Schlussfuge

Im Religionsunterricht der Grundschule stellte uns unsere Lehrerin einmal die vier Evangelien vor. Wir fragten sie, was denn ihr Lieblingsevangelium sei. Sie sagte, sie lese am liebsten das Johannesevangelium, denn Johannes sei ja einer der Jünger gewesen. Er war also bei all dem dabei. Deshalb sei sein Evangelium das, was am dichtesten am Geschehen „dran“ gewesen ist.

Ganz so einfach ist es leider dann doch nicht – das musste ich später im Studium lernen. Das Johannesevangelium liest sich nicht leicht. Es enthält lange theologische Passagen, die großen Reden Jesu. Der Anteil an narrativen Elementen ist im Vergleich zu den anderen Evangelien deutlich kleiner. Wer den Text geschrieben hat und wann er geschrieben wurde, wird in der Forschung diskutiert. Die überwiegende These ist, dass das Evangelium das jüngste der vier ist, also erst relativ spät geschrieben wurde. Es gibt aber auch einen prominenten Forscher, der genau das Gegenteil vertritt – so ist es halt in der Wissenschaft. Sie ist selten ganz eindeutig.

Die Evangelien sind keine Geschichtsbücher, die versuchen, neutral das Geschehen von damals zu präsentieren. Sie verfolgen eine Mission, haben also eine bestimmte Absicht, aus der heraus sie geschrieben wurden. Besonders klar ist dies bei Johannes. Am ursprünglichen Ende des Textes benennt der Autor seine Absicht ganz klar. Er schreibt in Joh 20:

„Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20,31f.).

Das Evangelium ist eine Hinführung zum Glauben, eine Schrift, die uns überzeugen möchte. Deshalb wird alles, was im Text geschieht, noch einmal reflektiert und ausgelegt. Das Evangelium ist eine Gesamtkomposition. Aus diesem großen Text haben wir am heutigen Sonntag einen besonders schwierigen Abschnitt gehört (Joh 17,1-11). Er stammt aus dem sogenannten „hohepriesterlichen Gebet“. Der Text steht am Ende der Abschiedsreden, also noch vor der Schilderung von Tod und Auferstehung Jesu. Wie ist dieser Text im Kontext des Evangeliums einzuordnen?

Ich habe mich an ein Musikstück erinnert, das ich früher oft gehört habe. Es war auf einer der wenigen Klassik-CDs, die ich besaß, ein Geschenk von meiner Tante. Es handelt sich um Benjamin Brittens „Young person’s guide to the orchestra“ – „Ein Orchesterführer für junge Leute“. Dieses Stück sollte also das große Sinfonieorchester vorstellen. Alle Instrumente bekommen ein Solo, so dass man sie einzeln hören kann, dann noch einmal in ihren Orchestergruppen und schließlich im Gesamt. Musikalisch handelt es sich um ein Thema mit Variationen. Britten startet ohne Vorspiel direkt mit dem prächtigen und einprägsamen Thema. Und dann macht er aus dem musikalischen Material Variationen, die dann durch das ganze Orchester gehen. Jedes Instrument spielt das Thema in einer verfremdeten Weise, manchmal so, dass man es kaum erkennen kann, mal in Dur, mal in Moll, mal als ruhige, mal als lebhafte Variante. Nachdem alle Instrumente ihre Variation gespielt haben, kommt der raffinierteste Teil. Britten baut eine Fuge, also eine musikalische Figur, in der die Melodien einzelner Variationen nacheinander einsetzen und übereinandergelegt werden. Für den ungeübten Hörer klingt das erstmal wie ein großer Tonsalat. Aber das ist gewollt. Man versteht diesen Teil des Stückes erst, wenn man ihn genauer hört oder analysiert. Alles, was vorher erklungen ist, kommt in Bruchstücken wieder vor. Diese Fuge endet dann in einem großen Klangteppich, auf dem schließlich die Bläser machtvoll und prächtig das Ursprungsthema wiederholen. Das ist der triumphale Abschluss des Stückes.

Das Johannesevangelium funktioniert ganz ähnlich. Es startet mit dem Thema. Das wird im sogenannten Prolog in Joh 1 vorgestellt. Das Thema ist: Jesus Christus ist Gottes Wort, das Mensch wird. Dieses Ereignis stellt die Menschen vor die Entscheidung, dies zu glauben oder abzulehnen. Viele lehnen ab. Wer aber glaubt, der hat im Glauben das Leben in Fülle gewonnen.

Das ist das Thema des Evangeliums. Und dieses Thema wird nun in verschiedenen Variationen und in verschiedenen Klangfarben durchgespielt: Bei der Taufe Jesu, in Kana, bei der Tempelreinigung, beim Besuch des Nikodemus, beim Gespräch mit der Samariterin, bei der Heilung des Blinden, bei der Brotvermehrung, bei der Erweckung des Lazarus – immer das gleiche Thema: Jesus, Sohn Gottes – glaubt ihr das, oder lehnt ihr das ab?

Das hohepriesterliche Gebet, aus dem heute ein Abschnitt gelesen wurde, ist so etwas wie die große Fuge. Alle Variationen kommen noch einmal zusammen und mischen sich zu einem durchkomponierten Text über die Sendung Jesu. Beim ersten Hören entsteht so etwas wie ein „Aussagensalat“ mit scheinbar ständigen Wiederholungen: Es geht um das Leben, das Wort, die Stunde Jesu, den Vater und den Sohn, den Glauben, die Herrlichkeit. Über dieser Fuge wird sich dann im Bericht von Tod und Auferstehung das große Anfangsthema wieder erheben. Jetzt kommt zur Vollendung und zur Verherrlichung, was Jesus in seinen Reden und Zeichen angekündigt hat. Durch die gesamte Sendung Jesu war das Thema präsent, aber jetzt ist es wieder klar zu hören.

Am Ende von Brittens Orchesterstück bleibt das Thema als Ohrwurm zurück. Das Stück führt dahin, dass die, die es gehört haben dieses Thema weiter summen. So will es das Johannesevangelium auch. Die Leser und Hörer sollen das Thema für sich annehmen und weitersummen. Es bleibt im Ohr und soll sich ins Herz und ins Gedächtnis einsenken. Wer das Thema im Ohr hat, der wird beim erneuten Lesen oder Hören dieses Thema in allen Abschnitten des Evangeliums wiederfinden. Es wird mit ein wenig Aufmerksamkeit gelingen, die Variationen zu lesen und zu verstehen.

„Du hast sie mir gegeben und sie haben an meinem Wort festgehalten“ – so sagt es Jesus im Gebet über seine Jünger (Joh 17,6). Und zu diesen Jüngern sollen auch wir gehören, die das Evangelium lesen und hören. Ist das Johannesevangelium deshalb auch mein Lieblingsevangelium? Sicher nicht, weil es am dichtesten am Geschehen von damals „dran“ ist, aber sicherlich in der Hinsicht, als dass es so kunstvoll gebaut ist, zugleich ganz einfach, aber dennoch sehr tiefsinnig. Es lohnt sich durchaus, das Evangelium als Ganzes zu lesen.

Beitragsbild: Goldener Saal im Musikverein Wien     

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