Letzten Sonntag ist in Würzburg der Katholikentag zu Ende gegangen. Er hatte das Motto: „Steh auf, hab Mut“. Ich denke, dieses Wort spricht gut in unsere Zeit. In der medialen Wahrnehmung unserer Welt bewegen wir uns von Krise zu Krise. Alles ist kompliziert. Wir würden uns mehr Mut und mehr Gemeinsinn wünschen – Mut vor allem, die eigenen Positionen der streitenden Parteien zugunsten des Gemeinwohls zurückzustellen, um Frieden zu schaffen und die notwendigen politischen Reformen zu verwirklichen.
Der Katholikentag hat daher viele politische Themen angesprochen, die aus christlicher Sicht für die Entwicklung unserer Welt und unserer Gesellschaft gut sein können. Im aktuellen Diskurs finden sich viele Christen nämlich mit klassischen Themen wie Frieden, Aussöhnung, Unterstützung der Schwachen, Bewahrung der Schöpfung oder Gerechtigkeit in einer Minderheitenposition wieder. Der Katholikentag wollte sicher auch Mut machen, um die aktuellen kirchlichen Herausforderungen zu meistern.
Was ist eigentlich „Mut“? Meine Antwort wäre: „Mut“ bedeutet, in ein Risiko zu gehen. Wer mutig handelt, hat eine Idee oder einen Plan. Er oder sie kann sich nicht sicher sein, ob dieser Plan gelingen wird. Mut bedeutet dann, sich auf diesen Plan zu fokussieren und bereit zu sein, sich nicht von den vielen Bedenken, die es gegen jeden Plan gibt, einfangen zu lassen. Es ist nicht mutig, etwas zu tun, das eh alle wollen. „Mut“ hat immer etwas Widerständiges.
Mit dem „Mut“ ist es kompliziert. Das zeigt schon die biblische Überlieferung. Nach dem Tod und der Auferstehung Jesu wissen die Jünger und Freunde Jesu nicht so wirklich, was nun zu tun ist. Es wird erzählt, wie sie sich aus Angst einschließen. Auch als Jesus ihnen vor der Himmelfahrt den ausdrücklichen Auftrag gibt, in die Welt hinauszugehen und Zeugnis für ihn zu geben, ist die Verzagtheit noch nicht überwunden. Die Jünger ziehen sich mit Maria und einigen Frauen wieder zurück. In Jerusalem leben sie im Verborgenen und im Gebet. Aber, aufzubrechen und hinauszugehen – davon ist zunächst noch keine Rede. Jesus hat das gewusst. Das Wort „Habt Mut“ stammt biblisch aus den Abschiedsreden, also aus dem Vermächtnis Jesu an seine Jünger (Joh 16,33). Aus eigener Kraft allerdings werden die Jünger diesen Mut nicht aufbringen. Es bedarf eines Impulses. Der Pfingstbericht erzählt, wie der Heilige Geist genau diesen Mut bewirkt. Auf einmal ist der große Aufbruch da. Die Jünger gehen in das Wagnis. Wir sehen sie auf die Straße hinausgehen und Christus verkünden. Wir sehen sie aufbrechen in fremde Länder, um den Glauben zu allen Menschen zu tragen.
Jetzt kann man das Pfingstgeschehen leicht missverstehen. Das geschieht häufig. Der Heilige Geist wird dann so verstanden, als handele sich um eine schlichte Bestärkung des menschlichen Willens, also so, als ob ein Mensch einem anderen ein gutes Wort zuspricht, oder ihm eine gute Idee vermittelt. Biblisch ist es anders. Der Pointe ist, dass es gerade nicht die Jünger sind, die nun aus eigener Überzeugung hinausgehen und verkünden. Vielmehr ist es so, dass Gott (denn niemand anderes ist der Heilige Geist) die Initiative übernimmt. Aus dem Alten Testament ist diese Figur bekannt: Gott übernimmt die Regie, etwa über einen Propheten. Er gibt ihm sein Wort und seinen Auftrag direkt ins Herz oder in seine Gedanken hinein. Der Prophet kann sich dagegen sträuben, aber im letzten willigt er in seinen Auftrag ein. So geschieht es bei Jona, bei Jeremias oder bei Ezechiel. Die Jünger sind also lediglich Mitwirkende am Werk Gottes, auf ihre je eigene Weise, aber eben nicht zuerst aus ihren eigenen Fähigkeiten. Ihr Mut besteht darin, sich dem Heiligen Geist zur Verfügung zu stellen. Das ist ihr freier Beitrag.
Mit dem Heiligen Geist ist Gottes bleibende Präsenz in der Welt gemeint. Es lohnt sich daher, einmal das Zitat, aus dem das Wort „Habt Mut“ stammt, im Zusammenhang anzuschauen. Jesus sagt dort (Joh 16,33): „Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ Das ist typisch johanneisch gedacht: Frieden und Leben schöpfen die Menschen aus dem Glauben und der Verbindung mit Christus. Damit setzen sie sich aber zugleich von der „Welt“ ab. Die Ordnung der Welt bestimmt also nicht mehr ihr Leben, sondern die göttliche Ordnung, das Leben aus dem Geist.
Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis zwischen Welt und Glauben, das sich durch die ganze Kirchengeschichte zieht. Die Kirche als Gemeinschaft der Christen trifft auf eine weltliche Ordnung. Sie darf sich auf der einen Seite nicht von dieser Ordnung aufsaugen lassen und sie willig für sich adaptieren. Auf der anderen Seite darf sie sich nicht ganz von ihr lossagen, weil sie sonst nicht mehr missionarisch tätig sein kann und auch die weltliche Ordnung nicht mehr nach christlichen Maßstäben gestalten kann. Dieses Verhältnis erzeugt Spannung. Das können wir zurzeit beobachten, in einer Kirche hier bei uns, der die einen vorwerfen, sie habe sich längst weltlichem Denken, soziologischen und politischen Vorstellungen unterworfen. Die anderen sagen, die Kirche habe sich so weit von der gesellschaftlichen Realität entfernt, dass sie darin nicht mehr glaubhaft wirken könne. Ich würde sagen: Solange es beide Meinungen gibt und beide Meinungen stark sind, spricht es dafür, dass wir uns in einer ganz normalen Situation befinden. Schlecht wäre es, die Kirche in die eine oder die andere Richtung treiben zu wollen. Das christliche Geschick besteht darin, nicht zu viel selbst gestalten zu wollen, sondern dem Heiligen Geist die Gelegenheit zur Gestaltung zu geben. So finden wir uns am Pfingstfest in der Situation der Frauen und Männer im Jerusalemer Obergemach wieder. Im Gebet erwarten wir den Impuls des Geistes – und den nötigen Mut, unsere Mission, unsere Sendung immer wieder neu erkennen zu können. Nicht, weil wir es selbst könnten, sondern, weil wir es gezeigt bekommen müssen.
Beitragsbild: Heilig-Geist-Fenster aus dem Hamburger Michel
Lieber Propst Bergner.
Danke für Ihr ermutigenden Worte zu Pfingsten!
Stefan Muth
LikeLike