Am 29. September ist Jörg Splett verstorben. Er war Professor für Systematische Philosophie an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt (Main) und für Generationen von Theologiestudenten ein prägender und verehrter Lehrer. Hoffentlich werden demnächst einige gute Nachrufe aus berufenem Mund erscheinen. Mich selbst hat die Nachricht von seinem Tod bewegt und ich möchte hier nur ein paar Dinge schreiben, die mich persönlich mit Jörg Splett verbinden.
Für mich war Splett der erste Philosoph, dem ich begegnete. Als Anfänger im Wintersemester 1998/99 besuchte ich seine Vorlesung zur Religionsphilosophie. Im Rückblick muss ich sagen: Ich habe nicht viel von dem, was er sagte, verstanden. Damit war ich nicht allein. Es war vielmehr die Art, in der Jörg Splett zu uns sprach, die mich bewegte, ihm zu glauben, dass er uns etwas Wichtiges mitteilte. Sein Vortrag war aphoristisch. Er erklärte die großen Zusammenhänge in vielen kleinen geistreichen Bemerkungen. Hier fanden wir einige griffige Formulierungen, die wir als Studenten aufsaugten, zitierten und zu begreifen versuchten. Teils wurden sie zu geflügelten Worten. Das Splett uns dabei große Zusammenhänge begreiflich machen wollte, verstanden wir erst im Nachhinein.
Die jahrzehntelange Vorlesungstätigkeit hatte die Gedanken und Argumente immer wieder auf den Prüfstand gestellt, zurechtgeschliffen und verdichtet. Im Zuhören erfassten wir die Oberfläche und in allem eines ganz genau: Dass hier jemand zu uns sprach, der es mit der Philosophie sehr ernst meinte. Alles, was Splett sagte, hatte Bedeutung – auch wenn wir sie vielleicht im ersten Moment noch nicht als klaren Gedanken erfassen konnten. Wir nahmen Vorlesungen auf Kassette auf und hörten sie im Priesterseminar nach. Langsam tasteten wir uns an den Gedanken heran. Splett war der Überzeugung, dass die Philosophie eine echte „Liebe zur Weisheit“ ist und keine akademische Disziplin. Es ging ihm um eine ganzheitliche Umkreisung und Erfassung dessen, was wir als Menschen über die Wahrheit des Lebens, der Welt und des Glaubens erfassen können. Er schien über das gesammelte Wissen der Philosophie und der Literatur zu verfügen, ein unausschöpfliches Reservoir an Zitaten und Gedankensplittern, die er aus beliebiger Tiefe seines Gedächtnisses hervorholen konnte. Diese Kunst zeigte er gerne in Seminaren, wo er jeden noch so geistlosen Einwurf von Seiten der (Gast-)Hörer mit größter Freundlichkeit auf ein ihm angemessenes intellektuelles Niveau emporzog und beantwortete, was der Fragende oft unbewusst vielleicht gemeint haben könnte.
Diese Freundlichkeit war nicht gespielt. Jörg Splett ließ es sich nicht nehmen, zur Prüfungszeit in unsere provisorischen studentischen Lernzirkel zu kommen und sich unserem Unverständnis zu stellen. Anschließend bedankte er sich noch auf das Herzlichste für die Tasse schlechten Kaffee, den wir ihm dabei anboten. Seiner intellektuellen Anspruchshaftigkeit stand eine äußere Anspruchslosigkeit gegenüber. Er trug bis zum Ende seiner Vorlesungszeit seine Anzüge und Krawatten aus fernen Zeiten der breiten Hemdkrägen und Schlaghosen, lebte im schlecht beleumundeten Offenburg und kam jeden Tag auf einem alten Fahrrad zur Hochschule – kein ungefährlicher Vorgang, weil er (so sagt man) bisweilen auch die Fahrradtour zur beiläufigen Lektüre nutzte – so lange, bis ihm (so sagte man ebenfalls) seine Frau ihm das aus Sicherheitsgründen irgendwann versagte. Weil Jörg Splett ursprünglich Jesuit werden wollte und auch das Noviziat besucht hatte, gab es in Sankt Georgen das geflügelte Wort, dass er der jesuitischste aller Professoren sei. Das war mit Blick auf seine Bescheidenheit, seinen Fleiß und seine Gelehrtheit durchaus als Kompliment gemeint.
Jörg Splett war zu Beginn seiner akademischen Laufbahn Assistent beim großen Theologen Karl Rahner gewesen. Zuvor hatte er über die Gotteslehre bei Hegel promoviert. Er schrieb allerdings nicht nur über Hegel, sondern auch wie Hegel. Seine gedruckten Sätze verdichteten noch einmal das, was schon im gesprochenen Vortrag dicht und gedankenschwer war. In Vorbereitung auf die Prüfung las ich sein Buch „Gotteserfahrung im Denken“, meine erste richtige philosophische Lektüre. Ich musste mich Satz für Satz vorarbeiten. Und Sätze können dank zahlreicher Einschübe und Nebensätze bei Jörg Splett sehr lang sein. Nach jedem Satz versuchte ich zu notieren, was mit dem Geschriebenen gemeint sein könnte. Ohne gute Kenntnisse der philosophischen Tradition war das sehr schwer. Und ehrlich: Auch viele philosophische Bücher später ist die Lektüre heute noch anspruchsvoll.
Dabei brachte uns Professor Splett trotzdem eine Menge bei. Er hielt am echten Wert der Transzendenzerfahrung fest, also des Ausstreckens des Geistes und Gefühls auf ein Jenseitiges. Auch wenn Splett sich bemühte, streng in den Grenzen seiner Disziplin, der Philosophie zu bleiben, war seine Philosophie immer auch theologisch oder zumindest existenziell vom Glauben getragen. Das rationale Argument war für ihn Ausdruck eines sehr ernsten Ringens um die Erkundung von Wahrheit. Freiheit des Menschen, so seine Überzeugung, gibt es nur unter dem Anspruch der Wahrheit. Der Mensch erlebt hier eine seiner Grenzen, da er sich an die Gültigkeit eines Anspruchs zum Gutsein gebunden weiß – selbst, wenn er das für sich leugnet. Diesen „Konturen der Freiheit“, also eine Freiheit, die eben nicht unbegrenzt ist, widmete Splett ein weiteres Hauptwerk. Der Mensch sieht sich als ein begrenztes Wesen, das in das Unbegrenzte ausgreift, allerdings im Rahmen seiner menschlichen Möglichkeiten. Es sind Raum und Zeit, die ihn bestimmen, sein Körper, der eine natürliche Begrenzung bleibt, die Sterblichkeit, unter der sein Leben steht, der andere in seiner Freiheit, sowie die Schuld als ein Versagen vor dem Anspruch des Guten. In dieser Philosophie galt Jörg Splett schon damals als altmodisch. Aber das Altmodische war existentiell und ernst gemeint.
In seinen letzten Jahren hat Jörg Splett diese Begrenztheit selbst erfahren müssen. Ausgerechnet sein Geist, dieses unendlich trainierte Organ, wurde durch Krankheit geschwächt. Ich habe ihn noch einmal so erlebt. Die Gedanken waren nicht mehr klar – aber die Freundlichkeit war geblieben.
Über den Tod hat Jörg Splett geschrieben:
„Sterblichkeit. Jemanden lieben hieße dann zu ihm sagen: Du und ich, wir werden sterben, und wir verbergen einander nicht. Gerade dieses Wissen aber bewahrt die Menschlichkeit unseres Miteinanders. Es gibt dem Leben den Ernst und die Köstlichkeit des Einmaligen. Und es gibt ihm zugleich den Zauber, die Sinntiefe von Verheißung. Anders gesagt: Der Tod ist weder bloß Durchgang von einem Vorspiel zur endlosen Fortsetzung dieses Daseins noch bloß das Ende von allem; sondern wir fürchten und erhoffen in ihm die Endgültigkeit dieses unseres Lebens und unserer selbst (unseres eigens darin erworbenen „Namens“).“[1]
Mit diesem seinem Namen hat Gott einen großen Lehrer zu sich gerufen.
Beitragsbild: Seiten aus „Gotteserfahrung im Denken“ – mein Exemplar mit Anmerkungen
Wer sich für mehr interessiert: Schriften von Jörg Splett und auch Vorlesungen zum Nachhören: Jörg Splett Archiv; Weitere Informationen Jörg-Splett-Gesellschaft
[1] Jörg Splett, Konturen der Freiheit, Frankfurt 1981, 150f.
Ich hab den auch so sehr gemocht… Wir haben ihn im Philosophie-Leistungskurs gelesen. Ein freier, starker Geist. Liebe Grüße von Susanne Petermann
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