Liebe in Zeiten des Wahlkampfs

Der Stimmzettel zur Europawahl ist ziemlich lang. Das habe ich bemerkt, als ich vorletzte Woche beim Briefwahlamt war und meine Stimme abgegeben habe. Neben den bekannten großen Parteien, bewerben sich ja immer auch zahlreiche, meist chancenlose Kleinparteien. Dieses Jahr neu dabei ist die Europäische Partei LIEBE. Eine Partei, die sich Liebe nennt? Allgemein würde ich doch eher sagen, dass sich Politik und Liebe eher schwer miteinander verbinden. Ich habe also recherchiert und entdeckte tatsächlich ein Wahlprogramm. Darin heißt es: „Nur wir selbst, das Volk, können und müssen Menschen mit Politik, mit dem Lenken unserer Gesellschaft und unseres Leben beauftragen, die ein Herz haben, das voller Liebe und Güte ist. Dann können wir von solchen Politikern und Regierenden auch Entscheidungen erwarten, die wir alle brauchen. Entscheidungen, die unser Leben und unsere Zukunft schön und glücklich machen und sie mit Freude, Begeisterung und Liebe erfüllen.“ Das klingt verlockend. Wenn Politiker liebende Menschen wären, würde eine Gesellschaft voller Liebe entstehen. Dass die Welt nicht so einfach funktioniert, wissen wir – besonders alle, die schon einmal mit politischen Prozessen zu tun hatten. Gehen wir einmal davon aus, dass Politiker das Beste wollen, sich aber im Widerstreit der Interessen und in Abwägung der Folgen bestimmter Entscheidungen unmöglich, allein mit dem Herzen Politik zu machen.

Im Evangelium ist die Grundbotschaft der Liebe fest verankert. Die Liebe wird zum Programm. Jesus sagt den Jüngern im Abendmahlssaal:  „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ Jesus glaubt also an die verändernde Kraft der Liebe. Daran glaubt übrigens der Schlager auch: „Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht vom einen zum andern…“ Wenn Jesus eine solche Liebe meinen würde, im Sinne eines Gefühls und eines Begehrens einem anderen Menschen gegenüber, wäre es mit der Liebe nicht weit her. Es ist auch nicht ein „All you need is love“ der Beatles, bei denen es um die Zuversicht geht, dass alle Probleme mit ein bisschen mehr Liebe gelöst werden könnten. Im Kern geht es um eine andere Form der Liebe, eine Form, die Sie und ich hoffentlich immer wieder erleben können.

Ich erinnere mich noch an den Umzug in meine Kaplanswohnung in Harburg. Ich war voller Ehrgeiz, den Umzug alleine zu bewältigen. Soviel an Kisten hatte ich zum Glück nicht. Und die paar fehlenden Möbel würde ich schnell ergänzen können. Unter anderem hatte ich bei IKEA einen Pax-Kleiderschrank erworben und die zahlreichen Kartons des Bausatzes in die Wohnung geschafft. Ich weiß nicht, ob Sie schonmal einen Kleiderschrank aufgebaut haben. Auf jeden Fall fand ich mich plötzlich zwischen gefühlt 100 Teilen wieder. Da rief mich ein Freund an. Er habe gehört, dass ich heute einziehen wolle, ob ich noch Hilfe bräuchte. Ich lehnte erst ab, schließlich meinte ich, mit dem Schrank-Puzzle alleine klarzukommen. Er aber fragte nochmal nach und sagte, er würde am Abend vorbeikommen. Das war mein großes Glück. Er hatte schon einmal einen Kleiderschrank zusammengebaut. Wir haben am Abend zusammen bestimmt 3 Stunden gebraucht, bis der Bausatz besiegt war. Alleine hätte ich das nicht geschafft.

Worauf ich hinaus will: Was ich hier erlebt habe, ist die einfachste Form der Liebe. Die einfachste Form der Liebe ist die Aufmerksamkeit. Mein Freund hatte ich einfach bei mir gemeldet, weil er vermutete, dass ich seine Hilfe gebrauchen würde. Aus der Aufmerksamkeit wird Hilfe, also die Bereitschaft, den Bedürfnissen des anderen zu begegnen, vielleicht auch Fürsorge, Zuneigung, Freundschaft, Verbindlichkeit, Einsatz, Treue. Bevor die Liebe als großes Gefühl da ist, verwirklicht sie sich in den untersten Facetten und Schattierungen. Es sind gerade diese kleinen Formen der Liebe, die oft eine große Rolle spielen. Das Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten nährt sich aus diesen kleinen Formen der Liebe – Kontakt halten, miteinander sprechen, auf Notlagen reagieren, bereit zu sein, meine Zeit für den anderen einzusetzen. Liebe beginnt mit der Aufmerksamkeit. In dieser Form lässt sich das christliche Gebot der Liebe dann auch in Politik umsetzen. Jesus selbst verkündet keine gesellschaftlichen Programme, sondern fordert die Kultur der Liebe im Sinne der Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft und Zuwendung gegenüber allen, die uns begegnen, besonders gegenüber denen, die Hilfe dringend brauchen. Wer sich diesem Grundsatz verpflichtet weiß, wird im politischen Bereich versuchen, für die Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen aufmerksam zu sein und die dringendsten Nöte zu lindern. Er wird eine Kultur der gegenseitigen Aufmerksamkeit fördern und zugleich die Selbstverantwortung fördern. Niemand möchte immer nur Zuwendung empfangen, sondern jeder möchte auch solche geben können. Die Liebe, auch in ihren kleinen Formen ist ein Beziehungsgeschehen. Ob es eine Partei braucht, die „Liebe“ heißt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich wird sie genauso schnell wieder verschwinden, wie sie entstanden ist. Dass es aber die Liebe als Programm geben sollte in allen Bereichen des Lebens, darüber besteht für mich kein Zweifel.  

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