Vor Kurzem kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der mir erzählte, dass er nächsten Monat in den Ruhestand gehen werde. Ich fragte ihn, ob das für ihn eine gute Perspektive sei und er bejahte es mit großer Begeisterung. Ich kann nachempfinden, dass die Vorstellung, aus den Mühlen des Arbeitsalltags entfliehen zu können, verlockend ist. Auf einmal kann ich meine Zeit nutzen, wie ich es möchte. Zugleich ist dieser Moment des Ruhestands für viele auch erst einmal gar nicht so einfach. Die Arbeit ist ja nicht bloß ein notwendiges Übel, sondern zugleich auch sinnstiftend. Sie strukturiert meinen Alltag und gibt mir vor allem eine Aufgabe, zuweilen auch einen Sinn für mein Leben. Mit dem Ende der Arbeit muss dieser Sinn nun wieder neu gesucht und gefunden werden. Einigen gelingt das gut, anderen weniger. Sie geraten erst einmal in eine Sinnkrise.
Loriot hat aus dieser Situation bekanntlich einen urkomischen Film gemacht – „Papa ante portas“. Ein leitender Angestellter wird unverhofft in den Ruhestand versetzt und trifft nun auf den familiären Alltag. Der Titel des Films spielt mit einem Zitat des römischen Dichters Cicero. Anlässlich des Zweiten Punischen Krieges, in dem der katargische Feldherr Hannibal die Stadt Rom bedrohte, wurde Ciceros Dictum „Hannibal ante portas“ („Hannibal vor den Toren“) zu einem geflügelten Wort für eine nahende Bedrohung.
Bei Loriot wird der Frühruheständler zu Bedrohung für seine Familie. Im besten Willen, sich produktiv in den Familienalltag einbringen zu wollen, wirft er das gewohnte, gut eingespielte Leben seiner Frau und seines Sohnes aus der Bahn. Dies geschieht vor allem, weil er seine im Berufsleben eingeübten Praktiken auf die Familie anwendet. Es kommt zu einer tiefen Beziehungskrise. Auf dem Höhepunkt des Streits führt ihn seine Frau in den Keller. In einem dunklen, muffigen Raum schlägt sie ihm vor, hier für sich einen Hobbyraum einrichten zu können – „Dann hast du hier dein eigenes Reich“. Die Rückfrage, ob denn in allen Kellerräumen der Nachbarschaft ältere Herren säßen, bleibt unbeantwortet. Die Szene ist so komisch wie tragisch. Die Frau gibt ihrem Mann zu verstehen, dass er stört. Sie will ihn aussondern und ihn durch irgendeine unnötige Tätigkeit beschäftigen. Der Keller erinnert nicht umsonst an ein Verlies und der Mann an einen Gefangenen seiner Situation. Er hat er nichts Produktives mehr beizutragen.
Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16) stellt uns zwar keine Ruheständler vor Augen, aber Menschen, die ebenfalls befürchten müssen, nicht mehr gebraucht zu werden. Die Männer, die noch zu später Stunde auf dem Marktplatz nach Arbeit suchen, hätten bestimmt nicht mehr mit einer Beschäftigung und mit dem zum Lebensunterhalt notwendigen Lohn gerechnet. Im Kontext des Evangeliums wird dieses Gleichnis auf die Sünder bezogen, also solche, die in religiöser Hinsicht metaphorisch „ante portas“ gestellt worden waren. Von ihnen erwartete man keinen produktiven Beitrag mehr, keinen Nutzen für das Reich Gottes. Zugleich waren die Menschen „ante portas“ eine Bedrohung, weil man fürchtete, sie könnten ihren schädlichen Einfluss in die Gesellschaft tragen und andere vom rechten Weg abbringen.
Jesus, der sich häufig dem Vorwurf ausgesetzt sieht, die falschen zu berufen und die Sünder unverdient in die religiöse Gemeinschaft zurückzuholen, verdeutlicht im Gleichnis die Mission Gottes – eben alle für das Reich Gottes gewinnen zu wollen. Jeder bekommt seine Chance – und jeder bekommt seine Aufgabe. Die Arbeit im Weinberg ist so umfangreich, dass darin jeder etwas Sinnvolles tun kann. Das Reich Gottes, dass im Glauben, in der Nächstenliebe, im Frieden und in der Gerechtigkeit wachsen soll, kennt keine unnützen Arbeiter. Es winkt sogar der gleiche Lohn für alle. Am Ende von Loriots Film sorgt schließlich ausgerechnet ein gewaltiger Streit auf einem Familienfest für die Kehrwende. Die Ehepartner beginnen, sich zu versöhnen. Die „portas“, die Türen zueinander werden wieder geöffnet. So setzt auch das Gottesreich eine Auseinandersetzung voraus, die in einem Werk der Versöhnung münden soll. Der anfängliche Zorn auf die späten Arbeiter und ihren scheinbar unverdienten Lohn ist noch nicht abgeklungen. Die Früchte ihres guten Werkes und ihrer Arbeit lassen noch auf sich warten. Es wird zunächst noch der Versöhnung bedürfen und der tiefen Einsicht, dass tatsächlich jeder seinen Auftrag erhält und ihn zum Guten einbringen kann.
Beitragsbild: Stadttor von Genazzano (Latium/Italien)