschland fielen diese Überlegungen in die Zeit des großen gesellschaftlichen Umbruchs von 1968. Die gesellschaftlichen Themen begannen, auch für die Kirche eine große Rolle zu spielen. Das „Volk Gottes“, eigentlich als eine geistliche Gemeinschaft gedacht, wurde nun zunehmend vom gesellschaftlichen „demos“ (griechisch für „das Volk“) her verstanden. Es wurde immer mehr zu einer soziologischen Größe. Das Stichwort hieß „Demokratisierung“ und ließ eine ganze Generation intensiv über Formen der Mitbestimmung und Mitgestaltung der Kirche nachdenken. In dieser Zeit entsteht viel vom heutigen kirchlichen Gremienwesen. Aber es kommt noch mehr dazu: der „mündige Christ“ wurde in Anlehnung an den „mündigen Bürger“ zum Idealbild. Die Konzilsgeneration legte großen Wert auf theologische Bildung und Diskussion. In jedem guten Pfarrhaus fand sich eine Pfarrbibliothek, auch in St. Hedwig. Zudem wurde die Katechese umgestaltet, zielgruppenorientierte Gottesdienste gefeiert, die neuen pastoralen Berufe (Gemeinde- und Pastoralreferentinnen) entstanden. „Gemeinde“ sollte als familiäre Gemeinschaft der Gläubigen verstanden werden, die sich häufig in Gruppen und Aktionen rund um das Gemeindehaus organisierte.  

Heute sehen wir, dass dieses Idealbild auch seine Nachteile mit sich brachte. Die heutigen Pastoraltheologen lehnen die Gemeindetheologie meist ab. Ihr Kritikpunkt: Die Gemeindetheologie war binnenfixiert. Sie förderte eine kirchliche Parallelgesellschaft. Ein guter Christ war nur, wer sich auch gemeindlich engagierte. Damit, so die Kritik etwa des Grazer Pastoraltheologen Rainer Bucher, habe man ein zentrales Element des Konzils aus dem Blick verloren. Es sei dem Konzil ja gerade um den Weltdienst der Kirche gegangen, also darum, in der Welt etwas zu verändern und nicht darum, sich ein gemütliches gemeindliches zu Hause zu schaffen. Eine Folge der Gemeindetheologie sei die Verkernung der Gemeinden geworden, in der gerade die Pfarrer und einige ihnen nahestehende Getreue als Leiter eine dominante Rolle gespielt haben. Im Kern sei die Gemeinde der 70er Jahre äußerst paternalistisch gewesen. Diese Kritik trifft meines Erachtens zu, ist aber auch ungerecht. Jede Zeit entwickelt ihre eigenen Fehler. Der aufrechte Wille hinter der Gemeindetheologie ist nicht zu bestreiten und nicht zuletzt hat sie einen großen Zuspruch erfahren. Ob sie allerdings heute noch zeitgemäß ist, lässt sich sicher bestreiten. Ich würde schon sagen, dass eine ausgeprägte Gemeindeidentität einen Vorteil hat. Ich habe das hier in Norderstedt selbst erlebt. Das Zugehörigkeitsgefühl und die Identifikation mit diesem Ort und dieser Kirche waren wärmend und wohltuend. Zugleich (und auch das habe ich erlebt) führte diese Gemeindeidentität dazu, sich gegenüber anderen abzugrenzen. Unsere Nachbargemeinde St. Annen durfte man nicht besuchen, die war schließlich „von gestern“. Mit dem Bistum oder gar der Weltkirche hatte man nichts zu tun. Vor allem aber grenzte man sich ab von den Gemeindemitgliedern, die nicht „auf Kurs“ waren, sich mit der Liturgie und dem Gemeindeleben schwer taten, eine andere Frömmigkeit hatten oder hochgeschraubten theologischen Diskussionen nicht folgen konnten oder wollten. Ich erinnere mich noch daran, wie Armin Mack, kurz nachdem er Pfarrer in Norderstedt geworden war sagte, als Priester verstehe er sich als Mann der Kirche, der gesandt ist, einfach seinen Dienst zu tun. Das verstand ich damals nicht, weil ich fest davon ausgegangen war, als Pfarrer sei man zuerst der Leiter und Inspirator der Gemeinde und ihr gelte die ganze Aufmerksamkeit. In St. Hedwig war dieser Zug sehr stark ausgeprägt, auch, weil man es nicht kannte, dass mehrere Priester in einer Gemeinde arbeiten und sich auch um andere Gemeinden kümmern.

Zuletzt möchte ich zu diesem Punkt noch eine Anmerkung machen: Ich hatte über das veränderte Kirchenbild gesprochen. Der kirchliche Aufbruch war auch aus einer Forderung nach mehr Innerlichkeit und geistlicher Vertiefung hervorgegangen. Es ging der Jugendbewegung der 20er Jahre um eine Abkehr von einer rein organisatorischen und rechtlichen Betrachtung der Kirche. Betrachtet man die Entwicklung seit dem Konzil, muss man leider feststellen, dass gerade die organisatorische und rechtliche Betrachtung wieder immer mehr im Vordergrund stehen. Das war in der Demokratisierungsdebatte nicht anders, als es heute in der Debatte um Strukturen, Gremien, Finanzen und Immobilien ist. Es gibt einen sehr tröstlichen Gedanken des Konzils. Es sagt, die Kirche ist immer nur ein Werkzeug. Im Laufe der Zeit mögen sich Strukturen verändern und wandeln, es gibt gute und schlechte Phasen. Die äußerliche Gestalt der Kirche ist wandelbar, entscheidend ist aber der innere Gehalt. Es mag sein, dass sie ein oder andere Form förderlicher für das geistliche Leben ist als andere. Es scheint mir aber ein Fehler zu sein, zu glauben, dass allein eine äußere Veränderung der Form entscheidend ist. Die Kirchengeschichte zeigt etwas anderes: Neue Formen entspringen aus neuen geistlichen Bewegungen und nicht umgekehrt. Die Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils ist dafür das beste Beispiel.

5. Neue Freiheit?

Das 50jährige Gemeindejubiläum von St. Hedwig ist zugleich auch eingebettet in das 5jährige Bestehen der neuen Pfarrei Katharina von Siena. Deren Entstehen bedeutet eine Zäsur, die schwerwiegendste seit Gründung von St. Hedwig. Viele hadern mit dieser Entwicklung. Der Wandel lässt sich aber nicht mit Nostalgie gestalten. Ich gebe zu, dass es schwierig ist, Aufbrüche zu erkennen. Die Missbrauchsdebatte lastet derzeit wie eine Depression über der ganzen Kirche. Die neuen Prognosen zur Entwicklung der Gläubigenzahlen und mit ihnen zu den Zahlen in den kirchlichen Berufen und den finanziellen Möglichkeiten sind deprimierend. Die Zukunft entwickelt sich nur langsam. Ich glaube tatsächlich, dass eine gemeindezentrierte Form des Christentums absehbar zu Ende geht. Die Entwicklungen und Konzepte der letzten 60 Jahre werden für die Zukunft nicht mehr tragen. Es braucht etwas Neues. St. Hedwig hat dabei Potential. Die Neugründung der Pfarrei hat ja neben Einschränkungen auch wieder Freiräume geschaffen, um sich neu zu finden. Die demographische Entwicklung ist positiv. Auch in den nächsten Jahrzehnten werden viele neue Katholiken, darunter viele Familien nach Norderstedt und Henstedt-Ulzburg ziehen. In Mecklenburg erlebe ich in vielen kleinen Gemeinden gerade das Gegenteil. Sie sterben wegen der gesellschaftlichen und demographischen Entwicklung aus. Das ist für den Hamburger Stadtrand nicht zu befürchten. St. Hedwig wird auch in Zukunft für viele eine geistliche Heimat sein und werden. Wie diese geistliche Heimat sich gestalten soll, wenn alte Formen nicht mehr funktionieren, bleibt eine große Frage. Hans Becher und die ersten Gemeindemitglieder von St. Hedwig sind sie vor 50 Jahren mutig und neuartig angegangen. Warum sollte das heute nicht mehr möglich sein?                                 

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